Katar hält an der Muslimbruderschaft fest - obwohl das die Isolation bedeutet. Das ist der Grund

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QATAR
Männer an der Corniche von Katars Hauptstadt Doha | Naseem Zeitoon / Reuters
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  • Katar soll nach dem Willen seiner Gegner alle Kontakte zu den Muslimbrüdern abbrechen
  • Für das kleine Emirat käme das einer Kapitulation gleich, sagen Experten
  • Tatsächlich sind die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern der Bruderschaft nicht so klar, wie man glauben könnte

Katar ist Ärger mit seinen Nachbarn gewohnt. Diese Krise aber ist anders.

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Foto: Reuters

Der kleine, auf einer Halbinsel gelegene Staat ist isoliert. Die Grenzen sind dicht, Menschen und selbst Kamele aus Katar mussten auf die heimische Seite des Stacheldrahts in der Wüste zurückkehren. Der Luftverkehr zwischen Katar auf der einen und Saudi-Arabien, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) und Ägypten auf der anderen Seite ruht. Die diplomatischen Beziehungen liegen auf Eis.

Katar soll 13 Forderungen erfüllen, viele davon zielen nur auf eines ab: Katar soll aufhören, die Muslimbruderschaft (MB) zu unterstützen. Sofort.

Die Muslimbrüder: mächtig, mit angekratztem Image

Die Muslimbrüder sind die weltweit größte Organisation des politischen Islam, in mehr als 70 Ländern aktiv, in einigen an der Regierung beteiligt. Aber nach dem Militärputsch 2013 in ihrem Mutterland Ägypten schwer beschädigt. Image, Einfluss - beides hat einen heftigen Dämpfer bekommen.

Und trotzdem sieht es nicht so aus, als würde Katar seine Beziehungen zu den Muslimbrüdern kappen.

Katar und die Muslimbrüder - eine lange Geschichte

"Katars Bindung an die Muslimbruderschaft hat historische und pragmatische Gründe", sagt Anna Sunik, Spezialistin für die Golfmonarchien vom Giga-Institut für Nahost-Studien in Hamburg.

Die Muslimbrüder haben seit ihrer Gründung 1928 mehrere Phasen der Unterdrückung in mehreren arabischen Ländern erlebt, unter anderem in den 50er- und 60er-Jahren in Ägypten.

Viele Golfstaaten nahmen die Muslimbrüder auf. Ehrensache unter Muslimen, die von säkularen Staaten oder dem Erzfeind Israel verfolgt wurden.

Und so, sagt Sunik der HuffPost, gab es noch vor der Unabhängigkeit Katars 1971, als das Land noch unter britischer Protektion war, die ersten Kontakte mit der Bruderschaft. "Katar, das damals nur etwa 25.000 Einwohner zählte, brauchte dringend Bildungspersonal, religiöses und weltliches, viele MB fanden Arbeit und haben sich im Land etabliert." Auch in anderen Golfstaaten etablierten sich die Muslimbrüder im Bildungssektor.

Die Muslimbrüder störten Katars Innenpolitik nicht

Allerdings gab es einen wesentlichen Unterschied: "In Katar waren die Muslimbrüder in der Bevölkerung nie so stark verankert wie in der Levante, in Saudi-Arabien und den VAE", sagt Suniks Kollege Jens Heibach der HuffPost.

"Anders als in anderen Golfstaaten wurden die MB innenpolitisch nie ein Problem in Katar. Da Nicht-Bürger jederzeit abgeschoben werden konnten, und es keine wesentliche einheimische Opposition gab, wichen die MB nicht von der Regierungslinie ab."

Die Muslimbrüder als Machtinstrument des Emirs von Katar

Es entstand eine Win-Win-Situation in Katar. Der Emir musste nicht um seine Macht fürchten. Aber er unterstützte die Muslimbrüder im Ausland.

Hama bin Chalifa al-Thani, von 1995 bis 2013 Staatsoberhaupt, hatte erkannt, dass er den Einfluss der hochrangigen Muslimbrüder, die in seinem Land Zuflucht gefunden hatten, für sich nutzen konnte. Insbesondere im Arabischen Frühling ab 2011.

Er betrieb eine aktive Außenpolitik, die ihm mehr Einfluss sicherte als es der Größe oder vielmehr Kleinheit seines Landes entsprochen hätte. Wichtiges Instrument: der Fernsehsender Al-Jazeera, dessen arabische Ausgabe zum Sprachrohr der Muslimbruder wurde.

Ägyptens Präsident von Sommer 2012 bis 2013, der Muslimbruder Mohammed Mursi, bekam Hilfe in Höhe von acht Milliarden US-Dollar aus Katar.

2013, sagt Sunik, stellte Al-Thani dann fest, dass er aufs falsche Pferd gesetzt hatte. Und fuhr seine Unterstützung der MB zurück.

Das war nur logisch, denn die große Unterstützung für Katar war pragmatischer, nicht ideologischer Natur. "Ideologisch steht Katar den MB nicht nahe", sagt Sunik. "Katars Herrscherhaus ist hanbalitisch-wahhabitisch geprägt, was eine ganz andere Strömung als der politische Islam der MB darstellt und mit ihm sogar häufig rivalisiert."

