"Hochprofessionell": Experten und Insider erklären, wie die militanten Linksextremisten organisiert sind

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SCHWARZER BLOCK
Maximilian Marquardt / HuffPost
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  • Nach den Krawallen in Hamburg fragen sich viele Deutsche, wie die Linksextremisten organisiert sind
  • Experten erklären, wer zur Szene gehört - und wie sie agieren

Plötzlich sind sie da: schwarze Jeans, schwarze Jacken, schwarze Kapuzen, schwarzes Tuch über Mund und Nase, dunkle Sonnenbrille. Die Vermummten in der Masse der Demonstranten. Der Schwarze Block.

Ihr Auftreten bedeutet: Aggression, Gewalt. Brennende Straßensperren, Autos in Flammen, zerschlagene Fenster, Steinhagel.

Nach den Feuernächten von Hamburg fragen sich viele Menschen in Deutschland, wo diese Vermummten auf einmal herkamen. Wer sie sind. Wie sie so effektiv marodieren konnten.

Insider und Experten geben einen Einblick in die Szene.

1. Wer ist der Schwarze Block?

Der Schwarze Block hat keinen Anführer, ist keine Organisation. Hinter dem Begriff steckt eine anlassbezogene Ansammlung verschiedener Linksextremer, die zu Gewalt bereit sind.

Das können laut Experten unauffällige Linkspartei-Wähler sein, Anwälte, unideologische Krawallbrüder, Mitglieder linker Aktivistengruppen, ideologisch gefestigte Anarchisten, und vor allem Autonome.

Die einheitlich schwarze Kluft, so sieht es der Verfassungsschutz Bayern, dient ihnen als Erkennungszeichen, erzeugt ein fragwürdiges Zusammengehörigkeitsgefühl – und macht es schwer, Einzelpersonen zu identifizieren.

2. Warum taucht der Schwarze Block so schnell auf und verschwindet wieder?

Einer, der die linke Szene gut kennt, aber anonym bleiben will, beschreibt der HuffPost, wie der Schwarze Block agiert:

"Die meisten haben ihre schwarzen Klamotten in irgendeiner Tasche dabei, gern im Jutebeutel. Unter dem Schutz der riesigen Transparente, die sie mitbringen, ziehen sie sich innerhalb kürzester Zeit um."

So bildet sich in Sekunden ein Schwarzer Block inmitten der bunten Demonstranten.

Wenn es brenzlig werde, "reißen sie sich die Jacken runter, werfen sie über die nächste Hecke, schieben die Sonnenbrillen aufs Haar und fallen nicht mehr auf."

Der Einsatzleiter der Hamburger Polizei, Hartmut Dudde, kommentierte die Taktik bei einer Pressekonferenz am Sonntag bitter: "Aus schwarz mach bunt."

Mehr will die Hamburger Polizei auf Anfrage allerdings nicht sagen. "Einsatztaktik", heißt es da nur.

Mehr zum Thema: Akute Lebensgefahr: Einsatzleiter erklärt, warum die Polizei so spät in die Schanze vorrückte

3. Wie ist die militante linke Szene organisiert?

Laut aktuellem Verfassungsschutzbericht gab es im vergangenen Jahr in Deutschland 28.500 Linksextreme, darunter 8500 gewaltbereite, die mehrheitlich der autonomen Szene zugerechnet werden.

Studien, wer dazugehört, gibt es nicht. Forscher können daher nur auf ihre Erfahrungen und auf den Verfassungsschutz verweisen. Sie trafen vor allem junge Leute zwischen 15 und 28 Jahre. Die Szene ist stark in Bewegung, viele hören nach wenigen Jahren wieder auf.

Unter ihnen Schüler der Oberstufe, Studenten der unteren Semester, Auszubildende, Arbeitslose, Gelegenheitsjobber, Sozialhilfeempfänger.

Hierarchien gibt es nicht in der Szene. Das würde nicht zum Selbstverständnis passen. Der Linksextremismus-Experte, AfD-Politiker und ehemalige Hamburger Bereitschaftspolizist Karsten Dustin Hoffmann sagt der HuffPost: "Militanz braucht keine große Organisation."

Wohl aber gibt es ein großes Netzwerk der Linksextremen, mit Zentren und Jugendtreffs, auch in Kleinstädten.

In solchen Zentren gibt es persönliche Tipps und Flugblätter, wie man am effektivsten verhindert, dass die Polizei eine Sitzblockade beendet; wie man durch Abkleben von Markennamen auf der Kleidung verhindert, dass man hinterher identifiziert werden kann; wie man am schnellsten wieder aus Polizeigewahrsam herauskommt, wo man im Notfall einen Anwalt findet und so weiter. "Es wird zum Beispiel geraten, immer den Ausweis dabei zu haben", sagt Hoffmann, "dann kann einen die Polizei nicht so lange festhalten."

