Die Muslimbrüder - die heimliche Macht, die die arabische Welt spaltet

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MUSLIMBRUEDER
Mitglieder der Muslimbruderschaft demonstrieren am 6.10.2015 in Kairo am zweiten Jahrestag von Zusammenstößen der Bruderschaft mit Sicherheitskräften | dpa
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  • Die Muslimbrüder sind ein Grund für die Katar-Krise
  • Die Bruderschaft ist ebenso groß wie umstritten wie mysteriös
  • In Deutschland baut sie offenbar ihren Einfluss aus

Die Katar-Krise lähmt die Golfregion. Beschäftigt wegen ihrer Dimension die Welt.

Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägypten hatten vor einem Monat wohlwollende Äußerungen des Emirs von Katar über den Iran als Anlass für ihren Boykott des Inselstaates genommen. Und ihm die Unterstützung von Terroristen vorgeworfen.

Damit gemeint sind: die Muslimbrüder.

Nahost-Experte Stephan Roll von der Stiftung Wissenschaft und Politik beobachtet, dass das Thema im Lauf der Krise noch an Bedeutung gewonnen hat. "Der Umgang mit der Muslimbruderschaft spielt jetzt eine viel größere Rolle", sagte er der HuffPost.

Spätestens seit dem Arabischen Frühling in Ägypten ist die Bruderschaft auch im Westen ein Begriff. Aber über all den oberflächlichen Terrorvorwürfen vergessen viele, welche Macht die Bruderschaft wirklich hat, wie sie weltweit verflochten ist – und was sie ausmacht.

Die größte Bewegung des politischen Islam – mit unbekannter Mitgliederzahl

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Sympathisanten der Muslimbrüder auf dem Kairoer Tahrir-Platz am 29. Juni 2012. Ägypten ist das Mutterland der Organisation. Foto: Reuters

Die Muslimbruderschaft oder Muslimbrüder (MB) sind die größte politische Bewegung des Islam.

Es gibt keine verlässlichen Schätzungen, wie viele Mitglieder, wie viele Sympathisanten die Organisation hat, die 1928 vom ägyptischen Volksschullehrer Hasan al-Banna gegründet wurde und heute in mehr als 70 Ländern aktiv sein soll.

Ihr Verbreitung fällt auf den ersten Blick oft nicht auf, weil sie oft nicht unter dem Namen der Bruderschaft auftritt, sondern Parteien und Vereine gründet.

In Deutschland hat sie laut dem neuen Verfassungsschutzbericht mehr als 1040 Anhänger. Der Verfassungsschutz Sachsen meldete kürzlich, die MB nutze das Vakuum an islamischer Infrastruktur im Osten, um dort ein Monopol aufzubauen und etwa die Flüchtlinge an sich zu binden. Mit viel Geld würden dort Gebäude gekauft.

Eine straffe Hierarchie – die kaum jemand im Detail kennt

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Mohammad Badie gilt derzeit als Kopf der Muslimbrüder. Das Foto zeigt ihn Mai 2016 vor Gericht. Foto: Reuters

Die österreichische Journalistin Petra Ramsauer beschrieb in ihrem 2014 erschienenen Buch "Muslimbrüder. Ihre geheime Strategie. Ihr globales Netzwerk" die Muslimbruderschaft als eine Art Franchise-Unternehmen. Die Rolle des obersten Führers sei seit den 90er-Jahren vom Führer der Bruderschaft in Ägypten eingenommen worden, dem Mutterland der Organisation.

Es gibt eine Dachorganisation mit Sitz in London, die aber laut Jens Heibach vom Giga-Institut für Nahost-Studien in Hamburg nur der Vernetzung dient, ohne hierarchische Durchgriffsrechte.

Innerhalb der einzelnen Länder dagegen sei die MB streng hierarchisch organisiert. Aber weil sie in vielen Ländern verboten sind, die auch diese Strukturen nur selten öffentlich bekannt. Geheimhaltung gehört zur DNA der viel verfolgten Organisation.

Ramsauer schreibt, Mitglied der Bruderschaft werde nur, wer mehrjährige Schulungen in örtlichen Kleingruppen durchlaufen habe und absolut loyal sei.

Nach allem, was man weiß, lebt die Bruderschaft von Privatspenden, von größeren Geldgebern in Katar und der Türkei. Experte Heibach allerdings warnt, die Finanzierung sei "vollkommen intransparent".

Die islamische Gesellschaft als Ziel – was immer das heißen mag

Ihr Ziel: In jenen Ländern, in denen sunnitische Muslime leben, einen "bürgerlichen Staat mit islamischen Werten einzurichten", so jedenfalls beschreibt es der deutsche Verfassungsschutz. Ihre Taktik: Einflussnahme in Religion, Politik und Gesellschaft.

Was das konkret heißt, ist schwer zu sagen. Denn eine klare, einheitliche Linie können selbst Experten nicht erkennen, weder in den alten Schriften der Organisation noch in Gesprächen mit den aktuellen Vertretern.

