Forscher warnen: Diesen fatalen Effekt hat es auf Kinder, wenn sie zu viele Spielzeuge besitzen

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Forscher warnen: Diesen fatalen Effekt hat es auf Kinder, wenn sie zu viele Spielzeuge besitzen. | primeshooter via Getty Images
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  • Eltern geben jedes Jahr im Schnitt mehrere paar hundert Euro fĂĽr Spielzeug aus
  • Dabei ĂĽberfordert ein Ăśberfluss an Spielsachen die Kinder
  • Sie können sich nicht konzentrieren und kreativ werden - und das hat Folgen fĂĽr die Kindesentwicklung

Wir besitzen zu viele Dinge. Und trotzdem häufen wir jedes Jahr noch ein bisschen mehr Besitztümer an – auch für unsere Kinder. Mehrere hundert Euro geben Eltern pro Jahr im Schnitt für Spielzeug aus. Die Spielzeugbranche ist in Hochstimmung – mit einem Branchenumsatz von über drei Milliarden Euro für das Jahr 2016.

Aber was macht es mit unseren Kindern, wenn wir sie mit sprechenden Plüschtieren, blinkenden Bällen, Barbies und Actionfiguren samt tausendfachem Zubehör überhäufen?

Zu viel Spielzeug behindert die kindliche Entwicklung

"Die Kinderzimmer sind voller Spielzeug, was die Folge hat, dass Kinder immer häufiger überfordert sind", sagte André Frank Zimpel, Professor für Pädagogik an der Universität Hamburg, dem "Hamburger Abendblatt“. "Sobald sich ein Kind in ein Spiel hinein vertieft hat, wartet schon das nächste Spielzeug."

Eine wachsende Zahl an Experten warnt: Diese Ăśberforderung behindere die Kleinen in ihrer Entwicklung. Eltern kĂĽmmern sich immer intensiver um das - vermeintliche - Wohl ihrer Kinder. Wenn der Nachwuchs sich das neue Spielzeug zu Weihnachten wĂĽnscht, kann er sich fast sicher sein, dass er es dann auch unter dem Weihnachtsbaum findet.

Dabei schränkt der Überfluss an Spielzeug die Kreativität ein – sie verhindert, dass die Kinder sich in ihr Spiel vertiefen und frei fühlen können.

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Wie wichtig aber das freie Spiel ist, betont der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther schon seit Langem. Er spricht von den drei Säulen der kindlichen Entwicklung: das Aneignen von Kreativität, das Aneignen von Wissen und das Aneignen von Können.

Kinder, die frei spielen, können später leichter Probleme lösen

Und diese Aneignung, so seine These, erfolgt dadurch, dass die Kinder frei spielen können – ohne Vorgaben, ohne Überfluss. Wenn sie in unterschiedliche Rollen schlüpfen und ihrer Fantasie freien Lauf lassen, erschließen sie sich die verschiedensten Denkweisen und Strategien. Denn je weniger Vorgaben sie bekommen, desto mehr müssen sie ihre Vorstellungskraft benutzen.

“Aus der Gehirnforschung weiß man, dass völlig absichtsloses Spielen für die besten Vernetzungen im Gehirn sorgt”, sagt Hüther.

Inzwischen weiß man: Kinder, die die Chance bekommen haben, frei zu spielen, können später leichter Probleme lösen.

Diese Meinung teilt auch Kinderarzt Herbert Renz-Polster. "Kinder nutzen das Spiel also, um sich ein möglichst breites Spektrum an Denkmöglichkeiten zu erschließen", schreibt er in seinem Buch "Menschenkinder“. "Und damit schaffen sie die Grundlage der wohl wichtigsten menschlichen Geisteskraft überhaupt: der Kreativität. Es gibt keinen Unterschied zwischen Spielen und Lernen!“

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Kinder können sich bei einem Überfluss an Spielzeug nicht ins Spiel vertiefen. Credit: Gettystock

Dass Kinder für das Spielen weder Vorgaben noch Spielzeug brauchen, zeigte eine deutsche Studie schon in den 90er Jahren. Dabei wurden 20 pädagogische Mitarbeiterinnen aus acht bayerischen Kindergärten interviewt, die das Spielzeug für einen bestimmten Zeitraum aus ihrem Kindergarten entfernt hatten.

