Warum es Zeit ist, Deutschland noch einmal neu kennenzulernen

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Warum es Zeit ist, Deutschland neu kennenzulernen | Getty
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Unser Land verändert sich dramatisch. Aber was heißt das eigentlich? Huffpost-Autor Sebastian Christ will 700 Kilometer durch Deutschland wandern, um das herauszufinden. Dieser Text ist der Auftakt zu seiner Reise durch ein Land, das sich rasant verändert hat.

Auch vergangene Nacht brannten wieder Barrikaden in Hamburg. Zum dritten Mal in Folge randalierte der Schwarze Block in der Hansestadt. Wieder einmal gab es Verletzte, Festnahmen, Sachschaden.

Wieder so ein Thema, das uns plötzlich durchschüttelt

Wir reden nicht über die Ergebnisse des G20-Gipfels und nicht über den friedlichen Protest.

Wir stecken schon in der nächsten Großdebatte über Gewalt in diesem Land. Wieder so ein Thema, das uns plötzlich durchschüttelt. Davon gab es reichlich in den vergangenen vier Jahren.

Ich möchte 700 Kilometer durch Deutschland wandern

Manchmal fällt es mir selbst schwer, noch all die größeren Konfliktlinien zu rekonstruieren. Dieses Land hat sich in einem unfassbaren Tempo verändert. Alte Gewissheiten lösen sich auf. Letztlich verhandeln wir gerade vollkommen neu darüber, wie wir in den kommenden Jahrzehnten miteinander leben wollen.

Aber was bedeutet das alles? Wie geht es mit unserem Land weiter? Und was beschäftigt die Menschen außerhalb der Hauptstadtglocke von Berlin, wo normalerweise mein Schreibtisch steht?

Das will ich erfahren. Und dafür habe ich mich auf gemacht. Ich möchte 700 Kilometer von Decin in Tschechien nach Venlo in den Niederlanden wandern. Und ich werde diese Wanderung, die mich einmal durch die Mitte Deutschlands führen wird, hier dokumentieren. Mit Texten, Fotos und Videos.

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Der Beginn meiner 700 Kilometer langen Wanderung. Foto: Christ

Als Deutschland still zu stehen schien

Ich bin schon mehrmals als Reporter auf solche Touren gegangen. Zuletzt im Frühjahr 2013. Wenn ich ehrlich bin, erinnere ich mich kaum noch daran, worüber wir in dieser Zeit diskutiert haben. Es war jedoch, wie 2017 auch, ein Wahljahr.

Es gab jenen Moment im Sommer 2013, einige Monate nach dem Ende meiner bisher letzten Wanderung. Früh am Morgen fuhr ich mit meinem Fahrrad am Berliner Hauptbahnhof vorbei. Gleich neben dem Hauptgebäude hatte die CDU eine ganze Hausfassade mit einem meterhohen Plakat zugehängt. Darauf waren zwei zur Raute gefalteten Hände zu sehen. Sonst nichts. Keine Aussage. Kein Thema. Ein Aufruf zum "Weiter so!".

Das Plakat war eine auf Lastwagenplane gedruckte Wahlkampfverweigerung doch steht es im Nachhinein für so viel: Es waren die letzten Wochen, in denen die Zeit in Deutschland still zu stehen schien.

Heute wirkt es auf mich so, als seien seitdem Jahrzehnte vergangen.

Als sich die Welt rasant veränderte

In der Ukraine wurde Ende Februar 2014 ein kleptokratischer Präsident gestürzt. Tage später ließ Wladimir Putin seine Soldaten auf der Krim landen. Plötzlich hatten Menschen in der Bundesrepublik wieder Angst vor einem Krieg. Und im Osten Europas brach ein bewaffneter Konflikt aus, der bis heute andauert.

Zur gleichen Zeit formierte sich eine seltsame Allianz aus rechten und linken Kräften, die mit bisweilen antisemitischen Parolen "für den Frieden" protestierten.

Viele Bürger verloren ihren Glauben an die Aufrichtigkeit der Medien.

Die AfD stieg von einer Fast-Fünf-Prozent-Partei zu einer politischen Kraft auf, die zwischenzeitlich bei Landtagswahlen Ergebnisse von mehr als 20 Prozent holte. In 13 Bundesländern sitzen nun insgesamt 163 rechte Abgeordnete im Parlament.

