Warum es in wohlhabenden Regionen in Süddeutschland die meisten Impfgegner gibt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KINDER IMPFEN
iStock
Drucken
  • Wissenschaftler haben die Einstellung der Deutschen zum Thema Impfen untersucht
  • Laut der Analyse leben in wohlhabenden Regionen Süddeutschlands besonders viele Impfverweigerer
  • Die Experten glauben auch zu wissen, woran das liegt

Wer Süddeutschland hört, denkt an Berge, grüne Wiesen, eine gut laufende Wirtschaft, niedrige Arbeitslosenzahlen.

Bayern und Baden-Württemberg sind zwar die beiden reichsten Bundesländer - doch von dort geht auch eine zutiefst besorgniserregende Entwicklung aus: In dieser Region leben bundesweit die meisten Impfgegner.

In den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz und Rosenheim etwa oder auch in Ravensburg und Freiburg sind im Schnitt deutlich weniger Menschen gegen Masern und die Erreger von Hirnhautentzündungen (Meningokokken-C) geschützt als im Rest von Deutschland.

In wohlhabenden Regionen leben besonders viele Impfgegner

Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle wissenschaftliche Analyse. Das Überraschende daran ist: Die Zahl der Impfverweigerer ist nicht - wie man meinen könnte - in strukturschwachen Landesteilen mit vielen ärmeren Einwohnern besonders hoch.

Es sind vielmehr die Regionen mit durchschnittlich hohem Haushaltseinkommen, in denen viele Eltern ihre Kinder bewusst nicht impfen lassen.

Und das hat dramatische Folgen für ganz Deutschland. Denn: Je weniger Bürger geimpft sind, desto höher ist die Gefahr, dass sich Krankheiten wie Masern wieder ausbreiten.

Durchgeführt hat die Analyse der Versorgungsatlas, eine Einrichtung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Er dient als öffentlich zugängliche Informationsquelle zur medizinischen Versorgung in Deutschland.

Nicht mal die Hälfte der Kinder ist gegen Masern geimpft

“Besonders im Süden Bayerns und Baden-Württembergs gibt es eine größere zusammenhängende Region, in der die Impfquoten beider Impfungen sowohl im jeweils betrachteten Kreis als auch in den jeweils angrenzenden Kreisen signifikant niedriger waren als im übrigen Deutschland”, heißt es in der Studie.

“Ausgenommen von diesen flächendeckenden Nachbarschaftseffekten in dieser Region ist lediglich der Großraum München.”

impfen

Credit: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland

In den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Bad Tölz und Rosenheim erhalten der Analyse zufolge beispielsweise gerade mal 36 bis 42 Prozent der Kinder die erforderlichen zwei Impfungen gegen Masern im empfohlenen Zeitraum. Damit liegt die Region deutlich unter dem deutschlandweiten Durchschnittswert von über 88 Prozent.

Mehr zum Thema: 10 Gründe, warum wir die Impfgegner nicht gewinnen lassen dürfen

Reiner Zufall? Nein, sind sich die Experten sicher. “In den meisten Regionen konnten zwar keine Nachbarschaftseffekte bei den Impfquoten festgestellt werden, jedoch gibt es auch eindeutig identifizierbare überregionale Räume mit homogenem Impfverhalten”, schreiben sie in dem Bericht.

Flächendeckende Impfskepsis mit gefährlichen Auswirkungen

Denn: Die niedrige Impfquote tritt nicht nur fleckenweise auf, sondern zieht sich laut den Wissenschaftlern flächendeckend durch die genannten Regionen.

Dass genau diese besonders wohlhabenden Regionen in Bayern und Baden-Württemberg so viele Impfgegner beheimaten, hat nach Ansicht der Experten mehrere Gründe.

Zum einen sei die Einstellung von Ärzten gegenüber Impfungen in Südbayern wesentlich negativer als im übrigen Deutschland. Dass die Wissenschaftler des Versorgungsatlas damit recht haben, bestätigt eine Untersuchung von Martin Weigel von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald aus dem Jahr 2012.

Mehr zum Thema: Mit diesem Schild bringt ein Berliner Kinderarzt den gefährlichen Irrtum aller Impfgegner auf den Punkt

Weigel ging im Rahmen seiner Dissertation der Frage nach, welche Impfeinstellung Ärzte in den deutschen Bundesländern zu diesem Zeitpunkt hatten und welchen Einfluss das auf die Impfquote in der Bevölkerung hatte.

Im Westen ist die Impfabneigung höher als im Osten

Seine Erkenntnis: Es gibt einen deutlichen Ost-West-Unterschied - “mit einer positiveren Impfeinstellung in den neuen Bundesländern”.

“Während die Impfeinstellung in den neuen Ländern relativ homogen ist, kann man innerhalb der alten Bundesländer weitere Unterschiede bzw. Abstufungen erkennen”, schreibt Weigel. “So zeigt Südbayern eine im (west-) deutschen Vergleich kritischere Impfeinstellung.”

Aus der Impfskepsis der Ärzte leiten die Forscher des Versorgungsatlas eine ebenso kritische Haltung vieler Eltern in den betreffenden Regionen ab.