Kinder können sich nicht auf eine Sache konzentrieren, wenn sie zu viel Spielzeug haben

Die Erzieherinnen bestätigten, dass die Kinder nach anfänglicher Verwirrung kreativer und interaktiver gespielt sowie bessere Konzentrationsfähigkeiten gezeigt hätten.

Auch eine Studie amerikanischer Verhaltensforscher zeigt, dass sich Kinder unter fünf Jahren nicht auf eine Sache konzentrieren können, wenn sie zu viel Spielzeug haben. Stattdessen fassen sie ziellos alle Spielsachen an, ohne sich wirklich mit einem einzelnen auseinanderzusetzen. Damit gehen wichtige Lerneffekte und die Möglichkeit, sich Kreativität anzueignen, verloren.

Die Studie wurde von der Organisation Zero to Three durchgeführt, die von der US-Regierung gefördert wird, um Vorschulprogramme für die Vereinigten Staaten zu entwerfen. "Unsere Studie zeigt, dass es Kindern schadet, wenn man ihnen zu viel oder das falsche Spielzeug gibt. Sie sind überfordert und können sich nicht länger auf eine Sache konzentrieren, um daraus lernen zu können“, sagte Studienleiterin Claire Lerner der britischen Zeitung "Guardian".

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Eltern erreichen genau das Gegenteil

"Der Zusammenhang zwischen der Kindesentwicklung, den Spielsachen, die den Kindern gegeben werden, und der Zeit, die ihre Eltern mit ihnen verbringen, ist komplex“, schreibt wiederum Kathy Sylva von der Oxford University.

Die Psychologin untersuchte 3000 Kinder im Alter zwischen drei und fĂĽnf Jahren. "Wenn sie eine groĂźe Anzahl an Spielsachen besitzen, scheint sie das abzulenken und sie lernen und spielen nicht gut", schreibt sie in einem Statement.

Der schiere Überfluss an Spielzeug hindert die Kinder daran, frei und konzentriert zu spielen und sich damit neue Denkmöglichkeiten, Problemlösungsfähigkeiten und Kreativität anzueignen.

Diese Erkenntnisse bedeuten nicht, dass Eltern darauf verzichten sollten, ihren Kindern Spielsachen zu schenken. Aber wenn sie ihre Kinder mit Spielzeug regelrecht überhäufen, erreichen Eltern genau das Gegenteil von dem, was sie wahrscheinlich damit erzielen wollten: ein fröhliches, spielendes, lernendes Kind.

Momo: "Ich glaub', man kann sie nicht lieb haben“

Genau dieses Thema greift übrigens auch Michael Ende in seinem berühmten Kinderbuch "Momo" auf. Dort findet das Mädchen Momo eines Tages eine neue Spielzeugpuppe vor ihrem Zuhause. Doch das Spielen mit ihr ödet sie bald an, obwohl die Puppe schöner und moderner als alle anderen Puppen ist, die sie kennt.

Denn die Spielzeugpuppe braucht immer wieder neue Accessoires – und der pure Überfluss an Zubehör hindert Momo am kreativen Spielen, wie es mit einer einfachen Puppe möglich wäre. Ihr wird langweilig und sie fühlt sich leer.

Einer der Zeitdiebe (die Bösewichte in dem Buch) erklärt ihr: "Man muss nur immer mehr und mehr haben, dann langweilt man sich niemals. Die Sache ist endlos fortzusetzen, und es bleibt immer noch etwas, das du dir wünschen kannst.“

Momo widersetzt sich dieser Vorgabe: "Ich glaub', man kann sie nicht lieb haben“, sagt sie zu dem grauen Herrn – und schlägt den Zeitdieb mit ihren klugen Fragen und dem Wunsch nach freiem, kreativen Spielen in die Flucht.

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(lk)

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