Dass die nordkoreanische Diktatur noch existiert, liegt auch an einer großen Angst Chinas

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHINA NORDKOREA GRENZE
Die Grenze zwischen China und Nordkorea | Getty
Drucken
  • Der internationale Druck auf Nordkorea wächst
  • Das Regime um Kim Jong Un hat nur einen wirklichen Verbündeten: China
  • Die Volksrepublik hat gute Gründe, sich auf die Seite Nordkoreas zu schlagen – einer davon ist eine große Furcht

Nordkorea hat einen großen Verbündeten in dieser Welt. Und der heißt China.

China ist Nordkoreas wichtigster Handelspartner und versorgt das Land mit Nahrungsmitteln, Strom und Erdöl.

Gleichzeitig hilft das Kim-Regime der Volksrepublik, durch seine Drohgebärden Einfluss auf Südkorea und Japan zu nehmen - Chinas größte Konkurrenten in Südostasien.

Doch ist das der einzige Grund, weshalb China kein allzu großes Interesse an einem Umsturz in Nordkorea hat? Ein Blick auf die Grenzen lässt einen weiteren Verdacht aufkeimen:

China könnte eine Massenflucht aus Nordkorea fürchten - und deshalb alles dafür tun, ein Ende der Diktatur Kim Jong Uns zu verhindern.

Millionen Nordkoreaner könnten nach China flüchten

Wer nicht in Pjöngjang lebt und Teil der politischen Elite ist, hat in Nordkorea ein hartes, unterdrücktes, kontrolliertes Leben. Sollte ein Bürgerkrieg ausbrechen, würde der Alltag der nordkoreanischen Landbevölkerung noch viel schlimmer werden.

Die große Angst in China: In einem solchen Fall könnten sich Millionen von Nordkoreanern auf den Weg in den Norden machen.

Denn sollte es zu einem Umsturz kommen, würden die meisten Nordkoreaner wohl nicht in den Süden nach Südkorea fliehen.

Schließlich liegt zwischen Nord- und Südkorea ein 240 Kilometer langer und 4 Kilometer breiter Streifen Land, der die beiden Konfliktländer voneinander trennt. Diese entmilitarisierte Zone (DMZ) ist durchzogen mit Landminen und wird von den beiden größten Armeen der Welt überwacht.

Mehr zum Thema: Nordkorea provoziert China: Das müsst ihr dazu wissen

Wer aus Nordkorea fliehen will, der sollte sich also lieber eine andere Route suchen. Viele Nordkoreaner haben Freunde und Familienangehörige in China, über eine Million koreanische Migranten leben bereits in der Volksrepublik. Der Fluchtweg nach Norden bietet sich somit für viele Menschen in Nordkorea an.

Das grausame Schicksal geflüchteter Nordkoreaner

Doch China will keine Nordkoreaner ins Land lassen. Momentan behandelt Peking nordkoreanische Geflüchtete als “Wirtschaftsflüchtlinge”, lässt sie massenhaft zurück nach Nordkorea deportieren.

Das Land bricht damit das internationale Völkerrecht – denn die UN-Untersuchungskommission hat im Februar 2014 festgestellt, dass Nordkorea systematisch “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” gegen die eigene Bevölkerung begeht.

"Offiziell gibt es ein Rückführungsabkommen zwischen China und Nordkorea. Sprich, wenn nordkoreanische Flüchtlinge auf chinesischem Boden landen, ist die Volksrepublik dazu verpflichtet, sie zurückzuschicken“, sagt Eric Ballbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Korea-Studien an der Freien Universität in Berlin, der HuffPost. „Solche Flüchtlinge sind in den Augen des nordkoreanischen Regimes Vaterlandsverräter. Ihr Schicksal endet grausam.“

Selbst in dem Wissen, dass sie dort höchstwahrscheinlich gefoltert und ermordet werden, schickt China also nordkoreanische Flüchtlinge in ihr Heimatland zurück, beklagt auch die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM).

Die genaue Zahl der Flüchtlinge aus Nordkorea in China ist unklar, aber laut der IGFM soll es sich im Jahr 2015 um 40.000 bis 50.000 Menschen gehandelt haben.

Eine nordkoreanische Flüchtlingskrise hätte weitreichende Folgen für China

Chinas hartes Vorgehen gegen die Schutzsuchenden aus dem Nachbarland dient demnach vorrangig der Abschreckung. Denn sollte es zu einer Staatskrise in Nordkorea kommen, hätte das eine humanitäre Katastrophe epischen Ausmaßes zur Folge.

“Sollte es zu einer Krise in Nordkorea kommen, würde die Volksrepublik vermutlich in irgendeiner Art und Weise die Erlaubnis der UN einholen, bevor sie einschreiten. Aber sicher ist, dass China dann sehr schnell die Grenze nach Nordkorea sichern und versuchen wird, die Nordkoreaner zur Flucht auf die koreanische Grenzseite zu zwingen und die Massenflucht dort zu managen”, sagte Carla Park Freeman, Leiterin des Instituts für Außenpolitik an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies in Washington DC dem US-Magazin “Quartz”.

