Lieber unbekannter Rechtsextremist: Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen

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FLUECHTLINGE
Lieber unbekannter Rechtsextremist: Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen | Getty
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Unser Land verändert sich dramatisch. Aber was heißt das eigentlich? HuffPost-Autor Sebastian Christ wandert 700 Kilometer durch Deutschland, um das herauszufinden. Dies ist der zweite Teil der Serie.

Lieber unbekannter Rechtsextremist:

Ich war gerade einmal drei Kilometer durch Deutschland gelaufen, als ich bei Reinhardtsdorf-Schöna Dein Plakat gesehen habe, das Du an einem der beliebtesten Radwege Sachsens ausgestellt hast. Es hing in dem Schaukasten einer Holzwerkstatt am Elbeufer. Das Tor zum Hof war verschlossen. Gerne hätte ich mich mit Dir unterhalten.

„Zivilcourage ist kein Verbrechen!“, steht auf dem Plakat geschrieben. Und darunter die Netz-Adresse des Vereins „Ein Prozent“, der in Ostdeutschland gegründet wurde und sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen engagiert.

Darunter sind einige Zahlen zu lesen: Der Freistaat Sachsen bezahle angeblich 40.000 Euro dafür, dass Flüchtlingen Märchen vorgelesen würden. Und 32.000 Euro für einen Verein, der es Asylbewerbern ermögliche, „gleichberechtigt Obst und Gemüse anzubauen“. Von „unglaublichen Summen“ ist die Rede. Ich konnte die Zahlen in diesem Moment nicht überprüfen. Was hauptsächlich an dem miesen Handyempfang in der Sandsteinschlucht des Elbtals liegt.

ein prozent
Foto: Sebastian Christ

Die Summen sind gar nicht so unglaublich hoch

Aber wahrscheinlich geht es darum auch gar nicht. Du rechnest damit, dass es einen gewissen Teil der Bevölkerung gibt, der diese Zahlen glauben will. Egal, ob sie wahr sind oder nicht.

Du weißt: Die Summen sind gar nicht so unglaublich hoch. Sie sind gerade so gewählt, dass fast jeder Mensch in Deiner Umgebung etwas damit anfangen kann. Vielleicht hat der ein oder andere eine Hypothek in dieser Höhe. Oder ein Auto gekauft, das ungefähr genauso teuer ist. Das macht die Sache so perfide.

Denn mit Geld kann man vortrefflich Menschen verhetzen. Und sofort kam mir eine Szene aus meiner Grundschulzeit in den Sinn.

Ich war gerade neun Jahre alt: Die Berliner Mauer fiel, und bald schon redeten sich die Menschen in meiner westdeutschen Heimat darüber in Rage, dass jeder Ostdeutsche bei seinem ersten Besuch im Westen 100 Mark Begrüßungsgeld bekommen hat.

Hundert Mark – das war eine Summe, mit der jeder Mensch in Westen etwas anfangen konnte. Für viele Menschen in einfachen Jobs war das damals ungefähr der Nettolohn von anderthalb Tagen Arbeit. „Alles bekommen die umsonst!“, trötete ein Klassenkamerad auf dem Pausenhof meiner hessischen Grundschule. In Wahrheit waren es wohl die Gedanken seiner Eltern.

Das Ressentiment-Bingo mit den handlichen und weniger handlichen Summen wurde mit der Zeit zu einem deutsch-deutschen Volkssport.

Westdeutschland als "Kalifornien Europas"

Den Ostdeutschen wurden die Kosten für die Wiedervereinigung gegengerechnet (mehr als eine Billion Euro). Sie mussten sich anhören, dass Westdeutschland ohne die Kosten der Wiedervereinigung zum „Kalifornien Europas“ geworden wäre (was sich in den regnerischen Mittelgebirgen immer etwas ulkig angehört hat). Und der Solidarzuschlag (den auch die Ostdeutschen bezahlen müssen) ist bis heute für einige Westdeutsche ein guter Anlass dafür, die Hasspeitsche knallen zu lassen.

Manchmal frage ich mich, ob diese aus einer niederträchtigen deutschen Neiddebatte entstandenen Kränkungen auch eine Generation später noch nachwirken. Damals ging es nicht um syrische Bürgerkriegsflüchtlinge, sondern um Deutsche, die anderen Deutschen das Schwarze unter den Fingernägeln nicht gönnen wollten. Aber womöglich setzen sich solche Kränkungen unter anderen Vorzeichen fort.

Jedenfalls folgt Dein Plakat den gleichen Mustern, nach denen damals auch die Eltern meines Schulhof-Kumpels dachten. Ich weiß nicht, wie lange das Plakat in Deinem Schaukasten schon hing. Ob Du immer noch so denkst, oder ob Du mittlerweile eingesehen hast, dass die Bundesrepublik selbst nach der Aufnahme von mehr als einer Million Flüchtlingen nicht zusammengebrochen ist.

Stimme gegen diese widerliche Wohlstands-Hetze zu erheben

Aber unabhängig davon möchte ich mich bei Dir entschuldigen.

Ich war damals zu Grundschulzeiten zwar zu jung, um meine Stimme gegen diese widerliche Wohlstands-Hetze zu erheben. Und trotzdem tut es mir leid, wie damals mit Menschen umgegangen wurde. Dass 17 Millionen Menschen in den neuen Bundesländern zu Kostenfaktoren reduziert worden sind. Was waren das für Zeiten, in denen wir in das wiedervereinigte Deutschland gestartet sind?

So geht man nicht miteinander um. Das ist keine Art, Menschen zu begegnen, die Hilfe und Solidarität brauchen.

Vielleicht denkst Du ja eines Tages ähnlich.

Alle Beiträge der Serie findet ihr hier.

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(mf)

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