Vorteile von Breastsleeping: Das passiert mit Kindern, die im Bett der Eltern gestillt werden

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Breastsleeping: Wenn Kinder im Bett der Eltern gestillt werden, hat das erstaunliche Effekte auf Mutter und Kind. | iStock
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Nein, bitte. Nicht jetzt! Ich war doch grade wieder eingeschlafen.

Leise, aber erbarmungslos dringen die wimmernden Laute an dein Ohr. Das kleine Wesen neben dir im Bett verlangt nach Aufmerksamkeit, nach Milch.

Müde greifst du nach dem warmen, weichen Bündel und legst es dir an die Brust, bis nach einigen Minuten die Atemzüge ruhig und gleichmäßig werden und auch deine Augen wieder zufallen.

Jeder, der diese Situation schon erlebt hat, weiß: Der Schlafrhythmus eines wenige Monate alten Babys und das elterliche Bedürfnis nach nächtlicher Ruhe lassen sich nur schwer vereinbaren.

Neugeborene brauchen viel öfter Nahrung als Erwachsene, müssen also auch nachts alle paar Stunden gestillt werden. Schläft das Baby in einem eigenen Bett, bedeutet das für die Mutter ein ständiges Hin und Her, Aufstehen und wieder Hinlegen.

Kinder profitieren enorm, wenn sie im Bett der Eltern gestillt werden

Wenn das Kind aber mit im Bett der Eltern schläft, macht das einiges einfacher. Heraus kommt das, was Experten als “Breast-Sleeping” bezeichnen. Eine Kombination aus Breastfeading und Co-Sleeping, also der Praxis, die Kinder mit im eigenen Bett schlafen zu lassen.

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Welch positive Effekte Co-Sleeping auf die Entwicklung eines Kindes hat, betonen viele renommierte Experten seit Jahren.

“Dass Babys in der unmittelbaren Nähe ihrer Bindungspersonen schlafen wollen, ist ein zutiefst natürliches und angeborenes Bedürfnis”, sagte die bekannte deutsche Kinderpädagogin Susanne Mierau der HuffPost. “Nur so sind sie sicher vor Gefahren und davor, nachts zu frieren oder vernachlässigt zu werden.”

Entscheidend aber sei, so die übereinstimmende Ansicht unter Experten, dass das Kind auf diese Weise häufiger gestillt werden kann - womit wir wieder beim Breastfeeding sind.

Babys brauchen auch nachts regelmäßig Nahrung

Geprägt haben den Begriff die amerikanischen Anthropologen James McKenna und Lee Gettler. 2015 sorgten sie mit einem Artikel in dem Fachmagazin “Acta Paediatrica” für Aufsehen. Darin erklären sie, warum Stillen und Co-Sleeping in ihren Augen einen eng ineinander verwobenen Prozess darstellen.

Seither ist die Bezeichnung Breastsleeping immer geläufiger geworden. Auch der renommierte deutsche Kinderarzt Herbert Renz-Polster unterstützt McKennas und Gettlers Theorie. Seine These lautet: “Es gibt eine intuitive Beziehung zwischen stillender Mutter und Kind, in der sie sogar ihren Schlafrhythmus synchronisieren.”

Was tatsächlich erstaunlich ist: Babys, die gestillt werden, schlafen durchschnittlich pro Nacht 45 Minuten länger. Das haben Wissenschaftler der University of California herausgefunden.

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Dass ein Kind nachts so auf Nahrung angewiesen ist, lässt sich schlicht mit der rasanten Entwicklung erklären, die es durchmacht. “Diese Entwicklung geschieht nicht nur tagsüber, sondern auch nachts, wenn die Eindrücke des Tages verarbeitet werden im sich entwickelnden Gehirn und auch der kleine Körper wächst”, erklärt Mierau.

Kinder wachen nur deshalb so oft auf, weil sie überprüfen, ob sie sicher sind.

Nachts ist Stillen besonders wichtig

“Muttermilch ist in ihrer Zusammensetzung auf die jeweiligen Bedürfnisse des Babys je nach Alter und Lebenslage abgestimmt und beinhaltet beispielsweise viel Laktose als Energielieferant, aber auch andere wichtige Inhaltsstoffe, die beruhigen und das Wiedereinschlafen fördern”, sagt sie.

“Schlafen Babys bei der sie stillenden Mutter, können auf diese Weise verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig befriedigt werden und das Baby nimmt nachts wesentlich mehr wichtige Kalorien zu sich als gestillte Babys, die in einem eigenen Bett schlafen.”

Welch große Bedeutung das nächtliche Stillen hat, ist auch unter anderen Experten inzwischen unbestritten.

“Babys sind von der Natur aus für Nachtstillen ‘gedacht’”, schreibt Still-Beraterin Elisabeth Kurth auf ihrer Website. “Denn nur nachts hatte die ‘Ur’-Mutter viel Zeit zum Stillen. Nachts ist auch das Prolaktin viel höher als am Tag, und das Oxytocin fließt besser.”

Stillen erhöht bei Kindern den IQ

Das Hormon Oxytocin fördert unter anderem eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind. Prokalin ist das Hormon, das für die Milchproduktion in der Brust verantwortlich ist.

Außerdem hat es einen positiven Effekt auf die Intelligenz des Kindes, wenn es nachts viel Milch bekommt.

Nicola Schmidt, Erziehungsexpertin und Autorin des Buchs "artgerecht - Das andere Babybuch” brachte es besonders schön auf den Punkt, als sie in einem HuffPost-Interview sagte: “Ich sag immer, nehmt die Kinder mit ins Bett, ihr spart euch hinterher den Nachhilfeunterricht.”

