Hamburger Polizist erhebt bei "Anne Will" schwere Vorwürfe - Oberbürgermeister Scholz will davon nichts wissen

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  • Bei "Anne Will" hat ein Hamburger Polizist beteuert, die schweren Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel hätten sich schon im Voraus abgezeichnet
  • Die Polizei habe jedoch gar keine Chance gehabt, die Bürger zu beschützen
  • Oberbürgermeister Olaf Scholz widersprach dem Vorwurf

Gewaltbereite Demonstranten sind in den vergangenen Tagen durch Hamburg gezogen - und haben geplünderte Geschäfte, ausgebrannte Barrikaden und verängstigte Menschen hinterlassen.

Bei "Anne Will" zog Jan Reinecke eine bittere Bilanz des Einsatzes während des G20-Gipfels. Der Hamburger Polizist ist der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Für ihn ist klar: "Wir hatten gar keine Chance, die Bürger zu schützen.“

Schon im Voraus habe man gewusst, dass es nicht möglich sein werde, die Gewalt in den Griff zu bekommen.

Informationen von Bundeskriminalamt und Staatsschutz hätten schon vor dem Beginn des G20-Gipfels gezeigt, welche gewaltbereiten Demonstranten zum Gipfel reisen würden.

Kapitulation vor den Gewalt-Chaoten

"Es war relativ klar, dass wir in ein Dilemma geraten, das so nicht zu meistern ist", sagte der Gewerkschafter in der Sendung. Die Polizei habe sich zwar so gut wie möglich auf die gewaltbereiten Demonstranten vorbereitet. Doch die Herausforderung sei "einfach nicht zu meistern" gewesen. "Mehr Polizei hat Deutschland nicht zu bieten gehabt", sagte Reinecke.

Verpasste es die Polizei etwa, das Schanzenviertel besser zu schützen, weil sie sich stattdessen um die Staats- und Regierungschefs in der Elbphilharmonie sorgte? Dazu Reinecke: "Das war in der Tat so: Der Schutz der Gipfelteilnehmer hatte erste Priorität, die Bürger der Stadt zu schützen, hatte Priorität zwei", sagte der Polizist.

Um die Bürger und die VIPs gleichzeitig voll zu schützen, dafür gebe es in ganz Deutschland schlicht zu wenige Polizisten.

Verantwortlich für die Entscheidung, erst mit Verzögerung weitere Kräfte ins Schanzenviertel zu schicken, war auch Oberbürgermeister Olaf Scholz. Der steht seit der Gewalteskalation in der Kritik, droht gar, sein Amt zu verlieren.

Scholz kontert den Vorwurf

Bei "Anne Will" widersprach der Oberbürgermeister dem Polizisten vehement. "Das ist nicht meine Einschätzung der Lage". Anne Will fuhr Scholz dazwischen: "Aber das sagt Herr Reinecke."

Darauf Scholz: "Das sagt Herr Reinecke." Aber jetzt wolle er seine Sicht der Dinge erklären: "Wir haben uns über ein Jahr vorbereitet."

Man habe geglaubt, man werde die Sicherheit garantieren können.

Auch bei den Ausschreitungen im Schanzenviertel seien genügend Polizisten vor Ort gewesen, sagte Scholz.

Doch die polizeiliche Aufklärung mit Luftbildern habe gezeigt, dass die Demonstranten eine Falle für die Polizei vorbereitet gehabt hätten. Auf Hausdächern hätten diese mit Molotowcocktails auf die Beamten gewartet.

Scholz droht der Amtsverlust

Immer wieder schüttelte Polizist Reinecke den Kopf, als Scholz sprach. Zeigte, wie wenig er dessen Beteuerungen Glauben schenkte.

Der in der Kritik stehende Politiker fuhr fort: Bis das Sondereinsatzkommando dann vor Ort war, habe es etwas gedauert. Das zeige nicht, dass es eine Zweiklassenbehandlung gab, sagte Scholz. "Wir haben 20.000 Polizisten im Einsatz gehabt. Das war alles, was in Deutschland verfügbar gemacht werden konnte."

Bei "Anne Will" konnte Scholz den Vorwurf, während des G20-Gipfels seien die Bürger Hamburgs als Menschen zweiter Klasse behandelt worden, etwas entkräften.

Trotzdem stehen dem Sozialdemokraten schwierige Tage bevor: Die CDU-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft sowie der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, fordern: Scholz muss zurücktreten!

Der will davon nichts wissen. Auf die Frage, ob er über einen Rücktritt nachdenke, sagte Scholz am Sonntagabend: "Nein, das tue ich nicht."

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(ks)

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