"Atombombe fürs Gehirn?": Erfinder des iPhones warnt vor den Gefahren von Smartphones für die Gesellschaft

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Der Erfinder des iPhones warnt vor der Gefahr von Smartphones für die Gesellschaft | Eva-Katalin via Getty Images
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  • Auf fast den Tag genau vor zehn Jahren hat Apple sein erstes iPhone herausgebracht
  • Der Tech-Gigant löste damals die Smartphone-Welle aus
  • Doch damit gingen auch Probleme für die Gesellschaft einher, wie einer der iPhone-Erfinder jetzt eingesteht

Ein Leben ohne Smartphone und mobiles Internet ist für viele Menschen heute nicht mehr vorstellbar. Laut einer US-Studie berühren wir die Geräte durchschnittlich über 2500 Mal am Tag.

Doch die intensive Nutzung verursacht Probleme. So führt die Präsenz des Mobiltelefons zu Konzentrationsschwächen.

Apple löste mit der Veröffentlichung des ersten iPhones vor fast genau zehn Jahren den Smartphone-Trend aus. Doch ausgerechnet einer der Erfinder warnt nun eindrücklich vor den Problemen von Smartphones für die Gesellschaft.

"Ich wache in kaltem Schweiß gebadet auf und denke oft, was haben wir auf die Welt gebracht?", sagte Tony Fadell, Ex-Senior Director bei Apple, auf einer Konferenz in London.

"Haben wir wirklich eine Atombombe erschaffen, die mit Informationen - wie wir es bei Fake-News sehen - die Gehirne der Menschen wegblasen und sie umprogrammieren kann?", fragte er in Richtung der Zuschauer. "Oder haben wir den Leuten Licht gebracht, die niemals zuvor Zugriff auf Informationen hatten und nun mehr Macht bekommen haben?"

Tagelange Smartphone-Entzugserscheinungen

Fadell gab die Antwort gleich selbst: Wenn er seinen Kindern die Geräte wegnehme, dann fühle es sich buchstäblich an, "als würde man ihnen ein Stück ihrer Selbst entreißen". Die Entzugserscheinungen würden dann zwei bis drei Tage anhalten.

Aus Sicht von Christian Montag sind das die ersten Symptome für eine starke Abhängigkeit. Er leitet die Abteilung Molekulare Psychologie an der Universität Ulm. Montag beschäftigt sich insbesondere mit dem Einfluss von Mobiltelefonen auf die Persönlichkeit und die Gesellschaft.

"Es gibt einen Anstieg der Anzahl von Menschen, die eine problematische Nutzung des Smartphones zeigen", sagte er der HuffPost. Dazu komme eine größer werdende Nutzergruppe, die im Graubereich zur Suchtgefährdung liege.

Zwar ist es nicht ganz leicht zu definieren, welche Nutzergruppe besonders betroffen ist. Dennoch ist laut Montag auffällig, dass in der Forschung Unterschiede bei den Geschlechtern je nach Kanal bestätigt worden seien. "Bei der Nutzung von sozialen Netzwerken sind Frauen stärker betroffen, bei Computerspiele sind es die Männer", sagt er.

Infografik: Hier nutzen die Deutschen ihr Smartphone | Statista

Smartphones könnten gerade für Eltern zum Problem werden

Die Gefahr aus Sicht des Psychologen ist, dass "iPhone und Co. uns darauf getrimmt haben, uns überall ablenken zu wollen".

Durch das ständige Wiederholen unseres Verhaltens in ähnlichen Situationen – das Handy zücken, wenn wir auf den Bus warten oder in der U-Bahn - hätten die Menschen gelernt, in all diesen Situationen reflexartig auf das Gerät zu schauen, warnt Montag.

Im Kern sei das ein Design-Problem, stellt der ehemalige iPhone-Entwickler Fadell klar. Er glaubt, dass Smartphones Kommunikationsgeräte sind, die vielmehr auf die Bedürfnisse eines Einzelnen zugeschnitten sind - als auf die von Familien oder einer größeren Gemeinschaft.

Designer und Entwickler in der Verantwortung

Das egozentrische Art des Designs von Smartphones falle nun auf die jüngste Generation zurück, warnt Fadell. Und das könnte gerade für Eltern zum Problem werden. Studien zeigen, dass jüngere Menschen das Gerät häufiger nutzen und ihm eine größere Bedeutung geben als ältere.

Deshalb sieht Fadell Designer und Entwickler in der Verantwortung. Der Computeringenieur fordert einen hippokratischen Eid für Designer: "Ich denke, wir müssen uns der unbeabsichtigten Konsequenzen sehr bewusst sein, sie zugleich aber auch erkennen und beseitigen", sagte er auf der Konferenz. "Wir müssen sicherstellen, ethisch zu designen."

Fadell verband seinen Appell mit einer Mahnung: So langsam wie heute werde sich Technologie vermutlich nie wieder entwickeln.

"Wir stressen uns viel zu viel durch das Smartphone"

"Wir stressen uns viel zu viel durch den ständigen Begleiter 'Smartphone'", unterstreicht Montag. "Selbst in Ruhepausen hängen wir an den Geräten und verhindern so freie Gedankenströme, die beim Nichtstun entstehen."

Um der Smartphone-Sucht zu entgegnen, hat der Experte ein paar Tipps:

Eine Armbanduhr tragen - "Denn wir brauchen einen Zeitgeber, der unabhängig vom Smartphone verfügbar ist."

Einen echten Wecker für das Schlafzimmer anschaffen - "Denn bis zu 40 Prozent der Menschen greifen in den letzten und den ersten 5 Minuten vor beziehungsweise nach dem Schlaf zu ihrem Telefon."

Im Bus oder der Bahn aus dem Fenster schauen - "Denn wir brauchen den Raum zum Abschalten. Nichtstun führt übrigens bei vielen Menschen zu einem Gedankenstrom, der Kreativität fördert."

Montag macht aber auch deutlich: "Grundsätzlich sind die Handys nicht zu verteufeln, denn bis zu einem gewissen Grad der Nutzung kann die Produktivität durch Smartphones sogar steigen."

Nur dieser Punkt dürfe eben nicht überschritten werden - was vielen zunehmend schwerer falle.

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(lk/ll)

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