Warum am Golf ein Kalter Krieg droht - und welche gravierenden Folgen er für Deutschland hätte

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Warum am Golf ein kalter Krieg droht - und welche gravierenden Folgen er für Deutschland hätte | Gettystock/Reuters
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  • Im Konflikt zwischen Katar und der saudischen Allianz ist keine Lösung in Sicht
  • Nahostexperte Stephan Roll fürchtet einen kalten Krieg am Golf
  • Das hätte Folgen für Deutschland - direkte und solche, die man erst auf den zweiten Blick erkennt

Es ist brüllend heiß an diesem Montag auf der arabischen Halbinsel, die Sonne brennt auf Wüste, Palmen, Lehmhäuschen und überklimatisierte Hochhäuser, es hat 46 Grad im Schatten. Und doch ist es der Auftakt zu einer Eiszeit.

Saudi-Arabien und seine Verbündeten Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain und Ägypten haben vor einem Monat über Katar eine Blockade verhängt. Der Grund: alte Fehden und neue Machtpolitik.

Stefan Roll,
Nahost-Experte der renommierte Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), geht davon aus, dass die Situation so angespannt bleibt. Er rechnet mit einem Kalten Krieg am Golf.

Ein Kalter Krieg am Golf beträfe weite Teile der Welt – auch Europa. "Die Katar-Krise kann auch für Deutschland massive Folgen haben – direkt und indirekt", sagt Roll.

Kein Krieg, kein Frieden

Er hält es für "ausgeschlossen", dass die Staatschefs die Krise gütlich beilegen, "dazu wurde die Situation viel zu sehr an die Wand gefahren", sagt er der HuffPost. Ein Kompromiss, so schrieb er in einer Analyse, würde den innenpolitischen Gesichtsverlust beider Seiten bedeuten.

Bis Mittwoch läuft das verlängerte Ultimatum der Saudis an Katar, diverse weitreichende politische Forderungen zu erfüllen. Und Katar hat am Mittwoch einen Antwortbrief bislang unbekannten Inhalts als Antwort übergeben. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass das Emirat klein beigibt.

Glücklicherweise gibt es auch keinen Hinweis auf eine bevorstehende Militärintervention. Auch wenn Roll das nicht kategorisch ausschließen würde: "Es ist viel nicht zu Ende gedacht worden in diesem Konflikt."

Jede kleine Entscheidung hat große Folgen

Dabei würde es sich sehr lohnen, selbst über jeden kleinsten Schritt nachzudenken. Alle beteiligten Länder sind mit vielen Akteuren in der Region oder sogar weltweit verflochten. Entsprechend folgenreich ist jede Entscheidung.

Alle Konsequenzen eines Kalten Kriegs am Golf für die Welt und für Deutschland durchzudeklinieren, würde ein Buch füllen. Daher nur ein paar Schlaglichter:

1. Milliardenschwere Kundschaft

"Was deutsche Firmen sehr treffen könnte: Der emiratische Botschafter in Russland hat angedeutet, dass Geschäftspartner Katars eventuell von Geschäften mit Katars Gegnern ausgeschlossen werden könnten", sagt Roll.

Die VAE etwa sind Deutschlands wichtigster Handelspartner im Nahen Osten. Sie liegen im Ranking sogar weit vor einigen Staaten Europas, wie beispielsweise Norwegen. Die VAE, Saudi-Arabien, Bahrain und Ägypten haben vergangenes Jahr deutsche Waren im Wert von 26,6 Milliarden Euro gekauft.

Katar wirkt mit seinen Einkäufen im Wert von 2 Milliarden Euro klein – aber Katar hält über eine Holding knapp 15 Prozent der VW-Aktien und einen ebenso großen Anteil an Hapag Lloyd. Kataris gehören auch acht Prozent der Deutschen Bank. 64 deutsche Firmen sollen einen Sitz in Doha haben.

Die Krise wird Deutschland also nicht ruinieren – aber sie hätte Folgen, und für einzelne Firmen ganz empfindliche.

2. Machtpoker und Stellvertreterkriege

Wenn zwei Mächte im Kalten Krieg gefangen sind, das zeigt die Geschichte, missbrauchen sie andere Kriege, um dort ihre Aggressionen stellvertretend auszutragen. So war es in Afghanistan, und so kann es auch im Nahen Osten wieder passieren.

Katar und seine Gegner pflegen viele Bande zu Akteuren in der Region. Und könnten laut Roll "versucht sein", dort ihren Gegnern zu schaden. Er verweist auf Syrien, Libyen, den Jemen.

Und auf den Gaza-Streifen. Dort regiert die radikal-islamische Hamas, die von Katar unterstützt wird. Sollte die Hamas nun Macht verlieren, könnte das im besten Fall zu mehr Ruhe und einem Erstarken moderater Kräfte führen. Oder im schlimmsten Fall die Islamisten so unter Druck setzen, dass sie einen neuen Krieg anzetteln.

3. Wenn sich die Mächtigen streiten, freuen sich die Terroristen

Roll geht davon aus, dass ein Kalter Krieg am Golf den Kampf gegen den IS – der derzeit unter anderem von der US-Basis in Katar aus geführt wird – stark beeinträchtigt. "Wenn der Druck auf die Islamisten abnimmt, kann das nicht nur den Konflikt in Syrien wieder anheizen – sondern auch die IS-Milizen in Libyen stärken."

Solche sogenannten failed states (gescheiterte Staaten) sind Rückzugsorte für Terroristen, Erfolg macht die Terrororganisationen außerdem anziehend für Sympathisanten. Das ist für jedes Land sicherheitskritisch, auch für Deutschland.

4. Viele Gründe zur Flucht

Je schlimmer der Krieg in Syrien tobt, desto mehr Menschen werden die Hilfe Europas und Deutschlands brauchen. Über viele Jahre.

Und Libyen wird, wenn dort die Milizen eher stärker statt schwächer werden, auf lange Sicht kein Partner sein, um die Schleuser abzuhalten, überfüllte, klapprige Boote mit Verzweifelten auf den Weg zu schicken.

5. Waffen in dunkle Korridore

"Das Wettrüsten am Golf können wir jetzt schon sehen – und es wird weitergehen", sagt Roll. Damit steigt die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung in der Region.

"Und natürlich können solche Waffen auch weiterverkauft werden – und andere Konflikte befeuern."

6. Chance für die Piraten, Gefahr für die Schifffahrt

Es ist ein Thema, das in Deutschland nur wenige auf der Rechnung haben: Dschibuti und Eritrea, zwei Staaten am Horn von Afrika, liegen im Clinch.

Katar hat in dem Konflikt vermittelt und Soldaten gestellt – sie aber Mitte Juni abgezogen. Für den Truppenabzug gibt es laut Roll mehrere Gründe: Einer sei gewesen, die Kräfte in Katar zu bündeln. Sofort nach dem Truppenabzug stiegen die Spannungen zwischen den afrikanischen Staaten wieder.

Die Instabilität kann Piraterie begünstigen – das wäre auch für Deutschland riskant, durch die Meerenge, an die beide Länder angrenzen, verläuft eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt.

Gabriel in heikler Mission

Roll fordert deswegen, Deutschland müsse Katar und seine Gegner auffordern, das Völkerrecht einzuhalten und den Kampf gegen den Terror aufrecht zu erhalten.

Außenminister Sigmar Gabriel ist derzeit unterwegs. Er will die Kontrahenten wieder zum Reden bringen. Die Eiszeit beenden, in der Region, in der die Sonne gnadenlos brennt.

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(mf)

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