Die Saudis haben an besseren Beziehungen zur MB gearbeitet

Die Staaten, die Katar jetzt unter Druck setzen, haben allerdings ganz andere Erfahrungen mit der Bruderschaft gemacht.

Saudi-Arabien ist dabei tatsächlich – anders als die Öffentlichkeit im Westen glaubt – gar nicht einmal die treibende Kraft im Anti-Muslimbruder-Kurs.

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Saudi-Arabiens König Salman Ibn Abd al-Aziz. Foto: Reuters

Das Königshaus Saud hält zwar gar nichts vom Organisationsmodell der Bruderschaft, die für die Macht des Volkes steht. Heibach sagt: "Das Haus Saud arbeitet Top-Down und will so ein konkurrierendes Ordnungsmodell nicht tolerieren." Nicht als Vorbild in der Nachbarschaft. Und nicht im Land, wo die radikalere, aber nicht so mächtige Sahwa-Bewegung nach diesem Prinzip arbeitet.

Aber spätestens seit König Salman Ibn Abd al-Aziz Anfang 2015 die Macht übernommen hat, "fährt Saudi-Arabien einen wesentlich sanfteren Kurs gegen den Muslimbrüder als früher", sagt Sunik. Laut Heimbach gab es sogar Überlegungen, sie von der Terrorliste zu streichen.

Der Grund: Saudi-Arabien kann sich einen harten Kurs nicht leisten, kann nicht zu viele Feinde gleichzeitig bekämpfen. " Es gibt ja noch den IS, Iran und den Krieg im Jemen“, sagt Heibach.

Die Bruderschaft ist als Verbündeter gegen die Schiiten toleriert

Im Jemen arbeiten die Saudis sogar mit der Islah-Partei der Muslimbrüder zusammen. Denn der Feind sind die schiitischen Huthis.

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Huthi-Rebell im Jemen. Foto: Reuters

In Bahrain sitzen die Muslimbrüder sogar im Parlament. "Das wirkt angesichts der Forderungen widersprüchlich", sagt Heibach. "Aber die MB arbeiten dort gegen die Schiiten – und werden deswegen toleriert."

Den arabischen Herrschern geht es um Machterhalt - weniger ums Prinzip.

Ägyptens Militärdiktatur betrachtet die Bruderschaft als größten Konkurrenten

Die treibenden Kräfte gegen die Muslimbruderschaft sind vielmehr die Ägypter und die VAE.

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Eine Jordanierin demonstriert 2013 gegen den Sturz des ägyptischen Präsidenten Mursi. Die Muslimbrüder und ihre Anhänger nutzten das Zeichen mit der Hand, bekannt als "Rabia"- oder "Rabaa"-Zeichen, um ihre Solidarität mit den Opfern des Militärputsches auszudrücken. Foto: Reuters

Ägyptens Präsident Abdel Fatah al-Sisi putschte gegen Mursi und ließ die komplette Führung der Bruderschaft einsperren und stufte die Organisation Ende 2013 als Terrororganisation ein. Rechtsstaatliche Prinzipien spielten keine Rolle, es ging um Macht.

VAE fürchten den Putsch

Auch die Scheichs der VAE fürchten die Muslimbrüder. "Die Furcht vor einer Machtübernahme und damit vor einer organisierten Opposition ist groß", sagt Sunik. Heibach verweist auf ein geleaktes Gespräch des US-Botschafters mit Kronprinz Mohammed bin Zayed al-Nayhan von 2006. Der Prinz sagte, bei einer Wahl würden die Muslimbrüder im Land gewonnen.

2013 wurde eine Zelle dort des Putschversuches angeklagt.

"Auch der Ideologie des politischen Islam kann die Führung der VAE nichts abgewinnen", sagt Sunik.

"Einlenken käme einer Kapitulation gleich"

Und so stehen in der Katar-Krise beide Seiten unversöhnlich gegenüber.

Denn Katar weiß zwar, dass mit den Muslimbrüdern derzeit kein Staat zu machen ist.

Aber wenn es die Unterstützung aufgäbe, wenn es Al-Jazeera schließen würde, die Militärbeziehungen zur Türkei - dem zweiten wichtigen Geldgeber der Muslimbrüder – kappen würde, "dann ist das einerseits eine Machtfrage, um die katarische eigenständige Außenpolitik zu schwächen", sagt Sunik.

"Vor allem aber ist es eine Frage des Ansehens. Das Image Katars wäre schwer beschädigt, wenn es jetzt unter Druck einen Kurs ändern würde. Es käme einer Kapitulation und einem Souveränitätsverlust gleich."

Katar hat zwar in jüngster Vergangenheit – schon in anderen Krisen Jahre zuvor – führende Muslimbrüder des Landes verwiesen. Doch das reicht den Gegnern diesmal nicht.

"Eine gesichtswahrende Lösung", sagt Heibach, "ist nicht möglich."

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(ks)