IS-Anführer al-Baghdadi soll tot sein - für den Kampf gegen den Terror spielt das keine Rolle

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IS-Anführer al-Baghdadi ist tot - dabei spielt das für den Kampf gegen den Terror keine Rolle | Reuters TV / Reuters
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  • Der selbsternannte Kalif der Terrormiliz Islamischer Staat, Abu Bakar al-Baghdadi, soll tot sein
  • Für viele Beobachter gilt das als großer Schlag gegen den IS
  • Dabei spielt al-Baghdadi für den Kampf gegen die Terroristen keine wichtige Rolle

Im April 2013 fährt ein dunkler, rotbrauner Wagen durch die syrische Stadt Kafr Hamra. Er hält vor dem Hauptquartier der Dschihadisten-Vereinigung Majlis Shura al-Mujahideen (MSM). Vier Männer sitzen in dem Auto, drei halten Maschinengewehre, einer das Lenkrad - es ist Abu Bakar al-Baghdadi.

Fünf Tage lang ist er in Kafr Hamra. Er trifft sich mit einigen der meist gesuchten Männer der Welt, Anführer verschiedener islamistischer Terrororganisationen, wie der Al-Nusra-Front. Und er überzeugt sie, sich ihm anzuschließen und ihn als ihren Anführer zu akzeptieren.

So zumindest berichtete ein Augenzeuge des Treffens, ein Mann namens Abu Ahmad, dem US-Magazin "Foreign Policy" den Gründungsmythos der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) in ihrer heutigen Form.

Etwas mehr als ein Jahr später, im Juni 2014, ruft al-Baghdadi in der irakischen Stadt Mossul sein Kalifat aus. Mittlerweile ist Mossul befreit und al-Baghdadi für tot erklärt. Wieder einmal.

Der selbsternannte Kalif ist schon viele mutmaßliche Tode gestorben. Doch ob nun tot oder lebendig: Für den Kampf gegen den IS spielt al-Baghdadi keine Rolle.

Die wahren Anführer des IS

Denn al-Baghdadi mag das Gesicht des Islamischen Staats sein. Doch viel mehr ist er nicht. Die wahren Anführer des islamischen Staats waren und sind andere. Etwa Haji Bakr, der im April 2013 in Kafr Hamra neben al-Baghdadi im Auto gesessen haben soll.

Bakr war in seinem Leben vor dem IS Geheimdienstoberst in der irakischen Armee unter Saddam Hussein. Nach der Invasion der USA im Jahr 2003 ging Bakr in den Untergrund, schloss sich dem IS an - und machte diesen zu der gefährlichen Terrormiliz, die die Welt heute kennt.

Christoph Reuter, Nahost-Korrespondent des "Spiegels" und Experte für den IS, bezeichnete Haji Bakr in einem Artikel als "einflussreichsten Terror-Strategen der jüngeren Vergangenheit". Unter Bakrs Anleitung habe der IS seinen "schleichenden Eroberungsfeldzug" begonnen, der ihn zur "wichtigsten Terrororganisation der Gegenwart" gemacht habe, schreibt Reuter.

Bakr sei es gewesen, der al-Baghdadi zum Anführer der Bewegung gemacht habe, schreibt Reuter weiter. Dabei sei der irakische Offizier "absolut kein Islamist" gewesen, zitiert der "Spiegel"-Autor den irakischen Journalisten Hischam al-Haschimi, dessen Cousin mit Bakr gedient haben soll.

Doch ein islamistisches Kalifat braucht einen islamistischen Kalifen. Und so wurde der Kleriker al-Baghdadi zum "Posterboy des IS", wie Reuter dem Sender N24 am Dienstag sagte.

Der IS, ein Bund der Militär- und Geheimdienstoffiziere

Al-Baghdadi überlebte seinen Mentor Bakr. Letzterer wurde bereits im Januar 2014 erschossen.

Danach sind es Männer wie Abu Muslim al-Turkmani, ein ehemaliger Armeeleutnant von Saddam Husseins Spezialkräften, und Abu Ali al-Anbari, ein ehemaliger General des irakischen Diktators, welche die Geschicke des IS leiten, wie das Centre for Religion and Geopolitics (CRG) schon im April 2015 berichtete.

Al-Baghdadi selbst war in den Reihen der IS-Soldaten ohnehin kaum als Anführer präsent. Nach seiner Ausrufung des Kalifats im Juni 2014 gab es so gut wie keine öffentlichen Auftritte des Terrorführers mehr.

Erst im November 2016 bricht er sein langes Schweigen, um noch einmal seine Kämpfer mit einer Rede auf ihren heiligen Dschihad einzuschwören.

Dann wird es wieder still um ihn. “Al-Baghdadi war schon immer eine ruhige Person", sagte der IS-Informant Abu Ahmed dem "Guardian". "Er hat Charisma, man hat gemerkt, dass er wichtig ist. Aber da waren andere, die einfach sehr viel wichtiger waren als er."

"Die Marke IS wird weiterleben"

Ob al-Baghdadi nun also lebt oder nicht, ob er nun ein tatsächlicher Anführer oder bloß ein islamistischer "Posterboy" ist (oder war): Der IS wird auch ohne ihn weiter existieren.

Die Terrormiliz befindet sich zwar im Irak wie in Syrien auf dem Rückzug - gerade erst musste sie ihre Hochburg Mossul aufgeben. Doch als Organisation befindet sich der IS nicht im Zerfall, sondern im Wandel: Vom Terrorstaat zum Terrornetzwerk.

Mehr zum Thema: Die Macht der Terrormiliz IS schwindet - Experten warnen: Das kann für den Westen sehr gefährlich werden

"Der IS wird als Marke im Cyberspace und in den sozialen Medien weiterleben, mit der Fähigkeit Menschen zu weiteren Attacken anzustiften", schrieb Willis Spark, Analyst des politischen Beratungsunternehmens Eurasia Group, schon im Oktober 2016 über ein mögliches Ende des islamistischen Kalifats.

Al-Baghdadi wird in dieser neuen Strategie allenfalls als Märtyrer taugen, als klerikale Sehnsuchtsfigur für die verqueren Fanatiker des IS.

Die wahren Drahtzieher der Terrororganisation werden andere Männer bleiben, Enttäuschte und Verprellte aus der Zeit Saddam Husseins.

So, wie es beim IS von Anfang an war.

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(mf)

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