Die Geschichten von 11 Frauen zeigen, was sich bei Geburten in Krankenhäusern ändern muss

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  • Die Fotoserie "Exposing The Silence“ zeigt, dass noch heute viele Frauen bei der Geburt unter vorsintflutlichen Methoden leiden müssen
  • Fotografin Askins berichtet von Frauen, die unter anderem gegen ihren Willen Medikamente bekamen
  • 11 Frauen beschreiben in ihrer Fotoserie, was ihnen bei der Geburt im Krankenhaus passiert ist - und was sich ändern muss

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Refinery29.

In einer Zeit, in der Frauen danach streben, als "perfekte“ Mutter gesehen zu werden, kann es schwer sein, sich offen und ehrlich über die eigene, negative Geburtserfahrung zu äußern. So bleibt oft verborgen, dass circa ein Viertel der Frauen nach einer komplizierten Geburt unter posttraumatischem Stress leidet.

Die Fotoserie "Exposing The Silence“ zeigt jedoch, dass auch heute noch viele Frauen bei der Geburt unter vorsintflutlichen Methoden leiden müssen. Zusammen mit Cristen Pascucci, der Leiterin des Interessenverbands "Improving Birth“, rief Lindsay Askins, Hebamme und Fotografin, das Fotoprojekt ins Leben. Mit der Fotoserie wollen Askins und Pascucci diesen Frauen eine Stimme geben und auf die teilweise verheerenden Zustände aufmerksam machen.

Frauen wurden im Krankenhaus unter Druck gesetzt

"Die Ärztin setzte mich mit den Worten unter Druck, dass mir wohl egal wäre, ob mein Kind sterben würde und sie würde mich schon dazu bringen, in den Kaiserschnitt einzuwilligen, notfalls durch eine gerichtliche Anordnung“, sagte eine der Frauen.

"Es gab keine Indikation für einen verfrühten Kaiserschnitt, die Ärztin wollte einfach nicht länger warten, bis ich das Kind auf natürlichem Wege zur Welt bringen würde. Im OP wurde mir Rechthaberei vorgeworfen.“

Die Fotoserie beweist, dass eine Geschichte wie diese leider keine Seltenheit ist. Pascucci beschreibt es wie folgt: "Ich habe Erlebnisse von Frauen erzählt bekommen, die ich erst nicht glauben wollte, so schockierend waren sie.“

Auch Lindsay Askins war erschüttert über die Erzählungen von Frauen, die gegen ihren Willen Medikamente oder einen Dammschnitt bekamen, durch gerichtliche Beschlüsse zu Kaiserschnitten gezwungen wurden, oder - vielleicht die grausamste Vorstellung - während eines Kaiserschnitts durch mangelnde Betäubung jeden Schnitt spüren konnten:

"Ich dachte, dass würde äußerst selten passieren … oh, sorry, da haben wir wohl irgendwas falsch berechnet, aber weit gefehlt, ich konnte kaum glauben, wie oft ich von solchen Vorfällen hören musste. Am schlimmsten war, dass den Frauen noch nicht mal richtig zugehört wurde.“

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Die Patienten werden als "Fall“ wahrgenommen

Die beiden Initiatorinnen des Fotoprojekts hatten beide das Glück einer sehr positiven Geburtserfahrung, mussten aber feststellen, dass es eine große Anzahl an Frauen gibt, denen es ganz anders ergangen ist und die darüber in der Mehrzahl schweigen.

Über die Initiative "Improving Birth“ nahmen sie Kontakt mit diesen Frauen auf, um sie dazu einzuladen, ihre Geschichte zu teilen.
Dabei zeigte sich: Die Patienten werden nicht mehr als Mensch, sonder nur noch als "Fall“ wahrgenommen. Ein Problem, das häufig zu finden ist bei dieser Art von Erlebnissen. Egal, ob die Frauen belogen, emotional erpresst oder sogar körperlichen Schaden zugefügt bekommen. Vielleicht auch eine Folge dessen, dass sich der Glaube, dass Frauen in den Wehen nicht zurechnungsfähig sind, hartnäckig in den Köpfen hält.

"Die Frauen werden als hysterisch abgetan. Das ist das Heimtückische daran. Dabei wollen sie einfach nur ihre Fragen beantwortet, bzw. ihr Nein akzeptiert wissen“, sagte Pascucci.

