Auf dem Grund von Nord- und Ostsee rosten hunderte Schiffe vor sich hin - jetzt droht eine Umweltkatastrophe

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  • In den Weltmeeren rosten tausende Schiffswracks vor sich hin
  • Tritt der Treibstoff oder das Öl in ihren Tanks aus, droht eine Umweltkatastrophe
  • Umweltschützer, Reedereien und Regierungen streiten über die Beseitigung der Altlasten

Sanfte Dünen, feiner Sand, kristallklares Wasser: Die Strände von Gdynia in Polen locken jedes Jahr tausende Touristen an. Doch die pittoreske Landschaft der "Polnischen Riviera“ ist bedroht - von einem deutschen Kriegsschiff.

Der 170 Meter lange Koloss aus Stahl heißt "Stuttgart“ und ist ein bewaffnetes Lazarettschiff, das am 9. Oktober 1943 vor der Küste von Gdynia versenkt wurde. Die rostigen Dieseltanks des Wracks sind immer noch prall mit Sprit gefüllt.

Wenn sie bersten, würde das austretende Schweröl die gesamte Küste für immer verpesten. Eine Naturkatastrophe steht kurz bevor.

Die "schwarzen Tränen" - ein verklärtes Vermächtnis

Die "Stuttgart“ ist nicht die einzige Bedrohung: Zwischen 1939 und 1945 wurden im Atlantik, in Nord- und Ostsee 2882 Handelsschiffe mit insgesamt 14.408.422 Bruttoregistertonnen (BRT) versenkt.

Teilweise mit hunderttausenden Litern Benzin und Diesel, um die kämpfenden Einheiten auf dem Festland mit Nachschub zu versorgen. Für viele Seeleute wurden die Schiffe zum stählernen Sarg. Nun tritt ihr schwarzes Vermächtnis langsam an die Oberfläche.

Auch im Pazifik vor dem US-Bundesstaat Hawaii ist das so. Für viele Besucher der wohl berühmtesten US-Gedenkstätte sind es die "schwarzen Tränen“ der gefallenen und ertrunkenen Seeleute, die in Form von Öl glucksend an der Wasseroberfläche auftauchen. Es ist eine verklärt romantische Sicht auf die Vergangenheit, die von der eigentlichen Bedrohung ablenkt.

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Das Wrack der USS Arizona ist heute eines der berühmtesten Mahnmale der USA. Credit: IStock

Denn in den Tanks der beim Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 versenkten USS Arizona lagern noch mehr als zwei Millionen Liter Treibstoff. Das Wrack ist für die Amerikaner ein unantastbares Mahnmal - doch es korrodiert jeden Tag weiter. Würden die Tanks bersten, hätte das fatale Auswirkungen auf die Fauna und Flora des gesamten Küstengebiets.

Das Wrack der USS Arizona oder der Stuttgart sind lediglich zwei von beängstigend vielen Wracks aus dem zweiten Weltkrieg.

Als im Jahr 2004 ein Expertenteam anlässlich der "International Oil Spill Conference“ beauftragt wurde, herauszufinden, wie viele Schiffswracks sich in den Meeren befinden und wie viel Öl darin noch gebunkert sein könnte, fiel das Ergebnis erschreckend aus: 8569 potenziell umweltgefährdende Großschiffwracks liegen in den Tiefen der Ozeane.

20 Millionen Tonnen Treiböl, Rohöl und Schiffsdiesel

Eine konservative Schätzung ergab, dass in deren rostigen Tanks und Frachträumen noch über 20 Millionen Tonnen Treibstoff, Rohöl und Schiffsdiesel lagern. Dreiviertel der Wracks stammen aus dem Zweiten Weltkrieg - 6338 Schiffe, verteilt über alle Weltmeere.

Das in ihren Rümpfen gelagerte Öl entspricht fast dem 400-Fachen dessen, was 1989 aus dem Öltanker Exxon Valdez vor der Küste Alaskas auslief. Es war eine der schlimmsten Ölkatastrophen der Welt.

Die Korrosion der alten Wracks ist von vielen Faktoren beeinflusst: Wassertiefe, Temperatur, Salzgehalt, Strömungsverhältnis. Dadurch läuft der disruptive Prozess bei jedem Schiffswrack anders ab - aufzuhalten ist er jedoch nicht.

