Viele Deutsche hoffen, Trump und Putin mögen sich vertragen - das ist nicht nur naiv, sondern gefährlich

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Viele Deutsche hoffen, Trump und Putin mögen sich vertragen - das ist nicht nur naiv, sondern gefährlich | Getty/Reuters
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  • Bei G20-Gipfel treffen die beiden umstrittenen Regierungschefs Donald Trump und Wladimir Putin aufeinander
  • Viele Deutsche hoffen, dass sich der Kreml-Chef und der US-Präsident vertragen
  • Ein naiver Wunsch, der die Gefahr eines solchen Bündnisses ignoriert

"Vertragt Euch“ - so lautet die Forderung mit Blick auf das heutige, erste Treffen von Wladimir Putin und Donald Trump in einem Beitrag auf "Spiegel Online".

Die Kernthese: "Ein entspanntes Verhältnis beider Länder“ sei "entscheidend für die weltpolitische Stabilität“. Das ist falsch. Genau das Gegenteil ist der Fall. Vertragen, solange Putin einen Krieg am Leben hält in der Ostukraine, in dem täglich Menschen sterben? Solange Putin die Krim besetzt hält?

Entspannt mit einem aggressiven Diktator umzugehen, ermuntert diesen nur zu weiteren Rechtsbrüchen und Aggressionen. In der Geschichte nennt man das "Appeasement“. Oder, frei nach Winston Churchill: Das Füttern eines Krokodils in der Hoffnung, dass es einen selbst zuletzt isst.

Infantiles Friede-Freude-Eierkuchen-Denken

Gut für die Stabilität im Umgang mit Diktatoren ist Eindämmung. Bei gleichzeitigem Dialog. Das hat im Umgang mit Moskau jahrzehntelang funktioniert. Wie tief das blauäugige, infantile Friede-Freude-Eierkuchen-Denken bei vielen in Deutschlands sitzt, ist erschütternd - und gefährlich.

Es beginnt schon in Schulen, wenn dort böse Jungs Mitschüler terrorisieren. Da heißt es dann auch oft nur "Vertragt euch wieder", statt dass man die Täter zurechtweist und die Opfer unterstützt.

Da ist vielen der Kompass verrückt! Diese Pippi-Langstrumpf-Mentalität ("Ich denk mir die Welt, wie sie mir gefällt“) hat sich weit in Politik und Medien eingefressen. Wir erleben eine Sozialpädagogisierung der Außenpolitik. Im Umgang mit Diktatoren kann diese verheerende Folgen haben und Kriegstreiber geradezu ermuntern.

In dem erwähnten "Spiegel Online"-Kommentar heißt es: "Ein kleiner historischer Rückblick zeigt: Die politische Weltlage wurde meistens stabiler, wenn sich die führenden Männer aus Washington und Moskau von gleich zu gleich begegnet sind.“

Eine gewagte These. Wenn sich Diktatoren und demokratisch gewählte Staatsmänner "von gleich zu gleich“ begegnen würden, wäre das fatal.

Das gefährliche Delirium Moskaus

Dialog ist das eine – und dass der notwendig ist, würde niemand bestreiten. Aber Dialog unter dem Vorzeichen der „Eindämmung“ ist etwas anderes als "Vertragt euch“.

Der Gorbatschow-Vertraute Eduard Schewardnadse hat berichtet, dass es der harte Kurs von US-Präsident Ronald Reagan war, der die Sowjetunion zur Perestroika zwang – und damit den Untergang dieser Diktatur einleitete, die in ihrer Geschichte Abermillionen Menschenleben auf dem Gewissen hatte.

Hätte Reagan auf "Vertragt euch“ gesetzt – er hätte das gefährliche Delirium Moskaus wohl noch verlängert.

Weiter steht in dem Spiegel Online-Artikel: "Dass und warum es vor einigen Jahren zum Bruch kam, ist eine andere Geschichte; sie handelt von geopolitischen Interessen, russischer Nostalgie, westlicher Überheblichkeit und verletztem Stolz.“

Was für eine Verzerrung der Realität, was für eine Verdrängung!

Der richtige Appell wäre: "Reden Sie mit Putin Klartext!"

Nein, zum "Bruch“ kam es, weil Putin die Krim überfiel und einen Krieg in der Ostukraine vom Zaum brach. Obamas schwache Politik, seine Anbiederung an Moskau haben Putin zu seinen Aggressionen ermutigt.

Für Putins Überfall auf sein Nachbarland westliche Überheblichkeit oder verletzten Stolz als Rechtfertigung anzuführen, ist das gleiche Niveau, als würde man eine Vergewaltigung mit dem schlechten Umgang oder der Hochnäsigkeit des Opfers rechtfertigen.

Daher wäre der richtige Appell an Trump vor seinem heutigen Treffen mit Putin: "Reden Sie mit Putin, aber im Klartext, und vertragen Sie sich nicht mit dem Aggressor!“

Ob so ein Appell an den US-Präsidenten auf fruchtbaren Boden fallen würde, steht auf einem anderen Stern.

Wie eng sind Trumps Kontakte nach Moskau?

Die Aufforderung an die Anführer der beiden größten Atommächte, sich zu "vertragen“, hat nämlich noch einen besonderen Beigeschmack: Die Verbindungen Trumps nach Moskau sind ominös.

Nicht nur sein Wahlkampfteam und engste Vertraute pflegten einen engen Umgang mit Russlands Führung. Auch Trump selbst steht im Verdacht, merkwürdige Kontakte zur russischen Mafia zu haben – die wiederum eng mit dem Kreml vernetzt ist.

Dass Trump von Putin massive und illegale Unterstützung im Wahlkampf bekommen hat, ist mittlerweile kaum noch zu bestreiten. Bis heute ist daher unklar, wie eng die Kontakte Trumps zu dem Diktator in Moskau sind. Und welchen Einfluss dieser auf den neuen Chef des Weißen Hauses hat.

Für die weltpolitische Stabilität kann man nur hoffen, dass dieser Einfluss minimal ist.

Trumps Signale an Moskau sind gegensätzlich und verwirrend

Und dass der Politik-Anfänger Trump sich nicht um den Finger wickeln lässt vom erfahrenen Putin, der schon an der KGB-Hochschule gelernt hat, Menschen für sich einzunehmen.

Trumps Vorbereitung auf das Zusammentreffen, über die die "Los Angeles Times" berichtet, lässt daran Zweifel zu. So soll Trump sich mit Notizen auf Putin vorbereiten, die nicht länger als ein Tweet sein dürfen - sonst würde der US-Präsident sie nicht lesen.

Trump hat vor der Weiterreise nach Hamburg Moskaus Kurs scharf kritisiert und Putin destabilisierendes Verhalten vorgeworfen. Es ist zu hoffen, dass er diese Kritik ernst meinte – und sie keine Nebelgranate war, mit der er von einer möglichen Nähe oder Sympathie zu Putin ablenken wollte.

Die bisherigen Signale und Handlungen Trumps gegenüber Moskau sind höchst gegensätzlich und verwirrend. Allerdings zeichnet diese Handschrift nicht nur Trumps Umgang mit Moskau aus.

Das bedrohliche an der Situation ist: Für die "weltpolitische Stabilität“ wäre nicht nur eine Eindämmung Moskaus notwendig. Auch Trump bzw. seine überbordende Persönlichkeit müssten eingedämmt werden. Die Gewaltenteilung und die funktionierenden demokratischen Institutionen in den USA sollten das im Zweifelsfalle schaffen.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einer Diktatur wie in Russland und einer Demokratie – so gefährdet sie auch sein mag.

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(jg)

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