Es ist normal, von der Geburt psychisch überwältigt zu sein

Die Geburt ist ein lebensveränderndes Erlebnis und eine Frau in den Wehen ist in der Tat sehr verwundbar. Eine für den Körper extrem herausfordernde und teilweise traumatische Erfahrung, bei der jede zusätzliche Art des Schmerzes unbedingt vermieden werden muss.

Es ist absolut verständlich und normal, von den Geschehnissen während einer Geburt emotional und physisch überwältigt und überfordert zu werden. "Der richtige Umgang damit kann aber nicht sein, die Reaktionen der Frauen als irrational zu verurteilen - viel eher sollte man mit Verständnis und unterstützend damit umgehen“, sagte Pascucci.

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11 Frauen teilen ihre traumatischen Erlebnisse während der Geburt

1. Megan

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Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Der Kaiserschnitt, die Verletzungen, der Aufenthalt auf der Neugeborenenintensivstation, all das hätte vermieden werden können, wenn ich nur gewusst hätte, wie ich mich dagegen hätte wehren können. Ich wusste nicht, dass ich auch andere Möglichkeiten gehabt hätte, war zu eingeschüchtert von den ganzen Vorgaben und dachte, ich muss mich dem unterordnen.

Ich fing an, mich seltsam, fast wie eine Außenstehende, zu fühlen - als ob ich nicht die Mutter des Kindes wäre, das da gerade geboren wurde. Zu Beginn der Geburt war ich bester Hoffnung und voller Vorfreude. Was dann folgte, war eine Serie an Krankenhausaufenthalten, die in mir eine regelrechte Leere auslöste und dafür sorgte, dass mein Kind und auch ich unnötig leiden mussten.“

2. Angela

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Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Das System funktioniert einfach nicht richtig. Ich wurde vom gesamten Krankenhauspersonal respektlos behandelt und meine Belange wurden einfach ignoriert und bagatellisiert. Damit die Mutter sowie das Kind eine möglichst stressfreie Geburt erleben dürfen, sollte immer darauf geachtet werden, dass diese so natürlich wie möglich abläuft.“

3. Erika

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Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Als sie mir die Nadel mit der Betäubung in den Arm stachen, sagte ich: 'Sie tun das ohne meine Einwilligung, das ist Ihnen doch hoffentlich klar, ich bin damit nicht einverstanden.' Auch als meine Wehen bereits in kürzeren Abständen kamen und ich auf dem besten Weg zu einer natürlichen Geburt war, sagten sie mir nur: 'Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit, also machen wir das jetzt.'

In weniger als einer Stunde wurde dann mein Sohn geboren und mir sofort weggenommen, bevor ich ihn auch nur länger als eine Minute im Arm halten durfte. Erst drei Stunden später bekam ich ihn wieder zu Gesicht, obwohl es überhaupt keine Komplikationen gab. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, das hätte so nie passieren dürfen.“

4. Zuzana

exposing the silence

Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Ich dachte, die werden schon wissen, was gut für mich ist. Aber sie wussten es nicht. Nicht nur die Babies sind wichtig, auch um die Mutter muss sich gekümmert werden. Es geht nicht nur darum, die Geburt zu überleben und dass das Kind gesund und munter ist, sondern auch darum, wie das Kind in diese Welt kommt.

Das ist ein enorm wichtiger Moment, der über das gesamte weitere Leben des Neugeborenen und die Art der Bindung zur Mutter entscheidet. Dessen wurde ich beraubt. Die Geburtshelfer*innen haben sozusagen mein Kind für mich auf die Welt gebracht, während ich so sediert war, dass ich eigentlich überhaupt nicht anwesend war.

