In einer Region Äthiopiens gilt die Hungersnot als besiegt - fünf europäische Köche erzählen, wie das gelingen konnte

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In einer Region Äthiopien gilt die Hungersnot als besiegt - fünf europäische Köche erzählen, wie das gelingen konnte | wfp
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  • Beim G20-Gipfel stand die Hungersnot in Afrika auf der Tagesordnung
  • Wie akut die Bedrohung in Ländern wie Äthiopien derzeit ist, zeigt eine Kampagne des World Food Programmes
  • Die Organisation hat europäische Köche in das Land geschickt, um zu beweisen, wie der Hunger besiegt werden kann

Auf der Erde leben fast 7,5 Milliarden Menschen. Jeder neunte von ihnen muss jeden Abend hungrig schlafen gehen. Laut dem World Food Programme (WFP) ist Hunger das größte Gesundheitsrisiko weltweit. Daran sterben jährlich mehr Menschen als an Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen.

Allein in Afrika leiden 232,5 Millionen Menschen täglich Hunger. Das sind fast dreimal so viele, wie Deutschland Einwohner hat. Obwohl die Hungerkatastrophe im Süden weltweit bekannt ist, schockieren Bilder und Berichte darüber, wie gravierend die Situation tatsächlich ist, immer wieder.

Kein Wunder, dass der Hunger in Afrika ein entscheidendes Thema beim G20-Gipfel in Hamburg werden sollte. Von einem "Marshall-Plan für Afrika" war die Rede gewesen. Heraus kamen: ein paar Geldversprechen, nette Worte - aber kein neues Konzept, wie wirklich geholfen werden könnte.

Mehr zum Thema: Gute Miene zum bösen Spiel: Die politische Bilanz des G20-Gipfels

Welthunger soll bis 2030 gestoppt werden

Die Vereinten Nationen haben es sich zum Ziel gesetzt, dass bis zum Jahr 2030 jeder auf der Welt genug zu essen hat. Das kann allerdings nur gelingen, wenn internationale Organisationen an einem Strang ziehen. Zu den wirkungsvollsten Aktionen gehören seit Langem die des World Food Programmes.

In Zusammenarbeit mit der EU wollen sie mit ihrer Kampagne #WhatFoodMeans vor allem den Menschen in Äthiopien helfen, einem der am meisten von Dürre bedrohten Länder.

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Credit: World Food Programme

Um ihre Arbeit greifbarer zu machen, sandten die Aktivisten fünf europäische Köche aus Belgien, Dänemark, Spanien, Italien und Polen in das Land. Sie sollten die Menschen vor Ort treffen und sehen, wie sie mit ihrem Programm #WhatFoodMeans Leben retten und den Bewohnern eine Zukunft ermöglichen könnten.

Spitzenkoch Karstad: “Sie haben fast nichts, aber kommen damit aus”

Die Köche besuchten die Tigray- und Afar-Regionen in Nord-Äthiopien - und wurden zu Zeugen von Geschichten über Hilfe, Hoffnung und Widerstandsfähigkeit.

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Foto: World Food Programme

“Besonders aufregend und beeindruckend war es für mich, die Einwohner Äthiopiens zu treffen und zu sehen, unter welchen Bedingungen sie leben müssen”, beschreibt der Däne Mikkel Karstad seinen ersten Eindruck.

“Sie leben sehr einfach und haben fast nichts, aber kommen damit aus. Das sind alles Dinge, die man sich als Europäer fast nicht vorstellen kann. Trotzdem sind alle so unheimlich stark, glücklich, positiv, interessiert an allem Neuen.”

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Foto: Word Food Programme

Was dem Dänen aber am meisten imponierte, war die Hoffnung der Menschen auf ein besseres Leben - und das, obwohl Äthiopien schon seit Jahrzehnten zu dem am meisten von Hunger bedrohten Ländern der Welt gehört.

Denn vor über 30 Jahren erlitt das Land eine Dürre, die zu den schlimmsten Hungersnöten führte, die die Welt je erlebt hat. Vor zwei Jahren dann die erneute Katastrophe: Durch eine ähnlich starke Dürre in weiten Teilen des Landes wurde ein Großteil der Ernte verdorben und fast das gesamte Vieh kam ums Leben.

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Foto: World Food Programme

“Äthiopier sind Dürren gewohnt und belastbar, aber wenn eine Krise dieser Größenordnung ein Land heimsucht, kann dies niemand alleine bewältigen”, schreibt Dominique Albert, Leiterin der Europäischen Kommission für Katastrophenschutz und humanitäre Hilfe, in einer Pressemitteilung der #WhatFoodMeans-Kampagne.

Ohne Hilfe wären Tausende verhungert

“In Äthiopien haben wir die betroffene Bevölkerung gemeinsam in einem der größten Hilfseinsätze in Afrika unterstützt", schreibt Albert. "Ohne sie hätten Millionen gehungert und die langjährige Entwicklung Äthiopiens wäre um Jahre zurückgeworfen worden.”

