Diskussion über Vollbeschäftigung: Warum die Arbeitslosenquote mit der Realität wenig zu tun hat

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Arbeitslos heißt nicht arbeitslos | Reuters Photographer / Reuters
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  • Deutschland diskutiert über Arbeitslosigkeit
  • Denn die Union verspricht in ihrem Wahlprogramm Vollbeschäftigung
  • Die Arbeitslosenquote verrät jedoch nicht alles über die Realität

Vollbeschäftigung: Das klingt nach Wirtschaftswunder, nach der großen Euphorie der End-Sechziger-Jahre.

Wenn die Union jetzt damit wirbt, bis 2025 wieder Vollbeschäftigung erreichen zu wollen, mag das zunächst ambitioniert erscheinen.

Doch eher das Gegenteil ist der Fall. Denn die Arbeitslosenzahlen entwickeln sich seit Jahren positiv, sodass eine Arbeitslosenquote von unter drei Prozent (ebendas gilt als Vollbeschäftigung) auch ohne großes Zutun von CDU und CSU schon bald erreicht sein könnte. Auch deshalb kritisiert etwa der "Spiegel“ den Programmpunkt der Konservativen als "dreist“.

Eine ganz andere Beobachtung kommt in der Diskussion derweil zu kurz: Die Zahlen, die in Deutschland zum Bemessen der Arbeitslosigkeit verwendet werden, haben mit der Realität oft wenig zu tun.

Wer über die Beschäftigung in Deutschland diskutieren will, sollte zwei andere Zahlen kennen.

1. Die nachhaltige Integrationsquote

Die Arbeitslosenquote, mit der auch die Union rechnet, ist eine rein quantitative Zahl. Sie ist eine Momentaufnahme, die wenig über nachhaltige Entwicklungen aussagt.

Wie nachhaltig die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen von Jobcentern sind, lässt sich so nämlich aus der Arbeitslosenquote nicht herauslesen.

So kann es sein, dass zu einem Zeitpunkt deutlich weniger Menschen arbeitslos sind als zu einem früheren Zeitpunkt – diese nun nicht mehr Arbeitslosen aber nur in saisonalen Jobs oder als Leiharbeiter eingesetzt werden. Das Recherche-Netzwerk "Correctiv“ hat daher eine Übersicht über eine andere Quote erstellt, die aufschlussreich ist, um langfristigen Erfolg zu messen.

In Behörden ist sie als "K2E3“ bekannt. Sie soll zeigen, wie gut die Resozialisierung Arbeitsloser in den Arbeitsmarkt tatsächlich funktioniert. Das Prinzip: Die Erhebung schaut darauf, wie viele Menschen ein Jahr nach der Jobvermittlung noch einer sozialpflichtigen Arbeit nachgehen.

Im November 2016 lag die Quote für Hartz-IV-Empfänger bei 67,1 Prozent. Daran zeigt sich: Rund zwei Drittel der Hartz-IV-Empfänger, die einen Job annehmen, arbeiten auch ein Jahr nach Antritt noch.

Das heißt: Ein Drittel der Arbeitslosen, die eine Arbeitsstelle finden, sind nicht einmal zwölf Monate beschäftigt.

Dennoch ist die Tendenz in Deutschland positiv. Zwar wurden im September 2014 fast genauso viele Arbeitslose angestellt wie rund zwei Jahre später im November 2016. Aber die Zahl der nachhaltigen Integrationen stieg in dem Betrachtungszeitraum von 554.000 auf 638.000.

Trotz der guten Entwicklung lohnt es sich, in Zukunft genau hinzusehen, wie die Quote sich verändert. Denn sie zeigt, wie effektiv die Beschaffungsmaßnahmen wirklich sind, die Politik und Behörden zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ergreifen.

2. Die ungeschönte Arbeitslosenquote

Zudem gilt: Die Arbeitslosenzahlen, die das Bundesministerium für Arbeit und Soziales präsentiert, sind an mehreren Stellen geschönt.

Dafür sorgt zum einen der § 53a des Sozialgesetzbuches. In diesem heißt es sinngemäß: Bürger, die älter sind als 58 Jahre und seit mindestens 12 Monaten Hartz IV beziehen, gelten nicht mehr als arbeitslos. Im Juni fielen dadurch laut "Correctiv“ etwa 44.000 Menschen aus dem Raster.

Auch, wer Bewerbungstrainings, Sprach- und Integrationskurse oder Weiterbildungen absolviert, wird nicht als arbeitslos gezählt.

Statt den 2.473.000 Millionen Arbeitslosen im Juni, ergibt sich unter Hinzurechnen dieser Gruppen eine Arbeitslosenzahl von 3.496.000 Personen.

Auch diese Nummer ist den Mitteilungen des Ministeriums zu entnehmen. Sie ist nur nicht in der Kategorie "Arbeitslosigkeit“, sondern unter dem Titel "Unterbeschäftigung” ausgewiesen.

Zwar sinkt die Arbeitslosigkeit auch wenn man auf die ungeschönten Zahlen schaut. Doch dass immer mehr Menschen aus der Statistik herausgerechnet werden, erzeugt doch ein Zerrbild der Realität.

Zumal ohnehin nur Menschen, die sich arbeitslos melden, in den offiziellen Berichten auftauchen. Mit der so genannten "stillen Reserve“ hat Deutschland insgesamt wohl eher 4 Millionen als 2,5 Millionen Arbeitslose.

Der Weg zu einer echten Vollbeschäftigung könnte für die Union daher wohl doch länger werden. Dafür muss man nicht einmal die Diskussion um Minijobs beginnen, in der sich CDU-Generalsekretär Peter Tauber am Montagabend verrannte.

Denn wer geringfügig beschäftigt ist, gilt nicht als arbeitslos. Zum Leben reichen die Verdienste aus einem Minijob aber wohl für die wenigsten.

Für den Hinterkopf: Über sieben Millionen Menschen in Deutschland arbeiten in 450-Euro-Jobs.

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(ks)

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