Ich konnte die ersten Stunden meiner Tochter nicht miterleben, weil ich noch nicht mal meine Augen offen halten konnte. Noch Monate später verfolgte mich dieses Gefühl, dass ich einfach nicht richtig dabei gewesen war. Auch heute noch schmerzt es mich in manchen Momenten und meine körperlich sichtbaren Narben des Kaiserschnittes erinnern mich daran, dass ich Opfer der Bequemlichkeiten des Krankenhauspersonals wurde. Unnötige Eingriffe wie diese sind wie Dominosteine – irgendwann fällt alles zusammen.“

5. Elizabeth

exposing the silence

Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Die meisten Krankenhäuser, in denen ich gearbeitet habe, sind nach wie vor sehr männlich dominiert. Oft wird den Frauen und deren Körpern wenig Respekt und Verständnis entgegen gebracht. Es wird sich selten an die Vorgaben gehalten. Ich habe Ärzte erlebt, die den Kristeller-Handgriff als Faustschlag in den Bauch der Frau interpretierten.

Es war schrecklich, die Frauen wurden menschenunwürdig behandelt. Schleichend hat das dann auch Einfluss auf das Verhalten der Hebammen, die ihren Arbeitsplatz nicht verlieren wollen. Deshalb bin ich froh, nun in Berkeley arbeiten zu dürfen, hier ist das ganz anders.“

6. Emily

exposing the silence

Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Auch wenn die Geburt schwierig ist, beschreiben die Frauen, denen respektvolles Verhalten gezeigt wird, diese hinterher trotzdem meist als glückbringendes Erlebnis. Als Hebamme ist es mir besonders wichtig, dass man sich stets bewusst macht, dass die Geburt nicht in einem Vakuum stattfindet.

Alles was wir tun, wie wir das Kind und die Mutter behandeln und welchen Boden wir dem ersten Kennenlernen bereiten, hat weitreichende Auswirkungen auf die Beziehung der beiden. Wir müssen die Geburt ganzheitlicher betrachten und uns darüber im Klaren sein, dass wir auch dafür verantwortlich sind, wie eine Familie zusammenfindet. Traumatische Erlebnisse können über das ganze Leben entscheiden. Es liegt enorme Verantwortung in unseren Händen.“

7. Jessica

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Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Ich erinnere mich daran, dass ich einfach überhaupt nichts fühlte. Ich war wie gelähmt. Da war keine Verbindung zu meinem Baby, kein Gefühl für mein Kind. Als ob meine eigene Tochter nicht zu mir gehöre. Ich wusste zwar, dass sie mein Kind war, aber ich konnte einfach nichts für sie empfinden. Sie war aus mir herausgekommen, aber das hatte ich durch die Betäubung nicht gespürt.

Dieser Moment fehlte mir. Es war etwas, dass ich zuvor noch nie empfunden hatte. Jedes Mal, wenn meine Tochter weinte, zerriss es mich förmlich. Alles fühlte sich falsch an. Ich fühlte mich wie die schlechteste Mutter der Welt und war die ersten eineinhalb Jahre überzeugt davon, dass sie ohne mich besser dran wäre. Langsam wird es besser und ich merke sichtlich, wie ich darüber hinweg komme. Heute würde ich sie für nichts in der Welt aufgeben.“

8. Sharon

exposing the silence

Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Jeden Tag wartete ich darauf, das Krankenhaus mit meinem Kind zu verlassen. Und dann musste ich allein nach Hause.“

9. Nicole

exposing the silence

Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Ich wollte unbedingt eine natürliche Geburt, mein Kind sollte das Licht der Welt auf möglichst sanfte Weise erblicken. Ich hätte nicht gedacht, welche Kämpfe ich austragen musste, um uns dieses Erlebnis zu ermöglichen. Die Geburt hat uns beide unglaubliche Kraft gekostet.“

10. Brittany

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Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Es schmerzt mich immer noch, dass so ein entscheidendes Erlebnis wie die Geburt nur eine verschwommene Erinnerung für mich ist. Ich versuche alles, um darüber hinweg zu kommen und im Hier und Jetzt zu leben, schließlich kann ich es leider nicht mehr ändern.“

11. Jen

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Credit: Lindsay Askins / Exposing the Silence

"Nachdem ich mich während meiner gesamten Schwangerschaft intensiv auf eine natürliche Geburt vorbereitet hatte, konfrontierte mich meine Gynäkologin bei einem Termin in der 37. Woche mit dem Satz: 'Haben wir eigentlich schon mal über einen Kaiserschnitt gesprochen.'

Sie tat dies, nachdem sie recht halbherzig versucht hatte, meinen Gebärmutterhals zu ertasten und ihn nicht gleich finden konnte.“

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(lm, ame)

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