Die Höllen-Demo gegen den G20-Gipfel eskaliert - und hinterlässt eine Spur der Verwüstung in Hamburg

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HAMBURG
An der Demonstration gegen den G20-Gipfel kam es zu wüsten Szenen. | CHRISTOF STACHE via Getty Images
Drucken
  • Am Donnerstagabend hat die Polizei die Autonomen-Demo "Welcome to Hell" unterbrochen - dann eskalierte die Lage
  • Zahlreiche Demonstranten flohen in Richtung Reeperbahn oder Altona
  • Zudem wurden Autos angezündet und Schaufenster eingeworfen

Morgens um halb vier verschwinden im Hamburger Schanzenviertel die ersten Spuren der Verwüstung. Die Kehrwagen der Stadtreinigung rücken an - und sie haben viel zu tun.

Dutzende Fensterscheiben sind zerbrochen, Bankautomaten demoliert, ganze Straßenzüge mit Glasscherben und herausgerissenen Pflastersteinen bedeckt. Die Reste brennender Barrikaden dampfen vor sich hin, es stinkt nach verbranntem Müll.

Vor der "Roten Flora", dem Kulturzentrum der Linksautonomen, sitzen ein paar Dutzend abgekämpfte Demonstranten vor brennendem Holz, als wäre es ein Lagerfeuer. Polizisten stehen daneben, auch sie wirken erschöpft. Sie wollen die Straße nicht räumen, damit die Lage nicht wieder eskaliert.

Wüste Szenen in der Hansestadt

Am Abend vor dem G20-Gipfel herrschte zuvor stundenlang die Gewalt in den Straßen der Hansestadt. Es sind hässliche und beängstigende Bilder, die von Hamburg am Donnerstag in die Welt gesendet werden.

Von der Stadt, die sich den Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsmächte eigentlich in bestem Licht präsentieren will.

Gerade einmal rund 100 Meter weit kommt der Zug der Autonomen-Demo "Welcome to Hell" am frühen Abend. Dann ist Schluss für rund 12.000 Menschen, die eigentlich gegen den G20-Gipfel am Freitag und Samstag protestieren wollten.

Wegen Hunderter Vermummter im Schwarzen Block versperren Wasserwerfer, Räumpanzer und ein Großaufgebot an Polizisten den Weg vom Hamburger Fischmarkt Richtung Reeperbahn.

Doch nach dem schnellen Abbruch eskaliert die Lage. Zahlreiche Demonstranten flüchten in Richtung Reeperbahn oder Altona. Wenig später meldet die Polizei dort brennende Autos, außerdem zerstörte Scheiben bei einem Ikea-Möbelhaus und einer Sparkasse.

Stundenlang liefern sich Linksautonome und Polizisten Scharmützel in mehreren Vierteln. Die Krawallmacher reißen Pflastersteine aus den Straßen, um sie auf Beamte zu werfen. Im Minutentakt fliegen Flaschen, Böller werden gezündet, Verkehrsschilder aus ihrer Verankerung gerissen.

Die Polizei antwortet mit dem Einsatz von Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray. Immer wieder knallt es an einer anderen Ecke, die Lage ist unübersichtlich.

Überraschende Gewaltbereitschaft

"Ganz Hamburg hasst die Polizei", so schallt es immer wieder durch die Straßen. Die Randale geht weit über das hinaus, was die von den jährlichen 1.-Mai-Demos krawallerprobte Hamburger Polizei gewohnt ist.

"Wir sind entsetzt über die offensichtliche Gewaltbereitschaft", twittert die Polizei. Deren Sprecher Timo Zill sprach laut "Welt" von einer "nicht mehr beherrschbaren" Lage am Hafenrand. "Alle unsere Befürchtungen sind eingetreten", erklärte Zill. Einen derartigen „Ausbruch an Gewalt“ habe er noch nicht erlebt.

Das bekam Zill auch zu spüren.

Als er unweit des Aufmarschs ein Interview gibt, wird er beworfen und kann sich nur in einen nahe stehenden Rettungswagen flüchten, der ebenfalls angegriffen wird.

Wut auf die Chaoten

Im Stadtteil Eimsbüttel zerstören Chaoten in mindestens zehn Geschäften Schaufenster oder Türen. "Die randalieren nur, um alles kaputtzumachen", sagt die Filialleiterin einer Modeboutique, die in der Nacht mehr als vier Stunden auf einen Glaser warten muss.

Denn der ist gerade bei Jamie Watson von einer gegenüberliegenden Boutique. Und die sagt das, was wohl viele nach dieser Nacht denken: "Ich bin wütend, enttäuscht und habe absolut kein Verständnis. Das hat doch keinen Sinn."

"Total bekloppt", bilanziert Stephan aus Hamburg. Er kommt nachts gerade von der Arbeit, schiebt sein Fahrrad an der Flora vorbei. "Mir tun einfach die armen Polizisten leid. Sie können am wenigsten für alles."

Die Veranstalter der Demo schieben der Polizei den Schwarzen Peter zu: "Durch gezielte Angriffe provozierten die Polizeikräfte Gegenwehr und nutzten diese Lage, um eine Situation zu schaffen, in der nichts anderes übrig blieb, als die Versammlung aufzulösen", schreiben sie in der Nacht in einer Mitteilung.

Demo mit Erfolg - und "Sieg" am Fischmarkt

"Heute hat die Polizei alle behandelt, als wären sie gewaltbereit", sagt Johannes Findeisen empört. Er ist 37 und hat nach eigener Aussage schon mehr als 20 Demonstrationen in Hamburg erlebt. Er findet gut, dass sich so viele an den Protesten beteiligt haben.

Trotz der Eskalation sieht er die Höllen-Demo am Fischmarkt als Erfolg der G20-Gegner. Die Polizei habe zwar "ihre Prügeltour" gestartet. Aber sie seien dann doch losgekommen: "Wir haben heute gegen die Polizei das erste Mal gewonnen am Fischmarkt."

Die Bilanz der Gipfel-Vornacht ist traurig: Am frühen Morgen zählt die Polizei mindestens 76 Verletzte allein in ihren Reihen. Zahlen über verletzte Demonstranten gibt es zunächst nicht.

Ein Sprecher der Hamburger Feuerwehr bilanziert gegen 1.30 Uhr: "Es hätte schlimmer kommen können." Doch die Fronten zwischen den Gipfelgegnern und der Polizei sind nun extrem verhärtet. Tausende gewaltbereite Autonome sind in der Stadt.

Und der eigentliche Gipfel beginnt erst noch.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

(mf)

Korrektur anregen