Denn: “Kinder, die häufig und lange gestillt werden, haben nach aktueller Studienlage einen bis zu zehn Punkte höheren IQ. Wir wissen nicht genau warum, aber es ist so.”

Breastsleeping senkt das Stresslevel beim Baby

Was sich ebenfalls mit Sicherheit sagen lässt: Das Baby steht weniger unter Stress, wenn es im Bett der Eltern schläft und dort auch gestillt wird. “Der Breastsleeping-Schlafplatz bietet dem Baby alles, was es sich wünscht: Nahrung, Nähe, Wärme, prompte Reaktion auf Bedürfnisse”, sagt Mierau.

“Das Baby fühlt sich in der Nähe des umsorgenden Elternteils sicher und geborgen und steht weniger unter Stress, den es beispielsweise dann hat, wenn es nachts aufwacht und allein ist und nicht nur durch das Rudern mit den Armen oder Zupfen an Mamas Körper auf sich aufmerksam machen muss, sondern durch lautes Schreien, um die entfernt liegende Mutter aus einer Tiefschlafphase zu reißen.”

Außerdem betont die Kinderpädagogin: “Stillen und das Schlafen in einem Raum mit der Bindungsperson haben sich in Studien als vorbeugende Maßnahmen zur Minderung des Risikos von Plötzlichem Kindstod erwiesen.”

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Doch Breastfeeding hat nicht nur Vorteile für das Kind. Auch die Mutter profitiert davon, wenn sie das Baby nah bei sich hat.

Positive Auswirkungen auf die Mutter

“Für die Mutter ist das nächtliche Stillen am eigenen Schlafplatz vorteilhaft, da sie schneller selbst wieder in den Schlaf findet und deswegen ausgeruhter sein kann trotz der nächtlichen Interaktion”, erklärt Mierau.

“Die Schlafphasen von Mutter und Kind gleichen sich einander an, wenn beide in der Nähe des anderen liegen und so muss die Mutter nicht aus dem Tiefschlaf erwachen, um das Baby zu versorgen.”

Auch wachten die stillenden Mütter schon bei kleineren Hungeranzeichen des Kindes auf, wodurch es nicht erst laut schreien müsse, betont die Expertin, die selbst Mutter von drei Kindern ist.

Und: “Das Kind schläft dann oft selber schneller wieder ein”, sagt sie. “Deswegen ist auch die Beruhigungsphase des Kindes kürzer und entspannter für die Mutter.”

Generell hat das Stillen laut Mierau noch weitere Vorteile für die Mutter. So wirkten die Hormone Prolaktin und Oxytocin entspannend und unterstützten die Bindung zum Kind.

“Sie lassen sogar die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund treten, wodurch die Mutter die Bedürfnisse des Babys bereitwilliger erfüllt.”

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Alle Familienmitglieder bekommen mehr Schlaf

Kinderarzt Herbert Renz-Polster sieht das sehr ähnlich. “Auch Menschenmütter tragen das Erbe in sich, dann am besten zur Ruhe zu kommen, wenn ihr Kleines sicher und geborgen neben ihnen liegt”, schreiben er und die Familienexpertin Nora Imlau in ihrem Buch “Schlaf gut, Baby!”.

“Heute wissen wir, dass nicht nur kleine Kinder nachts aufwachen und sich versichern, nicht allein zu sein. Auch Mütter, die neben ihren Babys schlafen, wachen nachts regelmäßig kurz auf und überprüfen unbewusst, ob es ihrem Kind gut geht.”
Und auch Väter profitieren vom Familienbett, denn ihr Schlaf wird nicht dadurch gestört, dass die stillende Mutter nachts aufsteht.

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“Die ganze Familie bekommt mehr Schlaf”, sagte Sarah Ockwell-Smith, britische Kinderschlafexpertin und Autorin von “The Gentle Sleep Book” der HuffPost. “Und es ist eine wundervolle Möglichkeit, eine Bindung zueinander aufzubauen.”

Obwohl also die Vorteile von Co-Sleeping und dem damit verbundenen Stillen schon ausgiebig erwiesen sind, ist es noch immer eines der am meisten diskutierten Themen unter Eltern.

Was Eltern beim Co-Sleeping beachten sollten

Experten aber versichern, dass das Elternbett ein absolut sicherer Schlafplatz für das Baby ist, wenn einige Faktoren beachtet sind.

“Das Baby sollte nicht zwischen den Partnern liegen und so hoch im Bett liegen, dass es nicht mit der Decke eines Elternteils verdeckt werden kann”, rät Kinderpädagogin Mierau. “Das Kind selbst sollte keine Decke verwenden, sondern in einem Schlafsack schlafen und auch sonst genügend frische Luft zur Verfügung um sich herum haben.”

Das Baby solle möglichst nicht auf dem Bauch liegen, sondern auf dem Rücken. Außerdem sei es empfehlenswert, eine Raumtemperatur von etwa 16 bis 18 Grad herzustellen.

Kinderarzt Herbert Renz-Polster weist außerdem darauf hin, wie wichtig es ist, dass beide Eltern nicht rauchen sollten und auch nicht alkoholisiert sein sollten, wenn ihr Baby mit im Bett schläft.

Ein paar Dinge sollten Eltern also beachten. Ansonsten gilt wie in den meisten Situationen mit Kindern: einfach ausprobieren. Die Erziehungsexpertin Nicola Schmidt beruhigt: “Wenn Co-Sleeping richtig gemacht wird, gibt es keine Nachteile.”

Was Eltern für sicheres Co-Sleeping beachten müssen, erfahrt ihr ausführlicher auch in diesem Video:

10 Tipps für das sichere Schlafen im Familienbett

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(sma)

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