"Sie agieren wie Faschisten": Deutsche Medien kritisieren die Krawalle - über die Polizei sind sie sich aber nicht einig

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G20 HAMBURG
Die Krawalle sind das dominierende Thema rund um den G20-Gipfel | Pawel Kopczynski / Reuters
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  • Deutsche Medien verurteilen die Krawalle rund um den G20-Gipfel in Hamburg scharf
  • Über das Verhalten der Polizei fallen die Urteile gespalten aus

Der G20-Gipfel wird bislang vor allem von Bildern der Gewalt dominiert. Die Medien hatten im Vorfeld des Treffens in Hamburg Ausschreitungen von linksextremistischen Aktivisten erwartet. Das Ausmaß der Krawalle übertraf dann allerdings alle Vorhersagen.

Die Themen und Begegnungen der Staats- und Regierungschefs rücken da in den Hintergrund. Kommentatoren der deutschen Medien kritisieren die gewaltbereiten Aktivisten.

"Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt wendet sich mit deutlichen Worten an die Demonstranten.

Es gehöre zwar zum Wesen unserer liberalen Demokratie, dass jeder seine "noch so bescheuerten" politischen Meinungen gerne laut und forsch, aber friedlich in den öffentlichen Raum tragen könne. "Zu Recht sind Meinungs- und Demonstrationsfreiheit Kern unserer Verfassung", schreibt Poschardt.

Allerdings ende die Demonstrationsfreiheit dort, "wo sie umgedeutet werden will in einen Freifahrtschein für Vandalismus, Körperverletzung, Landfriedensbruch, Nötigung, Sachbeschädigung etc."

Natürlich könne man gegen die Weltordnung motzen, wüten, brüllen, "aber eben nicht als ein rechtsfreies Theater."

Mehr zum Thema: All wichtigen Informationen zum G20-Gipfel findet ihr in unserem Live-Blog

Die Mitglieder des Schwarzen Blocks bezeichnet Poschardt als "in der Regel Bürgerkinder in ihren spätpubertären Trotzjahren". Er wirft ihnen vor, dass sie politisch nicht mehr anzubieten hätten "als eine archaische Akkumulation von Wut und ein Regime der Angst". Sie würden agieren wie Faschisten - und Angst und Unsicherheit schüren.

Kritik an den gewalttätigen Demonstranten

Auch Tobias Brück, Autor beim "Kölner Stadtanzeiger", verurteilt die Szenen der Gewalt - und macht deutlich, dass sich die Autonomen mit ihren Krawallen selbst schaden würden.

"Der Gewalteinsatz als politisches Mittel ist fatal, denn die durchaus unterstützenswerte Kritik an der Zusammenkunft der 20 ökonomisch stärksten Länder rückt dadurch in den Hintergrund", schreibt Brück.

Die "Kieler Nachrichten" kommen in einem Kommentar zum gleichen Urteil: "Die linken Randalierer diskreditieren das Anliegen all jener wohlmeinenden Demonstranten, die die Mächtigen der Erde mit großem Ernst an ihre Verantwortung für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit erinnern, für die Rettung des Klimas und den Kampf gegen Hunger und Armut. Und für die Pressefreiheit."

Der Kommentar nimmt die Polizei in Schutz. Wer nach den schockierenden Bildern extremer Gewalt noch immer davon rede, die Polizei habe die Lage bewusst eskalieren lassen, dem sei nicht zu helfen, heißt es da.

Die Urteile über das Handeln der Polizei sind gespalten

Lobende Worte gibt es auch von "Welt"-Chefredakteur Poschardt für das Verhalten der Polizei. Diese habe mit Augenmaß auf die Bedrohungslage reagiert - dennoch räche sich jetzt, was jahrelang versäumt wurde: "Die so schlecht bezahlten Polizisten, deren Job so wichtig ist für unsere Freiheit, müssen ausbaden, was an Laschheit über Jahre und Jahrzehnte im Umgang mit linker Gewalt aufgebaut worden ist."

"Zeit Online"-Autor Frank Drieschner sieht die Strategie der Polizei allerdings als gescheitert an. Die Hamburger Polizei wollte mit ihrem Einsatz gegen den schwarzen Block eine Eskalation der Proteste verhindern - erreicht habe sie aber das genaue Gegenteil.

Die Strategie und das Auftreten der Polizei werfe viele Fragen auf, schreibt Drieschner. So sei nicht klar, warum die Polizei die Autonomen zwingend von den restlichen Demonstranten trennen wollte:

"Die Hamburger Polizei hat gefährliche Demonstrationen auch schon eingekesselt und stundenlang festgehalten. Wäre es nur darum gegangen, friedliche und unfriedliche Demonstranten zu trennen, hätte es genügt, den vorderen Teil des Zugs in der Straßenschlucht festzusetzen und den weitaus größeren hinteren Teil umzuleiten."

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Die Erwartungen an produktive Ergebnisse aus den Gesprächen der Regierungschefs sind gering

Beim eigentlichen Mittelpunkt des Gipfels - den Gesprächen zwischen den Staats- und Regierungschefs - ist bislang wenig inhaltlich Vorzeigbares passiert. An der Abschlusserklärung werden die Unterhändler aller teilnehmenden Staaten in der Nacht von Freitag auf Samstag wohl lange feilen.

Die "Rheinische Post" kann dem Verlauf des G20-Gipfels bislang wenig Positives abgewinnen. Der einzige Vorteil von G20 scheine derzeit zu sein, dass man noch miteinander und nicht nur übereinander rede, heißt es dort in einem Kommentar.

"Auch ein konfliktreicher Dialog ist besser als die Isolierung einzelner Länder, insbesondere unseres wichtigsten Bündnispartners USA. Wenn Merkel und ihre Mitstreiter Letzteres verhindern, ist schon viel erreicht. Bescheidenheit ist angesagt", kommentiert die "Rheinische Post".

Auch "Spiegel Online"-Autor Stefan Kuzmany glaubt nicht daran, dass das G20-Treffen zu großen Ergebnissen führen wird. "Wird das G20-Treffen in Hamburg die Welt weiterbringen im Kampf gegen Hunger, Armut und Klimawandel? Wohl kaum." Was auch immer sich die Bundeskanzlerin einmal vom Gipfel erhofft haben mag - es werde ein Gipfel des Missvergnügens für sie.

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(ll)

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