Handys dagegen, sagt der Insider, würden auf Demos wenn überhaupt dann nur mit Prepaid-Karte verwendet. Das macht es extrem schwer, hinterher Personen etwa durch Funkzellenortung nachzuweisen, dass sie an einem Tatort waren.

Vor Großveranstaltungen würden linke Zentren auch persönlich Werbung machen bei Gesinnungsgenossen im Ausland, sagt Hoffmann. "Das Geld für solche Werbung kommt aus sogenannten Kulturveranstaltungen reichlich", sagt er.

Auch wenn das Internet in der Szene weniger wichtig sei als der direkte Kontakt – so nutzen die Extremisten doch einschlägige Plattformen wie "linksunten.indymedia" und wechselnde weitere, sagt Hoffmann. Da würden auch immer wieder neue Konzepte für den Widerstand gegen den Staat präsentiert und anschließend in der Praxis getestet.

4. Warum sind die Randalierer so effektiv in ihrem Wüten?

Beobachtungen legen nahe, dass viele der Randalierer Übung haben. Zwei, drei gezielte Schläge mit einer Stange, und von einem Bankautomaten ist nur noch ein Haufen Schrott und Splitter übrig.

Und die Wurfkraft, mit der die Randalierer selbst schwere Pflastersteine und Brandsätze in Hamburg geworfen haben, ließ Zuschauer staunen.

Aus Sicherheitskreisen ist zu hören, die Randalierer agierten "hochprofessionell".

Das Werkzeug, so sagt der Kenner der linken Szene, klauen die Militanten am liebsten vor Ort zusammen, von Baustellen, aus geplünderten Geschäften.

"Wer mit einer Brechstange oder einer Hacke im Rucksack von der Polizei erwischt wird, wird gleich einkassiert – und seine Begleiter gleich mit. Das riskiert höchstens ein Neuling."

Auf ihren Zerstörungszügen kämpfen die Militanten mit klassischer Guerillataktik: Scheibe einschlagen, weiterrennen, nächste Scheibe einschlagen, weiterrennen, Mülleimer anzünden, weiterrennen und nebenher noch schnell auf etwas einknüppeln, das irgendwie mit Kapitalismus zu tun haben könnte: Niederlassungen großer Firmen, Banken, US-Ketten wie Starbucks, teure Autos.

Wer die Hit-and-Run-Taktik ideologisch untermauern will, findet auf Seiten wie "Rafinfo" unter "Stadtguerilla" Antworten.

Größere Aktionen wie Barrikaden, sagt der Insider, würden dann manchmal in den Protestcamps besprochen. Was dort zähle, sei die Erfahrung, dann werde abgestimmt. "Man kennt sich lose, aber keiner weiß, was der Nebenmann jetzt plant, ob er losschlägt oder nicht."

Aus Sicherheitskreisen ist allerdings zu hören, dass Randale oft auch "straff organisiert" würden, geradezu "generalstabsmäßig". Dazu brauche es aber keine Hierarchien im klassischen Sinn, das laufe über Absprachen und persönliche Bekanntschaft.

Praktisch sieht das dann so aus: "Nach einer Plünderung oder so etwas rennt ein Pulk von vielleicht 60 Menschen los, und innerhalb kürzester Zeit steht man dann fast allein da", sagt der Kenner der Szene der HuffPost. "Der Pulk zerstreut sich in die Nebenstraßen, ist so von der Polizei kaum zu fassen."

Der Linksextremismus-Experte Armin Pfahl-Traughber von der Hochschule des Bundes für Verwaltung in Brühl schreibt, die Gewalt sei nicht nur ein Mittel der Autonomen, sondern gehöre zur Identität, zum Lifestyle.

Genau das lasse sich auch in Selbstzeugnissen nachlesen. Straftaten seien in der Szene kein Problem, sondern Aushängeschild "besonders konsequenten Agierens".

Noch kurz vor dem Gipfel schrieb der Professor über die Szene: "Die Gewaltintensität stieg zwar qualitativ und quantitativ an, blieb aber unter der Schwelle eines strukturierten Terrorismus."

Die Politik will es jedenfalls nicht bis zu festen Strukturen kommen lassen. Innenexperten fordern unter anderem einen Datenaustausch mit ausländischen Behörden. Und Innenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte am Montag auf einer Pressekonferenz, er halte das für keine schlechte Idee.

Mehr zum Thema: War das schon Terrorismus? Warum die deutsche Linke ein ernstes Problem mit der Gewalt hat

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(ll)

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