Es ist ein Skandal, dass Deutschland immer noch voller Funklöcher ist

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Es ist ein Skandal, dass Deutschland immer noch voller Funklöcher ist (Smybolbild) | Alexander Chernyakov via Getty Images
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Unser Land verändert sich dramatisch. Aber was heißt das eigentlich? HuffPost-Autor Sebastian Christ wandert 700 Kilometer durch Deutschland, um das herauszufinden. Dies ist der dritte Teil der Serie.

Im Grundgesetz - Artikel 72, Absatz 2, ist von "gleichwertigen Lebensverhältnissen" auf dem "Bundesgebiet" die Rede.

Und zu den Grundweisheiten meiner Generation gehört es, dass wir heute "im Netz" leben. Das Internet ist keine Spielerei, so wie es der konservativere Teil unserer Gesellschaft noch vor einigen Jahren glauben wollte.

Wir lernen Menschen im Netz kennen, organisieren unsere Existenz über Webdienste. Wir googeln über unsere Smartphones Informationen, wenn wir mal nicht weiter wissen, buchen Hotels, bestellen unser Essen bei Lieferdiensten.

Das Internet ist Teil unserer Existenz. Und es ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Wenn man so will, beginnt im Elbtal, direkt hinter der tschechischen Grenze, eine Zone, in der Menschen von den "gleichwertigen Lebensverhältnissen" im "Bundesgebiet" abgekoppelt werden. Man kann das ziemlich genau lokalisieren: Dort, wo hinter dem Fähranleger von Schöna der Empfang des tschechischen Handynetzes abreißt, leben Zehntausende Menschen in der digitalen Dunkelheit.

Im Tal der Ahnungslosen

Auf einer Strecke von fast 30 Kilometern, bis nach Pirna, ist der Empfang von digitalen Daten über das Mobiltelefon nur stark eingeschränkt möglich. Ein Leben am Rand.

Zu DDR-Zeiten hieß dieser Teil Deutschlands das "Tal der Ahnungslosen" - weil man hier, im östlichsten Zipfel der Honecker-Republik, kein Westfernsehen empfangen konnte. Heute wiederholt sich das Spiel – unter anderen Vorzeichen.

In Krippen sagt der freundliche Hotelbesitzer zu mir: "Wir haben ein Problem mit der Schlucht." Und entschuldigt sich zugleich dafür, dass auch die Wlan-Leitung deswegen nur sehr schwach sei. Das Problem ist bekannt.

Einige Kilometer weiter, auf den Höhen zwischen Bad Schandau und Rathmannsdorf, vibriert plötzlich mein Handy. Mit einem Mal erreichen mich die verpassten Nachrichten der vergangenen Stunden. Doch schon einige Schritte weiter ist die Verbindung wieder weg.

In den Lokalen von Rathen und Wehlen liegen keine Smartphones auf den Tischen. Ein Mann raucht Pfeife, während er an der Elbe sitzt und ein Buch liest. Vielleicht ist es eine Generationenfrage: Aber ich mag dabei keine romantischen Gefühle empfinden.

Das Smartphone bedeutet für mich Freiheit

Ich weiß von meinem Vater, dass er nach dem Mauerfall im noch nicht wiedervereinigten Deutschland war. Er traf in Sachsen Freunde, die er über die neu entstandene Städtepartnerschaft meines westdeutschen Heimatortes kennengelernt hat. Ich erinnere mich, wie er damals zu meiner Mutter gesagt hat: "Diese Straßen, das kannst du dir nicht vorstellen!" Es waren die Folgen von 40 Jahren kommunistischer Misswirtschaft.

Mit einem eigenen Auto von einem Ort zum anderen zu kommen, das war für ihn ein grundlegender Teil seines Verständnisses von Freiheit. So wie es für mich heute Freiheit ist, wann immer ich es will, die Weltlage auf mein Smartphone zu holen.

Das Elbtal ist nicht die einzige Region in Deutschland, die von den deutschen Mobilfunkbetreibern in der analogen Welt des Jahres 1995 gefangen gehalten wird. Wenn ich mit dem Zug durch Nordhessen fahre, kenne ich diese Phasen genau. Ich weiß zum Beispiel, dass ich nahe der Grenze zu Nordrhein-Westfalen auf gewissen Routen mein Handy gar nicht anzuschauen brauche. Es tut sich nichts.

Oder dass kurz nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe kein Download mehr möglich ist.

Nördlich von Magdeburg muss man bisweilen auf Türme klettern, um telefonieren zu können.

Die Funklöcher sind in keinster Weise romantisch

Diese Vernachlässigung des ländlichen Raums mag uns bisweilen putzig vorkommen. Es klingt nach Ruhe und Entspannung. Vielleicht denkt der eine oder andere an dieses verheerende "Look up"-Video, in dem suggeriert wird, dass wir unser Leben verpassen, weil wir immer nur aufs Smartphone schauen.

Was für ein kulturkonservativer Bullshit. Und sowas kann nur von Leuten kommen, die ohnehin zu jeder Zeit Handy-Empfang haben. Wann immer sie wollen.

Die Menschen im Elbtal und anderswo haben diesen Hohn nicht verdient. Sondern nichts anderes als gleichwertige Lebensverhältnisse.

Alle Beiträge der Serie findet ihr hier.

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(ll)

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