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"Schwarze Tränen" werden die Ölflecken genannt, die aus den rostigen Tanks tagtäglich austreten. Credit: Istock

Pro Jahrzehnt nehmen die Stahlplatten zwischen 0,5 und zwei Millimeter ab. "Was nach wenig klingt, summiert sich mit der Zeit. Verlieren die Stahlplatten drei bis zehn Millimeter ihrer Dicke, werden sie instabil und können bereits unter leichtem Druck brechen", sagt der australische Wissenschaftler Chris Selman im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung“.

Wenn die Tanks bersten, kommt es zu einer Katastrophe

Ob Polen, Norwegen, Schweden, Großbritannien oder Kanada - in allen Meeren der Welt schlagen die Weltkrieg-Wracks Leck. Ein Blick in die Liste der bereits passierten Zwischenfälle lässt nichts Gutes für die Zukunft erahnen.

So sichtete im Juli 2014 ein Aufklärungsflugzeug der US-Küstenwache einen Ölteppich über dem Wrack des 1942 vor North Carolina versenkten Tankers W. E. Hutton. 

Im August 2015 schlug das Wrack des Zerstörers USS Murphy vor der Küste von New Jersey Leck. Im Oktober 2016 registrierten Satellitenbilder Ölteppiche über dem vor New York versenkten Tanker Coimbra, teilweise bedeckte er eine Fläche von anderthalb Quadratkilometern.

Da die Kosten für die Beseitigung einer Ölpest um das Vielfaches höher wären, als das Abpumpen der alten Treibstofftanks, diskutieren Umweltschützer, Reedereien und Regierungen darüber, was mit dem schweren Erbe passieren soll.

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Auch im ersten Weltkrieg wurden Tausende Schiffe in den Weltmeeren versenkt. Credit: Wikipedia Commons

Passiert ist bisher fast nichts. Das liegt an mehreren Problemen. Zwar ist der Besitzstatus der ehemaligen Kriegsschiffe eindeutig, da sie zu Kriegszeiten unter der Flagge des jeweiligen Landes fuhren, doch nach geltendem Recht können sich diese Länder auf höhere Gewalt berufen, da die Schiffe im Krieg sanken. Die Staaten würden auf den Kosten sitzen blieben.

"Extrem gefährlich für die Umwelt"

Eine Ausnahme stellt jedoch Norwegen dar. Das skandinavische Land will nicht mehr länger warten, bis etwas passiert. Norwegen galt sowohl im ersten als auch im zweiten Weltkrieg als wichtiger strategischer "Brückenkopf“.

An der teilweise hart umkämpften Küstenlinie sanken mehr als 900 Schiffe auf dem Meeresgrund. 29 davon hat die Küstenbehörde "Kystverket“ als "extrem gefährlich“ für die Umwelt eingestuft, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

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Deshalb haben die Norweger begonnen, das Öl aus den Tanks abzupumpen, um einer drohenden Katastrophe vorzubeugen. Der Kostenpunkt für die Bergungsaktion: 100 Millionen Euro.

In Anbetracht dieser horrenden Summen ist wohl in nächster Zeit nicht damit zu rechnen, dass auch die Treibstofftanks der Stuttgart abgepumpt werden. Angesichts der abwartenden Haltung der polnischen, aber auch der deutschen Behörden, versucht man, die ganze Angelegenheit auszusitzen.

"Das sieht doch keiner. Lass es einfach liegen!"

Über die Jahre sind bereits knapp 1000 Tonnen Schweröl aus dem einstigen Lazarettschiff gesickert. Chemische Analysen eines Expertenteams um den Hydrologen Benedikt Hau haben ergeben, dass die Werte für polyzyklische-aromatische Kohlenwasserstoffe extrem erhöht waren.

Teilweise um das 1000-Fache des Wertes, der vom polnischen Umweltministerium als Grenze festgelegt wurde. Als der Wissenschaftler die polnischen Behörden mit dieser Hiobs-Botschaft konfrontierte, bekam er eine ernüchternde Antwort: "Das sieht doch keiner. Lass es einfach liegen!"

In Anbetracht des bedrohlichen Ausmaßes der tickenden Zeitbomben auf dem Meeresgrund bekommt das Wort "Mahnmal“ eine völlig neue Bedeutung. Das Seemannsgrab avanciert zur schmerzlichen Erinnerung einer Absurdität, die keinen Sieger kennt und zu der es nie wieder kommen darf.

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(lm)

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