Katar-Krise: Was wäre, wenn Al-Jazeera wirklich dichtmacht?

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AL JAZEERA
Was wäre, wenn Al-Jazeera wirklich dichtmacht? | Reuters
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  • Saudi-Arabien fordert die Schließung des panarabischen Senders Al-Jazeera mit Sitz in Katar
  • Experten warnen vor einem "schweren Schlag" für die Pressefreiheit
  • Damit würde die saudische Konkurrenz Al-Arabiya der "dominierende Newssender"

Nur noch wenige Stunden. Dann endet das Ultimatum an Katar. Das Ultimatum, einen der größten TV-Sender der Welt dichtzumachen: Al-Jazeera.

Einen Sender mit nach eigenen Angaben 310 Millionen Haushalten als Zuschauer, 3000 Journalisten, 70 Büros, diversen Kanälen für News, Doku und Sport, mit Websites in Arabisch, Englisch, Türkisch, Bosnisch. Kurz: Den laut Reporter ohne Grenzen "größten und einflussreichsten arabischen Nachrichtensender".

Die Schließung ist eine der 13 Forderungen Saudi-Arabiens, Bahrains, der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägyptens an den Emir von Katar.

"Man stelle sich vor, Saudi-Arabien würde die Schließung der Deutschen Welle fordern"

"Fürchterlich" findet Philip Seib das Ultimatum. Seib ist Journalismusprofessor an der University of Southern California und Autor der bekanntesten Bücher über den Sender.

Man solle sich einmal vorstellen, sagt er im Gespräch mit der HuffPost, Saudi-Arabien würde sich hinstellen und von Deutschland fordern, den Auslandssender Deutsche Welle zu schließen, weil den Saudis das Programm missfalle.

Christian Mihr, Deutschland-Chef von Reporter ohne Grenzen, sagt der HuffPost: "Es wäre ein verheerendes internationales Signal, wenn repressive Staaten eine andere Regierung zu einem so schwerwiegenden Eingriff in die Arbeit der Medien zwingen könnten.“

Wenn es Al-Jazeera nicht mehr gäbe, warnt Seib, würde dem Westen eine wichtige Informationsquelle über die arabische Welt verloren gehen. Und der arabischen Welt der wichtigste Gegenpol zum anderen großen Sender: Al-Arabiya.

Al-Jazeera: Vom Pionier der Freiheit ...

Seib sagt das, obwohl Al-Jazeera inzwischen umstritten ist.

1996 war der arabischsprachige Sender live gegangen, noch zehn Jahre vor dem englischsprachigen. Er war Pionier, Revolutionär in einer Welt, in der es keine nennenswerte freie Berichterstattung gab.

Als erster arabischer Sender kritisierte er Scheichs, Emire, Könige und Diktatoren in der Region. Er strahlte Talkshows aus, in denen Moderatoren Politikern unbequeme Fragen stellten. In der Zuschauer islamischen Predigern live Fragen stellen konnten.

Er war der erste arabische Sender, der aus dem israelischen Parlament berichtete.

Al-Jazeera-Reporter zeigten die schmutzige Seite der Kriege in der Region, das Leid der Menschen, sie waren viel näher dran an den Menschen als die westlichen Sender.

Und im Arabischen Frühling berichtete er über die Menschen, die den Aufstand gegen ihre Unterdrücker versuchten.

... zum Sprachrohr der Islamisten

Im Lauf der Revolutionen allerdings hat sich der arabischsprachige Sender eindeutig auf die Seite der Muslimbrüder geschlagen - jene panarabische Gruppierung, die nach dem Aufstand in Ägypten kurz die Regierung stellte, bevor Abdel Fatah el-Sisi sich an die Macht putschte. Die Muslimbrüder gelten ihm und Saudi-Arabien als Terroristen.

Die Parteinahme Al-Jazeeras fiel vor allem im arabischen Programm auf. "Das englische ist näher an BBC und CNN", sagt Experte Seib.

Der Kurs habe Al-Jazeera Zuschauer gekostet, sagt Nahost-Medienexpertin Elizabeth Monier der HuffPost. Außerdem musste der Sender Büros etwa in Ägypten schließen. Seither habe der Einfluss des Senders abgenommen.