Gerade in besser gestellten Milieus vermuten sie eine hohe “individuelle Auseinandersetzung mit der Impfung des Kindes”.

Die Impfkommission warnt vor den Folgen der rückläufigen Quote

Will heißen: Viele Eltern hören nicht auf die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert Koch Instituts, die unter anderem dringend zur Masern-Impfung rät.

“Warum dies aber eher zu einer impfkritischen Haltung als zur Befolgung der Impfempfehlungen führt, sollte zur Verbesserung des Impfschutzes in diesen Regionen genauer analysiert werden“, schreiben die Wissenschaftler aber.

Die Stiko warnt schon seit Längerem vor den Folgen der um sich greifenden Impfskepsis.

Erst kürzlich äußerte Jan Leidel, ehemaliger Vorsitzender der Stiko, seine Besorgnis bei diesem Thema. Je weniger Menschen in Deutschland geimpft seien, desto größer sei die Gefahr, dass Krankheiten wiederkommen könnten, die längst ausgerottet seien, sagte er in einem Interview mit der “Heilbronner Stimme”.

Eine Gesellschaft braucht das Prinzip der Herdenimmunität

“Der große Erfolg von Impfungen ist gleichzeitig einer ihrer größten Feinde”, warnte Leidel. “Denn in dem Maße, wie eine Krankheit verschwindet, verliert sie ihren Schrecken. Doch es gibt Krankheiten, die jederzeit wiederkommen können, wenn wir die Impfquote nicht hochhalten.”

Er spricht hier von der sogenannten Herdenimmunität. Sie schützt auch diejenigen, die nicht geimpft sind, wie etwa Neugeborene, die noch keine Impfung bekommen können oder Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können.

“Auch dadurch, dass immer mehr Kleinkinder unter drei Jahren in Kitas sind, ist es wichtig, dass alle drumherum geschützt sind”, sagte Leidel. Bei Masern etwa sei eine Impfquote von 95 Prozent in der Bevölkerung nötig, damit Ungeimpfte geschützt seien.

Eine um fast 50 Prozent höhere Quote also, als sie derzeit in Südbayern herrscht. Die Analyse des Versorgungsatlas sollte allen eine Warnung sein, die immer noch denken, ob sie ihr Kind impften oder nicht, gehe allein sie etwas an.

Krankheiten können sich schnell wieder ausbreiten

"Wenn Sie ihr eigenes Kind impfen, impfen Sie nicht nur Ihr Kind. Der Schutz trägt zur Kontrolle der Krankheit in der gesamten Bevölkerung bei", sagte Elizabeth Edwards, Professorin für Kinderheilkunde und Direktorin des Vanderbilt Vaccine Research Program im US-Bundesstaat Tennessee, vor einiger Zeit dem britischen “Guardian”.

Das bedeutet: Wenn nicht genug Menschen in der Bevölkerung geimpft sind, fehlt diese Herdenimmunität - und gefährliche Infektionskrankheiten wie die Masern können sich ungehindert verbreiten.

Auch Leidel, selbst Facharzt für Mikrobiologie, Infektionsepidemiologie und Öffentliches Gesundheitswesen, warnt davor, Masern als ungefährliche Kinderkrankheit abzutun. “Pro 1000 Patienten stirbt etwa einer”, sagte er der “Heilbronner Stimme”.

Besonders schlimm seien mögliche Spätfolgen wie die sogenannte SSPE, die immer tödlich verlaufe. “Ich habe schon Kinder unter schlimmen Qualen daran sterben sehen. Wenn man das erlebt hat, dann findet man es blöd, wenn Leute sagen, Masern seien eine harmlose Kinderkrankheit.”

Experten fordern entschiedene Maßnahmen zur Erhöhung der Impfquote

Er warnt auch vor der Rückkehr anderer Krankheiten, die als ausgerottet gelten, wenn die Impfungen weiter zurückgehen. "Ein Wiederauftreten ist möglich. Wir hatten in Köln 1976 einen Ausbruch von Diphterie mit 80 Erkrankten und zehn Toten."
Der einzige Weg, etwas Ähnliches auch mit den Masern zu verhindern, sei, die Impfquote zu erhöhen, mahnen auch die Wissenschaftler des Versorgungsatlas.

“Um die Impfquote gerade in Regionen mit niedrigen Impfquoten zu erhöhen, ist die Entwicklung gezielter lokaler Strategien notwendig, die impfkritische Eltern und Ärzte anspricht”, schreiben sie in ihrem Bericht.

Entsprechende Kampagnen seien beispielsweise mit dem Nationalen Aktionsplan 2015-2020 zur Ausrottung der Masern und Röteln in Deutschland oder auch regional in Bayern bereits ins Leben gerufen worden.

Am Ende kommt es auf jeden Einzelnen an. Eltern müssen begreifen, dass sie mit ihrer Impfverweigerung nicht nur ihr eigenes Kind in Gefahr bringen, sondern eine Entwicklung fördern, die unsere ganze Gesellschaft in ernste Schwierigkeiten bringen kann.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ame)

Korrektur anregen