Neue Studie zeigt: Polizisten belasten viele Opfer von Gewalt durch ihr unangemessenes Verhalten zusätzlich

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Die Belastung für Opfer von Gewalt wird während des Ermittlungsverfahrens oft verstärkt. Das berichtet eine Studie der Stiftung "WEISSER RING". | Getty Images
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  • Eine neue Studie der Opfer-Stiftung "Weißer Ring" zeigt, dass Opfer von Gewalt in Ermittlungsverfahren zusätzlich belastet werden
  • Hunderte Fragebögen wurden in der Studie ausgewertet
  • Die Stiftung fordert nun eine bessere Sensibilisierung der Justizorgane

Kriminalitätsopfer und Angehörige von Opfern fühlen sich von Polizei und Staatsanwaltschaft häufig nicht immer angemessen behandelt. Dies zeigt eine neue Studie im Auftrag der Weißer Ring Stiftung.

Der Weiße Ring ist eine Stiftung, deren Zweck die Förderung der Hilfe von Opfern von Straftaten, die Förderung der Kriminalprävention, die Förderung der Forschung insbesondere auf dem Gebiet der Kriminologie und die Förderung bürgerschaftlichen Engagements zugunsten gemeinnütziger Zwecke ist.

Bessere Sensibilisierung nötig

Die Stiftung fordert die Ermittlungsbehörden auf, gegenzusteuern. “Die Opferschutzbeauftragten bei der Polizei müssen gestärkt werden", sagte Roswitha Müller-Piepenkötter, Vorsitzende des Stiftungskuratoriums, bei der Vorstellung der Studie im Bundeskriminalamt (BKA) Wiesbaden.

Außerdem müssten Polizisten und Staatsanwälte intensiver für die Perspektive des Opfers sensibilisiert werden. “Am besten schon in der Aus-, und dann in der Weiterbildung", so Müller-Piepenkötter. Die Opfer seien oft auf sich allein gestellt.

Hunderte Fragebögen ausgewertet

Durchgeführt wurde die Studie von einem Forscherteam der Universitäten Heidelberg und Gießen sowie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim.

Die Forscher analysierten unter anderem 178 Strafakten mit 251 Erhebungsbögen, führten 87 qualitative Interviews mit Opfern und Angehörigen, werteten 320 an Opfer gerichtete Fragebögen aus und nahmen an Gruppengesprächen mit Polizisten, Anwälten, Opferhelfern und Therapeuten teil.

Faktoren der Belastung während eines Ermittlungsverfahrens

Laut Strafaktenanalyse dauerten Vernehmungen oft länger als zwei Stunden, vielfach kam es zu Mehrfachvernehmungen.

Darüber hinaus war den Angaben zufolge bei weniger als zwei Prozent aller Vernehmungen ein Rechtsanwalt des Opfers dabei.

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In den Interviews gaben Betroffene zu Protokoll, dass sie sich oft rechtfertigen mussten oder Ermittler die Privatsphäre nicht beachteten.

Die Analyse der Fragebögen zeigt, dass sich 52 Prozent der Befragten über den Verfahrensstand und 50 Prozent über ihre Rechte nicht genug informiert fühlten. 41 Prozent erhielten ihrer Meinung nach zu wenige Informationen über Hilfsmöglichkeiten.

Die Ergebnisse zeigen deutliche Zusatz-Belastungen der Opfer

Jörg Ziercke, ehemaliger BKA-Präsident und stellvertretender Bundesvorsitzender des Weißen Rings sagte: “Die Ergebnisse zeigen deutlich, wie sehr ein Ermittlungsverfahren ein Opfer noch zusätzlich zur Tat an sich belasten kann.”

Natürlich sei es Aufgabe der Ermittlungsbehörden, nach einer Straftat die Wahrheit herauszufinden. Dass Opfer hierfür gegebenenfalls mehr als ein Mal befragt werden müssten, sei unausweichlich.

"Allerdings stehen Ermittler hierdurch umso mehr in der Pflicht, mit aller Behutsamkeit vorzugehen und frühzeitig zu erkennen, wie weitere Belastung für ohnehin schon traumatisierte Menschen vermieden werden kann", betonte Ziercke.

Belastende Ausnahmesituation für die Opfer

Peter Henzler, Vizepräsident beim BKA: "Menschen, die Opfer von Straftaten geworden sind, sind meist die wichtigsten, teilweise gar die einzigen Zeugen. Sie sind für uns als Ermittler oft die ersten, deren Aussage wir aufnehmen.

Das bedeute eben auch, “dass Polizistinnen und Polizisten zu den ersten Ansprechpartnern zählen, auf die Opfer von Kriminalität unmittelbar nach dieser einschneidenden Erfahrung treffen. Wir müssen uns daher immer wieder bewusst machen, dass das, was für uns tägliches Geschäft ist, für die Opfer meist eine bislang unbekannte, absolute Ausnahmesituation darstellt."

Rechtevertretung für Opfer

"Wichtig ist, dass Betroffene von Anfang an jemanden an ihrer Seite haben, der ihre Rechte vertritt und der sie über das, was gerade passiert, aufklären kann", sagte Müller-Piepenkötter.

Deshalb fordert der Weiße Ring die Satzungsversammlung der Bundesrechtsanwaltskammer auf, den Fachanwalt für Opferrechte einzuführen. "Dies würde die nötigen Rahmenbedingungen schaffen", so Müller-Piepenkötter.


Die gesamte Studie findet ihr hier.

(ks)

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