Durch die Kooperation zwischen der EU und dem World Food Programme konnte die Katastrophe eingedämmt werden. “Ohne Unterstützung hätten die Menschen nicht jeden Tag etwas zu essen gehabt”, ist auch Frank Fol überzeugt. Er ist einer der angesehensten Küchenchefs Belgiens und hat sich ebenfalls vor Ort ein Bild von der Situation der Äthiopier gemacht.

“Ihre Lage hätte sich immer weiter verschlechtert”, sagt er. “Fast 250.000 Kinder wären gestorben, hätten sie keine Ernährungshilfe bekommen.”

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Foto: World Food Programme

“Es war unheimlich bereichernd zu sehen, wie die Projekte des WFPs fruchten und dazu beitragen, dass Familien Hilfe bekommen”, bestätigt der dänische Koch Karstad. “Nicht nur in Form von Geld oder Nahrungsmitteln, sondern vor allem auch in Form von Saatgut.”

Das WFP unterstützt als weltweit führende humanitäre Organisation Länder in Notfällen von Hungersnöten und arbeitet mit Gemeinden zusammen, um die Ernährung zu verbessern und eine bessere Belastbarkeit der Menschen aufzubauen. So verteilte das Programm 2016 zwei Millionen Tonnen Nahrungsmittel an 5000 Standorten.

Von Menschen, für Menschen

Karstad fand es laut eigener Aussage besonders schön zu sehen, wie die Menschen vor Ort die Projekte mit Leben erfüllten. Denn während des einwöchigen Aufenthaltes ging es nicht nur darum, die Projekte zu inspizieren und so zum Botschafter von #WhatFoodMeans zu werden, sondern vor allem auch darum, einen Einblick in das Leben der Familien in Äthiopien zu bekommen.

“Ich habe viel von dieser Art und Weise zu kochen, mitnehmen können”, sagt der dänische Koch. “Das Essen dort schmeckt wirklich köstlich und ist toll, aufgrund seiner Einfachheit.”

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Foto: World Food Programme

In Europa neigten die Menschen dazu, alles zu verkomplizieren, findet er. Auch beim Essen. “Ich habe für mich selber gelernt, mich wieder auf die einfachen Dinge zu besinnen und diese bewusster wahrzunehmen.”

Bewegende Geschichten aus Afrika

Vor Ort konnten die Köche zum Beispiel die Geschichte von Nigisti und ihrer sechsköpfigen Familie mitverfolgen. Die alleinerziehende Mutter war dringend auf Hilfe angewiesen, denn aufgrund der Dürre konnte sie nur 25 Prozent von dem ernten, was sie sich erhofft hatte. Dadurch war sie gezwungen, ihr Vieh zu verkaufen.

“Ich habe Mahlzeiten ausgelassen und einen Monat lang kleinere Mahlzeiten eingenommen, um meine Familie über die Runden zu bringen”, sagt die Frau.

“Meine letzte Chance wäre es gewesen, auf der Straße zu betteln und von Haus zu Haus zu ziehen”, erzählt sie. “Meine Kinder hätte ich auch aus der Schule nehmen müssen und sie wären in die Städte gezogen, um Nahrung zu suchen.”

Die Hungerkrise ist noch nicht vorbei

Geschichten wie die von Nigisti haben den europäischen Köchen die Augen geöffnet, das merkt man, wenn sie von ihrer Reise erzählen.

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Foto: World Food Programme

“Ich werde nie wieder sagen, dass ich vor Hunger sterben könnte”, sagt Anna Starmach, Polin und Autorin mehrerer Bestseller-Kochbücher in ihrem Land. “Denn ich habe Menschen gesehen, die wirklich vor Hunger sterben könnten.”

Dass die Bedrohung trotz der Kampagne des WFP noch längst nicht abgewendet ist, zeigen besorgniserregende neue Zahlen.

Experten warnen, dass Afrika kurz vor einer weiteren großen Hungersnot steht: Denn die Dürre weitet sich auf viele Regionen des Kontinents aus - insbesondere auf das Horn, zu dem auch Somalia und Kenia gehören. 5,6 Millionen Menschen könnten von der nächsten humanitären Katastrophe bedroht sein. Vor allem, weil auch für dieses Jahr die Prognose für die Regenzeit schlecht steht.

Fraglich, ob das von den G20-Nationen versprochene Geld dabei helfen kann. Ursula Eid von der deutschen Afrika-Stiftung sagte dem Deutschlandfunk am Sonntag, das Thema Afrika sei auf dem Gipfel "eher als Verschiebemasse genutzt" worden. Die Beschlüsse des Gipfels in Hamburg seien "etwas enttäuschend".

Ugandas stellvertretender Außenminister Henry Okello Oryem sagte am Samstag: "Dieser Gipfel wird Uganda oder Afrika ganz allgemein nicht viel bringen."

Die Äthiopier werden also weiter den Dürren und Hungersnöten trotzen müssen. Aber sie können auf Hilfe hoffen, von Menschen wie Mikkel Karstad, Anna Starmach und Dominique Albert. Und vor allem vom World Food Programme.

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Credit: World Food Programme

Mit Material der dpa

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(sk)