Journalistin Ramsauer hat für ihr 2014 erschienenes Buch "Muslimbrüder. Ihre geheime Strategie. Ihr globales Netzwerk" mit mehreren Muslimbrüdern gesprochen – und diese hätten weder die Demokratie noch die wörtliche Anwendung des islamischen Rechts mit seinen Körperstrafen abgelehnt.

Die politische Bewegung, die die Politik spaltet

In der arabischen Welt versucht die MB, über politische Parteien Einfluss zu nehmen. In Tunesien etwa gründete sie die Ennahda, die die Regierung stellt.

Könige, Emire, Scheichs und Diktatoren arabischer Länder fürchten allerdings die Macht der MB.

Die einen wie Saudi-Arabien, weil sie keine Organisation dulden, mit der das Volk sich Macht verschafft.

Die anderen wie die Emirate oder Ägypten, weil sie keinen politischen Islam dulden.

Eine Terrororganisation für die Araber – aber nicht für den Westen

In Deutschland gelten die Muslimbrüder, die hier in der "Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e. V.“ (IGD) mit Sitz organisiert sind und in Köln und Zweigstellen in München, Nürnberg, Stuttgart, Frankfurt am Main, Marburg, Braunschweig und Münster unterhalten sollen, als Islamisten. Der Verfassungsschutz beobachtet sie, aber sind nicht als Terrororganisation eingestuft.

Ebenso wenig wie in den USA, wo der einflussreiche Thinktank Brookings Präsident Donald Trump eindringlich davor warnte, das zu ändern. Anders als die IS-Miliz setze die MB nicht auf Gewalt, sondern auf Politik. Tatsächlich lehnt die MB Gewalt als Mittel offiziell seit Jahren ab – außer Gewalt gegen "Besatzer" wie Israel.

De facto hätte jede westliche Regierung ein Problem, wenn sie die MB pauschal als Terroristen einstufte: Sie stellen in mehreren Ländern Teile der Regierung, etwa in Tunesien, wo sie die Ennahda-Partei gründeten. Damit wären Verhandlungen erheblich verkompliziert. Und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) warnte, so würden Muslime vom demokratischen Prozess ausgeschlossen.

Anders sieht es in vielen arabischen Ländern aus. In Ägypten, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Saudi-Arabien etwa gelten die Muslimbrüder als Terroristen.

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Mohammed Mursi und Angela Merkel (CDU) im Januar 2013. Foto: Reuters

Was teils schlicht politisch motiviert ist: In Ägypten stellten die Muslimbrüder von Juni 2012 bis Juli 2013 mit Mohammed Mursi den Präsidenten. Dann putschte sich Abdel Fatah al-Sisis an die Macht und erklärte die Muslimbrüder zur Terrororganisation. Eine wirkungsvolle Maßnahme, sich den politischen Gegner vom Hals zu halten.

Andererseits steht die Bruderschaft in Syrien und Libyen teils hinter bewaffneten Aufständen. Die palästinensische Hamas, die aus der MB hervorging und sich erst im Mai dieses Jahres lossagte, gilt auch in Deutschland als terroristisch.

Eine Sozialorganisation – die den Staat ersetzt

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Die Muslimbruderschaft kümmert sich um Arme, wo der Staat versagt. Foto: Reuters

Ein wesentlicher Teil der Arbeit der Bruderschaft ist Sozialarbeit. Experte Heibach hält sie sogar für die Basis der Organisation, sie umfasst alle Bereich von der religiösen und weltlichen Bildung über die Armenhilfe bis zur Gesundheitsvorsorge.

Die MB, im sozialen Sektor insbesondere die Frauen, sprangen dort ein, wo der Staat versagte. Und hat sich so unter der Bevölkerung arabischer Länder hohes Ansehen erarbeitet.

Eine Organisation, deren Faszination gebrochen ist – und die jederzeit wieder erstarken kann

Das Ansehen allerdings hat nach den Entwicklungen in Ägypten gelitten, sagt Anna Sunik, ebenfalls vom Giga-Institut, sie spricht von "extremen Rückschlägen". "

"Ihr Image in der arabischen Welt hat zudem stark daran gelitten, dass es ihnen in Ägypten nicht gelungen ist, die Wirtschaft anzukurbeln und politische Inklusion zu betreiben. Das hat wohl auch einen Effekt auf die Zahl ihrer Anhänger gehabt", sagt Sunik der HuffPost.

Aber aus ihrer Sicht haben die Muslimbrüder das Potenzial, wieder nach oben zu kommen. Wie sie es immer gemacht haben, wenn sie in ihrer bewegten Geschichte wieder einmal unten waren.

Suniks Kollege Heibach formuliert es so: "Sie waren die meiste Zeit ihres Bestehens mit Repression konfrontiert. Ihre ganze Organisation ist darauf ausgelegt, in Heimlichkeit zu agieren."

Mehr zum Thema: Die unheimliche Macht der Muslimbrüder

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(ks)