"Tage des Versagens": Die Medien urteilen hart über G20 in Hamburg - und über die Politik

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POLIZEI G20
Mit den Folgen der Krawalle wird die Hansestadt noch lange zu kämpfen haben | Maximilian Marquardt
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  • Der G20-Gipfel ist beendet
  • Die Kommentatoren der Medien äußern vor allem Wut auf die Linksextremen und sehen das Image Hamburgs beschädigt

Der G20-Gipfel ist zu Ende. Was bleibt, sind vor allem Fragen - und Enttäuschung. Die inhaltlichen Ergebnisse sind mau, die Hamburger sind wütend, die Polizei ist erschöpft.

Die Kommentatoren der deutschen und internationalen Medien machen vor allem ihrem Ärger über die Randalierer und die Reaktion der Linken Luft.

“Wir reden hier nicht über Demos gegen Kapitalismus oder Klimawandel. Es geht um Gewalt und Terror”, urteilt Peter Carstens in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”.

“Spiegel Online”-Kolumnist Christian Stöcker pflichtet dem bei und macht deutlich, dass das Verhalten der Krawallmacher von Hamburg für ihn rein gar nichts mit politischen Statements zu tun hat.

Die Kluft zwischen deren angeblich politischer Haltung und deren Auftreten könne deutlicher nicht sein: “Die 'Kapitalismuskritiker' tranken Cola, aßen bei McDonald's und trugen Kleidung von Adidas, Schuhe von Converse und RayBan-Brillen - all das sind Beobachtungen von vor Ort. Manche klebten die Markenlogos an Schuhen und Designer-Sonnenbrillen noch schnell mit Gaffatape ab, um sich dann für 'Welcome to Hell' die schwarze Kluft überzustreifen.” Für ihn wollen diese Leute nichts, außer, dass es kracht.

”Tage des Versagens”

Auch aus dem Ausland kommt Kritik. So geht der niederländische “Telegraaf” hart ins Gericht mit den Randalierern. “Wenn alle Interessengruppen ihre Standpunkte mit Gewalt geltend machen, dann ist dies das Ende sowohl der Demokratie als auch des Rechtsstaats."

Die “FAZ” wirft derweil der Linkspartei und ihrer Vorsitzenden Katja Kipping vor, Mordlust in ein politisches Gewand zu kleiden und gleichzeitig diejenigen zu kriminalisieren, die das Schlimmste verhindern wollten.

Das Geschehen so konsequent zu bagatellisieren, erinnere an Prediger, die salafistischen Terror herunterspielten, oder an wirre selbsternannte Vertreter des Abendlandes, die rechtsextreme Gewalt bemänteln würden.

"Zeit Online"-Redakteur Frank Drieschner meint, die führenden Köpfe der Linken hätten zwar versucht, deutlich zu machen, dass sie nichts mit Gewalt und Krawallen zu tun haben wollten.

So beispielsweise eine Genossin im alternativen Medienzentrum der linken Szene, die von marodierenden Banden gesprochen habe, die die Macht übernommen hätten. Aber "Pardon, findet man denn Anarchie in Teilen der radikalen Linken nicht ganz gut?", fragt Drieschner. "Demnach war es wohl auch purer Zufall, dass die unbekannten Marodeure ausgerechnet in der unmittelbaren Umgebung der Roten Flora zuschlugen", frotzelt er weiter.

Für "Welt"-Redakteur Jörn Lauterbach sind die Tage des G20-Gipfel “Tage des Versagens”.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz als großer Verlierer

Verlierer Nummer eins ist für ihn dabei Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, der am späten Freitagabend in den Gängen der Elbphilharmonie ungewohnt irritiert gewirkt habe, “als würde er Botschaften aus einem Notbunker senden, in dem ihm immer wieder Nachrichten von den Vorgängen im Schanzenviertel erreichen.”

Scholz hatte seinen Bürgern zuvor einen friedlichen Gipfel versprochen und das Aufeinandertreffen der Staatschefs mit Veranstaltungen wie dem Hafengeburtstag verglichen. Das ging nach hinten los.

“So abgekämpft wie in diesen Tagen hat man Olaf Scholz wohl noch nie gesehen. Seine Augen sind glasig, wirken müde, seine Wangen sind gerötet, seine Stimme ist matt. Das oft verschmitzte Lächeln ist weg. Stattdessen blickt er mit starrer Miene geradeaus, tief in Gedanken versunken”, beschreibt die “Mopo” das Auftreten des Bürgermeisters.

Mit seinen Fehleinschätzungen vor dem Gipfel hat sich Scholz nicht nur selbst geschadet, sondern vor allen Dingen seiner Stadt.

Die “Grundfeste der Stadt”, die erst einen Kontroll- und dann einen Vertrauensverlust erlebt habe, seien “erschüttert”, so Welt-Redakteur Lauterbach. Der G20-Gipfel werde sich wie die Sturmflut von 1962 in die DNA der Hansestadt eingraben.

Auch für “Spiegel Online”-Autor Stöcker kam bei den Hamburgern vor allem eine Botschaft an: “Solange unseren hohen Gästen nichts passiert, sind eure Bedürfnisse jetzt erst mal zweitrangig.” Er empfiehlt, den G20-Gipfel künftig in der Wüste, auf einer Insel oder einem Flugzeugträger zu veranstalten.

Lobende Worte für die Bundeskanzlerin

Die Bundeskanzlerin war währenddessen, wie üblich, bemüht, Ruhe zu bewahren.

Lob gibt es dafür vom britischen "Observer". “Schlagzeilen haben in jüngster Zeit nahegelegt, dass Angela Merkel als Führerin der westlichen Welt angesehen werden sollte - statt Donald Trump. Für viele ist Merkel de facto zur Präsidentin Europas und zur globalen Bannerträgerin fortschrittlicher Politik geworden.” Und das sei schließlich eine schwere Bürde.

Die “Taz” kommentiert, dass es letztlich ausgerechnet die Krawalle gewesen seien, die es Merkel ermöglicht hätten, doch noch eine positive Botschaft vom Gipfel zu senden. Denn inhaltlich habe Merkel kaum etwas erreicht. Aber die Tatsache, dass sie den Opfern der Krawalle Entschädigungen versprach und den Helfern dankte, dürfte der Kanzlerin "Sympathiepunkte" gebracht haben.

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(sk)

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