Immer auf der Linie Katars

Bei aller Kritik an anderen Regierungen – das katarische Königshaus war und ist für die Journalisten von Al-Jazeera tabu. Reporter ohne Grenzen listet Katar im Ranking zur Pressefreiheit auf Platz 123 von 180.

Das betrifft auch die katarische Außenpolitik. Ein aktuelles Beispiel, das einem Autor der "Neuen Zürcher Zeitung" auffiel: Al-Jazeera berichtet kaum kritisch über den aktuellen Krieg im Jemen. Bis Katar seine Truppen vor wenigen Wochen abzog. Jetzt wird die Konzeptlosigkeit Saudi-Arabiens im Jemen angeprangert.

Viele Al-Jazeera-Journalisten haben wegen des Kurses nach dem Arabischen Frühling gekündigt, darunter Ali Hashem. Der "Tagesschau" sagte er: "Ich hatte das Gefühl, dass ich dazu gedrängt wurde, eine bestimmte staatliche Agenda zu bedienen, die Katars."

Es gibt keine originär arabischen Sender ohne politische Agenda

Wäre also viel verloren, wenn dieser Sender offline ginge? Ja, sagen Experten.

Carola Richter , Professorin und Spezialistin für arabische Medien an der Freien Universität Berlin, sagt der HuffPost, dass zwar viele arabische Länder inzwischen auch professionell aussehende Sender auf die Beine gestellt hätten, aber alle seien sehr eng mit Regierung, Parteien und Oligarchen verbunden.

Seib erinnert daran, dass eine politische Agenda keine Spezialität des Nahen Ostens ist – auch Fox News und MSNBC in den USA seien politische Akteure. "Im nahen Osten ist die Sache vielleicht etwas ausgeprägter."

Al-Arabiya, der Sender der Saudis

Wenn Al-Jazeera also schließe, sagt Seib, dann werde ein anderer News-Sender "absolut dominant": Al-Arabiya, der Sender der Saudis. "Statt widerstreitender Stimmen hätte man eine dominante", sagt Seib. "Das ist nicht gut, weder in der arabischen Welt noch sonstwo."

Al-Arabiya spiegele die Befindlichkeiten seiner Geldgeber genauso wie Al-Jazeera. Und um die Pressefreiheit in Saudi-Arabien ist noch schlechter bestellt als in Katar: Saudi-Arabien landet in der Pressefreiheits-Rangliste auf Platz 168.

Sky News Arabia - kontrolliert von den VAE

Dann wäre da noch Sky News Arabia. Der Sender gehört zur Hälfte der Königsfamilie aus Abu Dhabi.

Und mit der Pressefreiheit ist es auch in den VAE nicht weit her. Im Ranking steht das Land auf Platz 118.

Im Zuge der Katar-Krise kündigte die Regierung an, "strikt und hart" gegen jeden vorzugehen, der "Sympathie oder irgendeine Form von Parteiergreifung" für Katar zeige. Das gelte für "Social Media oder jede andere geschriebene, visuelle oder verbale Form".

Sollte jemand die Interessen der VAE verletzen, ist eine Mindeststrafe von umgerechnet 120.000 Euro fällig, bis hin zu 15 Jahren Gefängnis.

Die Drohung ist ernst zu nehmen. Experten, die dort leben, lassen sich derzeit etwa lieber nicht zu Al-Jazeera zitieren.

Arabische Sender aus dem Westen

Inzwischen gibt es noch andere panarabische Sender aus dem Westen, auf die die Menschen ausweichen können, BBC Arabic, Deutsche Welle Arabic, France 24 Arab.

Doch keiner der Sender kann bei der Reichweite mit Al-Jazeera oder Al-Arabiya mithalten. Am meisten Zuschauer erreicht laut der Expertin Richter die BBC, die anderen kämen "unter ferner liefen."

Mihr von Reporter ohne Grenzen sieht das ähnlich. Die vielen Konkurrenzsender könnten ein Ende von Al-Jazeera nicht ohne Weiteres aufwiegen, sagte er der HuffPost.

Für Katar geht es um mehr als eine TV-Station

Beobachter gehen davon aus, dass Katar um seinen Sender kämpfen wird. Neben dem Reichtum des Landes ist er sein wichtigstes Machtinstrument.

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(ks)