"Hamburg war eine Scheißidee": Die Medien streiten darüber, wer an den Gewaltexzessen beim G20-Gipfel Schuld hat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HAMBURG
"Hamburg war eine Scheißidee": Die Medien streiten darüber, wer an den Gewaltexzessen beim G20-Gipfel Schuld hat | Fabrizio Bensch / Reuters
Drucken
  • Deutsche Medien kommentieren entsetzt die Gewaltexzesse in Hamburg in der Nacht von Freitag auf Samstag
  • Die Kommentatoren streiten darüber, ob die Ortswahl des G20-Gipfels oder das Verhalten der Polizei an den Krawallen mitschuldig sein könnten

Sie haben eine Spur der Verwüstung hinterlassen: Freitagabend wütet ein Mob von Linksextremisten durch Hamburg, vor allem im Schanzenviertel kommt es zu Krawallen. Die Gewalttäter werfen Pflastersteine und Böller auf Polizisten, sie zünden Barrikaden an, die Flammen schlagen meterhoch. Der Geruch von Tränengas liegt in der Luft.

CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach spricht später gegenüber der Deutschen Presse-Agentur von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen".

Und auch die Medien sind entsetzt über das Ausmaß der Gewalt.

Zwar geben einige Journalisten auch dem Konzept des G20-Gipfels eine Mitschuld an den Krawallen. Immerhin ist Hamburg bekannt für seine linksextremistische Szene.

Doch die meisten Kommentatoren sind sich einig: Die Gewaltexzesse Freitagnacht haben die schlimmsten Befürchtungen übertroffen - und die Schuldigen dafür sind allein in der linksautonomen Szene zu finden, und nicht bei der Polizei oder den Veranstaltern.

"Zeit": "Die Verachtung für die Polizei ist erschreckend"

Deutliche Worte findet "Zeit"-Journalist Marc Widmann in einem Kommentar. Es sei ja gerade in Mode, schlecht über die Polizei zu reden, gerade auch in Hamburg. "Das geht so weit, dass manche ernsthaft behaupten, die Polizei sei verantwortlich für die Gewaltausbrüche, die Hamburg seit gestern erschüttern", schreibt Widmann. Und erwidert: "Was für ein gewaltiger Unsinn."

Viele Beobachter würden die Krawalle in Hamburg durch die "Brille ihres Weltbilds" sehen. "Das ist erschreckend. Denn die brutalste Gewalt kommt in diesen Tagen gewiss nicht von Polizisten", schreibt Widmann.

Sein Fazit: "Die Polizisten in Hamburg haben nicht unsere Häme und unsere Hochnäsigkeit verdient. Sondern unseren Respekt."

"Welt": "Eine Mischung aus Happening und Bürgerkrieg"

Die Tageszeitung "Welt" berichtet in einem entsetzten Ton über die dramatischen Vorfälle Freitagnacht. Stundenlang habe sich in der "Schanze" eine fast schon absurde Mischung aus Happening und Bürgerkrieg abgespielt.

Schließlich eskalierte die Gewalt - es spielten sich Szenen ab, "die einem das Blut in den Adern gefrieren ließen", berichtet die "Welt".

Henryk Broder: "Fördert die Ächtung der Gewalt die Gewalt nicht?"

Wo kommt diese Gewalt her, fragt sich da der Publizist Henryk Broder in einem Kommentar für die Zeitung. Vor allem, da Deutschland doch ein so pazifistisches Land sei, ein Land, "in dem sich die Ansicht etabliert hat, dass man auch mit Terroristen reden müsste."

Genau das sei aber der Kern des Problem, behauptet der rechtskonservative Broder: "Deutschland ist so gründlich pazifiziert worden, dass Gewalt nicht nur keine Option mehr ist, sondern etwas, das nicht einmal gedacht werden darf."

Daher müsse die deutsche Öffentlichkeit als Reaktion auf die Krawalle diskutieren, "ob die völlige Ächtung der Gewalt die Gewalt nicht ebenso fördert wie die Prohibition den Alkoholkonsum."

Mehr zum Thema: All wichtigen Informationen zum G20-Gipfel findet ihr in unserem Live-Blog

"Berliner Zeitung": "Eine Blamage für die Demokratie"

Die "Berliner Zeitung" bezeichnet die Krawalle als "eine Blamage für die Demokratie". Die Gewalttäter gehörten verfolgt und bestraft im Rahmen der Gesetze. Die Polizei treffe zwar an der Eskalation keine Schuld, befindet der Kommentar. "Irre Militante" gebe es immer.

Allerdings sei das Verhalten der Beamten auch eine Schmach für jeden Rechtsstaat. "Da werden Menschen umgerannt und bleiben auf dem Pflaster liegen, wenn sie der Polizei im Weg stehen. Da werden Leute per Wasserwerfer vom Platz gespült, als ginge es um eine Straßenreinigung", heißt es in dem Kommentar.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Das gesamte Konzept des Gipfels müsste überdacht werden. Es passe nicht zur Demokratie und der garantierten Versammlungsfreiheit, wenn ein Gebiet von mehr als 38 Quadratkilometern in der zweitgrößten Stadt Deutschlands zu einer Bannmeile werde.

Zur Demokratie passe auch das Vorgehen der Polizei nicht. "Würde am 1. Mai in Berlin so gehandelt wie beim G20-Gipfel, sähe es in Kreuzberg nicht anders aus als jetzt auf der Schanze", schreibt der Kommentator.

"taz": "Hamburg, was für eine Scheißidee"

Dem pflichtet auch die linke "taz" bei. "Es war, sorry für die Wortwahl, eine Scheißidee, den G20-Gipfel in Hamburg zu veranstalten", schreibt "taz"-Korrespondentin Anja Maier in einem Kommentar. Was im Schanzenviertel passiert sei, sei völlig vorhersehbar gewesen, glaubt sie.

Die Autonomen hätten die Stadt handstreichartig vereinnahmen können - "gegen diese gnadenlose Gewaltbereitschaft in einem Wohnviertel war die Polizei nahezu machtlos."

Maier schreibt aber auch klipp und klar: Was im Schanzenviertel passierte, sei einfach nur "übel und gefährlich" gewesen. "Gewalt ist kein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Sie bewirkt das Gegenteil."

"Stuttgarter Nachrichten": "Es gibt keine Entschuldigung"

Auch die "Stuttgarter Zeitung" kommt in einem Kommentar zu dem Schluss, dass Hamburg als Veranstaltungsort des G20-Gipfels schlicht ungeeignet war. "Sicherlich muss ein Staat Veranstaltungen abhalten und durchsetzen können, politisch unklug aber war die Ortswahl allemal", heißt es dort.

Die linke Szene habe die Ortswahl vor allem als Provokation aufgefasst.

Trotzdem: Das könne das Verhalten der Linksextremisten in keinster Weise entschuldigen. "Anwohnern die Autos abzufackeln, Steine auf Umstehende zu werfen und Wohnviertel zu zerstören hat mit ihren eigenen linken Idealen rein gar nichts zu tun." Die Randalierer seien daher "nicht mehr als gewöhnliche Hooligans".

Die Hamburger Krawall-Nächte werden daher noch lange nachwirken, lautet das Fazit des Kommentars.

Mehr zum Thema: Brennende Barrikaden und zerstörte Straßen: Diese Bilder zeigen das Ausmaß der Verwüstung in Hamburg

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg


(jg)

Korrektur anregen