Was Deutschland von der Familienpolitik in Frankreich lernen kann

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FRENCH FAMILY
Was Deutschland von der Familienpolitik in Frankreich lernen kann | spfoto via Getty Images
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  • Deutschland schaut beim Thema Familienpolitik neidisch auf seinen westlichen Nachbarn
  • Frankreich ist bei der Geburtenrate in Europa Spitze, Deutschland hingegen unterdurchschnittlich
  • Grund genug, zu fragen, was in Frankreich eigentlich anders – und vielleicht auch besser - läuft

Es sind zwei verschiedene Welten. Da sind die Deutschen, die wenige Kinder bekommen. Und da sind die Franzosen, das seit Jahrzehnten die Geburtenstatistik in Europa anführen.

Was macht Deutschlands Nachbar so viel besser? Wie kann es sein, dass dort fast zwei Kinder pro Familie geboren werden? Und in Deutschland gerade mal 1,5 - weniger als im europäischen Durchschnitt?

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Die Familienpolitik wird eines der dominierenden Themen des Wahlkampfs: Die AfD will deutsche Kinder fördern, die Union hat die Herdprämie auf den Weg gebracht, die SPD will das Ehegattensplitting abschaffen. Hauptsache, etwas tun, denn nur jeder dritte Deutsche findet sein Land familienfreundlich. In Frankreich sind es unglaubliche 82 Prozent.

Grund genug, zu fragen, was in Frankreich eigentlich anders – und vielleicht auch besser - läuft als in Deutschland.

1. Großfamilien sind nicht verpönt

Großfamilien sind in Deutschland verpönt, in Frankreich werden sie bewundert.

Befragt zu möglichen Problemen eines Ehepaares mit vier Kindern, fürchten fast drei Viertel der Deutschen, dass sie "nur schwer eine passende Wohnung finden“, wie aus einer Studie des Familienministeriums hervorgeht.

Nur knapp die Hälfte der französischen Befragten teilt diese Sorge. Dass ein Ehepaar mit vier Kindern "oft schief angesehen wird", glauben 63 Prozent der Deutschen, aber nur 18 Prozent der französischen Befragten.

Der Bevölkerungsforscher Martin Bujard hat in einer Studie herausgefunden, dass die wenigen Großfamilien die Hauptursache für die demografische Lücke sind. Im Interview mit „Zeit Online“ sagte er dazu:

„Erstens gab es in Deutschland eine ausgeprägte Angst vor Überbevölkerung, zweitens eine Debatte über Disziplin, bei der Triebkontrolle als Tugend gepriesen wurde. Das wurde drittens verstärkt durch die Stigmatisierung von kinderreichen Familien als asozial. Alles zusammen sorgte für die Erwartung, dass ein gebildeter, verantwortungsvoller Mensch die Größe seiner Familie genau plant und nach zwei Kindern bitte Schluss macht mit der Fortpflanzung.“

In Ländern wie Frankreich werden Mütter vieler Kinder hingegen bewundert.

2. Es ist lukrativer, mehr Kinder zu haben

Geldleistungen sind in Frankreich viel stärker an die Zahl der Kinder gekoppelt.

Während es hierzulande schon ab dem ersten Nachwuchs Kindergeld gibt, zahlt der französische Staat erst ab dem zweiten Kind. Jedes weitere Kind erhält einen höheren Satz, das dritte Kind ist besonders lukrativ.

Hinzu kommt, dass es in Frankreich keine Ehegatten-, sondern ein Familiensplitting gibt. Familien können ihr Einkommen auf jedes ihrer Kinder umlegen. Das führt dazu, dass französische Normalverdiener ab dem dritten Kind kaum noch Steuern zahlen. In Deutschland gibt es diesen Vorteil nicht.

Ähnlich funktionieren Mutterschutz und Elternzeit. Beim ersten und zweiten Kind können Mütter 16 Wochen vor der Geburt bei vollem Lohnausgleich zu Hause bleiben. In Deutschland sind es 14 Wochen. Beim dritten Kind sind es in Frankreich dann schon 26 Wochen.

Ähnlich ist das Elterngeld gestaffelt. Ab dem zweiten Kind wird es bis zu drei Jahre gezahlt, in Deutschland sind es maximal 14 Monate.

3. Französinnen haben nicht das Gefühl, sich zwischen Karriere und Kind entscheiden zu müssen

Während in Frankreich laut einer Allensbachumfrage 77 Prozent der Mütter sagen, dass sich Familie und Beruf gut vereinbaren lassen, sind es in Deutschland nur 49 Prozent.

Außerdem haben Mütter seltener einen Job, auch wenn ihre Kinder schon älter sind. Während genauso viele kinderlose Französinnen beschäftigt sind wie jene mit Kindern im Grundschulalter, sind die Unterschiede in Deutschland deutlich größer.

Besonders krass ist der Unterschied bei Alleinerziehenden. Während sie in Deutschland im Niedriglohnsektor oder Teilzeit arbeiten, sind die meisten Alleinerziehenden in Frankreich in Vollzeit und damit weniger armutsgefährdet.

Woran liegt das? Ein Grund könnte die Kita-Infrastruktur sein, die in Frankreich deutlich besser ausgebaut ist. Außerdem gibt es eine Vorschule für Kinder ab zwei Jahren, Schulen werden als Ganztagsschulen organisiert.

Die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter beschreibt das Selbstverständnis der französischen Mutter recht treffend mit:

„Es wird akzeptiert, dass man gerne Kinder bekommt – unter der Voraussetzung, dass der Staat einem durch Krippen, Kindergärten etc. bei ihrer Betreuung und ihrer Erziehung hilft und man seinen legitimen beruflichen oder sonstigen Beschäftigungen nachgehen kann.“

Hier hat Deutschland viel aufzuholen.

4. In Frankreich gibt es das Wort Rabenmütter nicht

Es gilt in Deutschland als modern, seine Kinder in die Kita zu schicken. Die Franzosen hingegen kennen es nicht anders.

Dominik Grillmeyer vom Deutsch-Französischen Institut sagt dazu in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, dass der gesellschaftliche Wandel von einer Art schlechtem Gewissen begleitet werde.

"Da schwebt dann in Deutschland immer dieses Wort 'Rabenmutter' über allem", sagt er. "In Frankreich ist es undenkbar, dass eine Frau dafür kritisiert wird, dass sie ihr Kind tagsüber abgibt."

Befeuert wird diese gesellschaftliche Haltung mit politischen Ideen wie der Herdprämie. Hier muss die Politik mit gutem Beispiel vorangehen – und einem zu konservativen Frauenbild entgegentreten.

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(mf)

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