Deutschlands Nationalmannschaft wurde im Sommer 2014 Fußball-Weltmeister. Und zwei Tage nach dem Titelgewinn lagen sich Millionen Bürger in Deutschland über den so genannten "Gaucho-Tanz" der Titelgewinner in den Haaren. Die einen argumentierten moralisch, die anderen patriotisch. Eine Episode?

Wochen danach fand die erste Pegida-Demo in Dresden statt. Im Winter 2014/15 fanden die größten rechten Demos in der Geschichte der Bundesrepublik statt. Bis zu 25.000 Menschen protestierten gegen die "Islamisierung des Abendlandes". Manche wandten damals ein, dass es gerade in Sachsen nur wenige Muslime gebe. Doch darum ging es in Wahrheit ja gar nicht.

Pegida war der Auftakt zu einer Art "1968 von rechts". Das wurde klar, als ab dem Frühjahr 2015 die Zahl der Asylbewerber stark stieg. Bald kamen monatlich mehr Flüchtlinge nach Deutschland als in manch ganzem Jahr zuvor. Der Krieg in Syrien hatte lange Zeit kaum jemanden in Deutschland interessiert, und nun klopften die Opfer dieses Konflikts an unsere Tür.

Angela Merkel (CDU) sagte ihren Satz vom "Wir schaffen das!" Millionen Deutsche engagierten sich in der wohl größten humanitären Bewegung der deutschen Geschichte. Gleichzeitig erreichten rechte Politiker so viele Menschen wie wohl nie zuvor seit Gründung der Bundesrepublik. Mehr als 1000 Angriffe auf Asylbewerberheime registrierte die Polizei in diesem Jahr. Darunter zahlreiche Brandanschläge.

Intellektuelle wechselten die Seiten und gaben sich plötzlich als Zuwanderungskritiker. Und mit der "Identitären Bewegung" säten junge Menschen, die wie Hipster aussahen, Hass gegen Asylbewerber.

Dann kam 2016. Großbritanniens Bürger stimmten für einen Austritt aus der EU.

Österreich hätte um ein Haar einen rechtsradikalen Präsidenten bekommen.

In der Türkei werden nach einem gescheiterten Militärputsch Zehntausende Menschen inhaftiert oder ihrer Existenz beraubt.

Und in Amerika wurde ein New Yorker Immobilienmilliardär und Hobby-Wrestler namens Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Es war das Ende des "Westens", wie wir ihn kannten.

Unsere Gesellschaft ist auf Erdbebenspalten gebaut

Wir haben in den vergangenen vier Jahren gelernt, dass unsere Gesellschaft auf Erdbebenspalten gebaut ist. Manche glauben, dass ihre eigenen Werte für alle Menschen gleichsam gelten würden. Andere denken, dass man die Welt verstehen könnte, wenn man nur die eigene Nachbarschaft beobachtet. Selten standen sich diese Gruppen unversöhnlicher gegenüber als in der Flüchtlingskrise.

Menschen aus den Städten und Menschen vom Land sind sich fremd geworden. Und das in Deutschland, das Jahrzehnte lang davon profitierte, dass die meisten Innovationen in der Provinz erdacht wurden.

Die Einkommen driften auseinander. Und ohne Abitur ist es heute für junge Menschen schwierig geworden, in diesem Land eine Existenz aufzubauen, die ein sorgenfreies Leben ermöglicht.

Es beginnt ein neuer Abschnitt unserer Geschichte - und ich will sie verstehen

Ich möchte diesem Land in den kommenden Wochen näher kommen. Und die vergangenen vier Jahre besser verstehen lernen. Warum? Weil es für die Zukunft wichtig ist.

Die Zeit des gesellschaftlichen Stillstands ist vorbei, es beginnt ein neuer Abschnitt in unserer Geschichte. Und was kommt, das liegt vielleicht schon irgendwo auf der Straße.

Sebastian Christ wurde 1981 in Frankenberg (Nordhessen) geboren. Er studierte Kommunikationswissenschaft, Soziologie, Politologie und Zukunftsforschung. In München besuchte er die Deutsche Journalistenschule. Seit mehr als zehn Jahren ist er als politischer Autor in Berlin tätig. Für die Huffpost schreibt er seit 2013.

Alle Beiträge der Serie findet ihr hier.

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(sk)

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