Hinter Taubers Pöbelei steckt eine Wahrheit, die selbst die SPD nicht leugnen kann

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PETER TAUBER
Auch ein Tauber weiß: Der Ton macht die Musik | Kai Pfaffenbach / Reuters
Drucken
  • CDU-Generalsekretär Tauber hat mit einem Tweet über Minijobber für Empörung gesorgt
  • Grund dafür ist vor allem sein respektloser Ton
  • Denn: Dass eine bessere Ausbildung der Schlüssel zur Lösung ist, da ist sich auch die SPD einig

Elf Stunden und 41 Minuten dauerte es, dann wurde der Druck zu groß. CDU-Generalsekretär Peter Tauber entschuldigte sich bei Twitter. Er bedaure seine Aussage, wer etwas "Ordentliches“ gelernt habe, brauche auch keine drei Minijobs.

Doch den Schaden hatte er bereits angerichtet. SPD-Politiker Gerold Reichenbach interpretierte Taubers Aussage genauso, wie es wohl viele taten. "IHR da unten seid uns egal, WIR machen Politik für die ganz oben!", legte Reichenbach dem CDU-Mann in den Mund.

Die "Frankfurter Rundschau“ kommentierte später: "Der neoliberale Mythos von Leistung und Lohn, der aus Taubers Worten dringt, ist die eigentlich erschreckende Botschaft.“

Was in all dem Wirbel um Taubers Entgleisung jedoch unterging, ist, dass hinter seinem Tweet eine gar nicht so brisante Beobachtung steckt.

Eine Beobachtung, die sogar SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz in seiner Retourkutsche auf Tauber unbeabsichtigt untermauerte.

Schulz untermauert, was Tauber zu sagen versucht

Denkt man sich den respektlosen Tonfall des CDU-Generalsekretärs einmal beiseite, sagte Tauber nichts anderes als das: Nur wer eine gute Ausbildung genossen hat, kann relativ sicher sein, nicht in prekäre Beschäftigungsverhältnisse abzurutschen.

Schulz’ Lebensgeschichte, die der SPD-Chef als Antwort auf Tauber einmal mehr zum Besten gab, unterstreicht genau das.

Der Kanzlerkandidat schrieb: "Als ich damals ohne Abschluss von der Schule ging, haben mir nicht die Leute mit den klugen Sprüchen geholfen. Sondern diejenigen, die an mich geglaubt und mich unterstützt haben. Diejenigen, die mir mit Respekt begegnet sind - auch wenn ich es ihnen damals nicht immer leicht gemacht habe. Dank ihrer Unterstützung machte ich eine Ausbildung, bekam mein Leben wieder in den Griff. Das ist einer der Gründe, warum ich in diesem Wahlkampf so für Qualifizierung kämpfe, warum ich die Arbeitsagentur zur Agentur für Arbeit und Qualifizierung umbauen will. Jeder Mensch verdient eine Chance - sei es auch mal die zweite oder dritte.“

Schulz wirbt unter Berufung auf sein eigenes Leben für Qualifizierungsmaßnahmen. Auch er musste eine Ausbildung machen, um "sein Leben in den Griff“ zu bekommen. Ein Arbeitslosengeld Q soll es nach Wunsch der SPD für Menschen während der Weiterbildung geben.

Ein polemisches "selbst schuld" an Betroffene

Auch die Union hat sich Qualifizierung in ihr gestern veröffentlichtes Wahlprogramm geschrieben. Man wolle "junge Menschen zwischen 25 und 35 ohne Abschluss nachqualifizieren, um ihnen das dauerhafte Erarbeiten des eigenen Lebensunterhalts zu
ermöglichen", heißt es da etwa.

So wollen beide Parteien letztlich irgendwie dasselbe – nur formuliert es die SPD derzeit mit Empathie und die Union erschreckend herablassend.

Was Tauber so polemisch versemmelte, lässt sich derweil mit Zahlen belegen: Menschen ohne Berufsabschluss sind fünfmal häufiger arbeitslos als ausgebildete Fachkräfte. Bei Absolventen einer beruflichen Ausbildung lag die Arbeitslosenquote 2015 bei 4,6 Prozent, bei Akademikern nur bei 2,4 Prozent.

Der Grund für die Empörung liegt so vor allem in Taubers Ton. "Die arrogante Antwort des Christdemokraten hatte das Potential, ein echter Rohrkrepierer zu werden“, analysierte die "Taz“.

Denn die patzige Pöbelei implizierte ein "selbst schuld“ in Richtung aller 450-Euro-Jobber.

Also doch Zurückrudern. Tauber beteuerte am Dienstagmorgen, wer drei Minijobs brauche, habe es nicht leicht. Er (also Tauber) habe niemandem zu nahe treten wollen.

Das hatte er da aber bereits getan.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ks)


Korrektur anregen