Kein einfaches Unterfangen. “Die Grenze dauerhaft aufrechtzuerhalten würde eine große militärische und organisatorische Herausforderung”, sagte Bob Collins, ein ehemaliger Analyst des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, “Quartz”.

China fürchtet nicht nur Flüchtlinge, sondern auch einen Machtverlust

Dabei wäre eine Flüchtlingskrise nach einem Sturz der Diktatur in Nordkorea nur eines von Chinas Problemen.

Dohoon Kim, Chefredakteur der südkoreanischen HuffPost, sagt: “China ist mit Sicherheit einer der Gründe, warum das nordkoreanische System weiterhin existieren kann.” Aber er glaubt auch, dass die Volksrepublik nicht vorrangig eine Flüchtlingskrise fürchtet.

“Die Flüchtlingsproblematik in Nordkorea ist nicht vergleichbar mit beispielsweise der von Syrien. Aber China will weiterhin die asiatische Politik gegen die der USA und Japans stellen.” Daher sei es für China wichtig, die Kontrolle über Nordkorea zu behalten.

Denn wer die Kontrolle über Nordkorea verliert, verliert die Kontrolle über Ostasien, so Dohoon Kim. “Das wird China zu verhindern wissen. Dieser Hegemonial-Krieg dauert inzwischen ein Jahrhundert an. Diese Problematik ist viel größer und wichtiger für China als eine mögliche Flüchtlingskrise.”

Die Beziehung zwischen China und Nordkorea ist kompliziert

Seit Jahrzehnten ist Nordkorea ein Art Puffer-Land für China. Die Volksrepublik hat lange Zeit davon profitiert, eine repressive, verarmte Nation als Nachbarn zu haben - statt einer “bedrohlichen” Demokratie.

Aber die Rolle Chinas im Nordkorea-Konflikt ist ambivalent.

"Es gibt natürlich historische Verbindungen, die noch immer nachwirken. Aber die Beziehung hat in den letzten Jahrzehnten einige Auf und Abs erlebt“, sagt Nordkorea-Experte Eric Ballbach. „Mit der Nuklearkrise sind die Spannungen zwischen den beiden Ländern wieder sichtbarer geworden.“

Mehr zum Thema: US-Botschafterin droht Nordkorea, notfalls werde man das Militär losschicken

So sieht sich die chinesische Regierung auch gezwungen, Druck auf das verbündete Regime in Nordkorea auszuüben und die Vereinten Nationen zu unterstützen – wie etwa nach dem gescheiterten Atomtest Nordkoreas im September 2016.

China hat kein Interesse an einem nuklearen Nordkorea, aber an einem instabilen oder gar kollabierenden Nordkorea noch viel weniger.

Ein Regime-Sturz als geopolitischer Super-Gau

"Das ist auch der Grund, warum China weiterhin symbolisch den internationalen Druck auf Nordkorea unterstützt, aber niemals harte wirtschaftliche Sanktionen zulässt", sagt Ballbach.

80 bis 90 Prozent des nordkoreanischen Außenhandels werden über China abgewickelt. Und so hat China mehrfach internationale Strafen wegen Menschenrechtsverletzungen gegen Nordkorea verhindert.

"Ein Regime-Sturz würde den geostrategischen und -politischen Supergau für China bedeuten“, sagt Ballbach. „Zum einen, weil die Volksrepublik den drohenden Flüchtlingsstrom fürchtet und zum anderen, weil die Regierung in Peking fürchtet, dass sich der Einfluss Südkoreas nach Norden ausbauen würde - und somit im schlimmsten Fall irgendwann US-Truppen an der Grenze zu China stehen würden.“

Flüchtlinge und ein Verlust der eigenen Vormachtsstellung: Das sind die wichtigsten Gründe, warum die Volksrepublik lieber auf Dialog statt Konfrontation oder gar Krieg im Dilemma um das nordkoreanische Regime setzt.

"All das will China vermeiden. Die Volksrepublik möchte für ihr wirtschaftliches Wachstum Ruhe an den Außengrenze. Eine Flüchtlingskrise hätte auch finanzielle Folgen, die mit den militärischen einhergehen würden", erklärt Ballbach.

Es bleibt abzuwarten, wie sich Peking in Zukunft zwischen dem Westen und Nordkorea positionieren wird.

Doch fest steht: Eine mögliche Massenflucht der Nordkoreaner nach China würde eine große Belastung für die Volksrepublik bedeuten. Gleichzeitig würde ein Ende Nordkoreas einem erheblichen Machtverlust Chinas in Asien gleichkommen. Das ist einer der Hauptgründe dafür, dass die Regierung in Peking kein Interesse an einem Sturz Kim Jong Uns hat.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(jg)

Korrektur anregen