Die Majestätsbeleidigung: Eine persönliche Begegnung mit Putin zeigt, was in Russland schief läuft

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PUTIN
Boris Reitschuster (rechts) bei einem seiner Treffen mit Wladimir Putin (links) | Reitschuster
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  • HuffPost-Autor Boris Reitschuster hat sich vor 15 Jahren mit Russlands Präsident angelegt
  • Putin log ihm ins Gesicht - wohl wissend, dass Reitschuster ihn durchschaute
  • Heute versteht Reitschuster, wie Putin mit der absurden Taktik seine Stärke demonstriert - und die Schwäche des Westens

Kaum hatte ich Wladimir Putin die Frage gestellt, da wusste ich schon – es wird keine freundliche Antwort. Seine Blicke fühlten sich an wie Blitze.

Dabei war die Frage eigentlich ganz harmlos. Zumindest für deutsche Verhältnisse.

Das Treffen im Kreml mit dem russischen Präsidenten ist schon rund 15 Jahre her. Es war eine von mehreren Begegnungen mit ihm; eine kleine Runde mit einer Handvoll Journalisten, zur Audienz beim Tee.

An Putins Antwort von damals muss ich immer wieder denken. Sie erklärt viele seiner Aussagen von heute.

Mein Treffen mit Putin

"Wladimir Wladimirowitsch“, so sprach ich den Präsidenten nach Landessitte an: "Sie sagen immer, dass Sie die Korruption bekämpfen, Sie reden viel von den Erfolgen, aber ich erlebe das Gegenteil, Verkehrspolizisten fordern von mir immer noch regelmäßig Bestechungsgeld.“

Das angedeutete Lächeln verschwand sofort von Putins Lippen; der ohnehin schon kühle Blick aus seinen Augen wurde eiskalt.
Er begann Paragraphen aufzuzählen, Regeln, Neuerungen, Vorstöße. Es war ein halber Vortrag, mit so vielen Details, und sehr vielen Schachtelsätzen, dass im Endeffekt nur noch die Richtung klar war.

Das ist Putins Methode – er erschlägt Gesprächspartner mit Details.

Er wurde immer schneller und ungehaltener, redete sich – für seine Verhältnisse – regelrecht in Rage.

Aufgrund all des Aufgezählten, so belehrte er mich am Schluss, könne ich mit Sicherheit davon ausgehen, dass das Problem gelöst sei und ich keine Bestechungsgelder im Kreml mehr bezahlen müsse.

Sein Blick war dabei so grimmig, dass ich mir jede Nachfrage verbiss. Ich wollte ja auch wieder raus aus dem Kreml.

Was sollte Putins Reaktion mir sagen?

Wenig später fragte ich einen guten Bekannten, damals einen der bekanntesten Politiker und Abgeordneten im Lande: "Kannst du mir erklären, was das war?“

Er hörte sich schmunzelnd meine Erzählung von dem Wortwechsel an, der eigentlich keiner war.

"Warum“, fragte ich ihn, "sagt mir Putin, er habe das Korruptionsproblem gelöst? Er ist doch nicht dumm, er weiß doch, dass ich das nicht glaube.“

"Verstehst du das wirklich nicht?“, fragte mich der russische Abgeordnete: "Du hast massiv gegen die Spielregeln verstoßen! Ganz massiv!“

"Warum?“

"Dem Präsidenten, also dem Zaren, offen ins Gesicht zu sagen, dass er seine Ankündigungen nicht wahr macht, also lügt – das geht nicht, das ist Majestätsbeleidigung! Sei froh, dass du Ausländer bist, einem Russen wäre das nicht so folgenlos von der Hand gegangen!“

Mein Gegenüber hatte Recht, wie ich heute, rund 15 Jahre später, weiß.

Viele Russen durchschauen das Spiel

Glauben die Russen wirklich an die ganze Propaganda? An die ganzen Lügen? Das werde ich immer wieder gefragt.

Nein, natürlich glauben die Russen nicht daran. Zumindest nicht die Mehrheit.

Sie wissen, dass Putin lügt.

Eine andere einprägsame Begegnung mit Putin sieht ihr hier:

Aber sie halten das für normal. Sie glauben, dass Politiker immer und überall lügen.

In der DDR gab es den Witz: "Der Staat tut so, als ob er uns Lohn zahle, und wir tun so, als ob wir arbeiten würden.“

In Russland könnte man sagen: "Der Kreml tut so, als ob er uns die Wahrheit erzähle, und wir tun so, als ob wir ihm glauben.“

Was hinter Putins Taktik steckt

Ich ließ nicht locker bei meinem Gesprächspartner: "Warum sagt mir Putin etwas, was absurd ist?“

Er schmunzelte wieder: "Dafür, dass du Majestätsbeleidigung begangen hast, dass DU ihn öffentlich der Lüge verdächtigt hast, hat er dich nach seinen Spielregeln zum Narren gemacht. Seine Stärke gezeigt, und deine Schwäche. Vor allen, öffentlich!“

"Wie das?“

"Jeder Russe, der da zuhörte, wusste – er bindet dir einen Bären auf. Und da du seine Lüge schlucken musstest, hat er dich erniedrigt. Öffentlich.“

Putin lügt so oft offen

An diese Logik muss ich inzwischen oft denken bei den Aussagen von Putin und seinen Leuten. Etwa, als er sagte, was seine Truppen in Aleppo angerichtet haben, sei "die größte humanitäre Rettungsaktion der Neuzeit“.

Oder als er sagte, er habe keine Männer auf der Krim. Und genau diese Männer später auszeichnete.

Oder als sein Pressesprecher dieses Jahr plötzlich zugab, den angeblichen Hilfsbrief des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch nach Moskau, mit dem man 2014 seine Intervention mit rechtfertigte, habe es gar nicht gegeben.

Putin demonstriert seine Stärke, indem er andere offensichtlich anlügt

Wenn die schon lügen, warum geben sie das danach so lautstark zu, wundern sich viele im Westen.

Es ist wie damals Putin bei Putin im Kreml. Es geht darum, uns einen Bären aufzubinden – und das auch ganz klar zu zeigen. Wenn wir das dann schlucken, ist der Erfolg aus Kreml-Sicht komplett: Wir sind damit erniedrigt.

Die Russen haben viel an Putin auszusetzen, vieles an seiner Politik gefällt ihnen nicht.

Aber viele empfanden gleichzeitig Russlands lange Schwäche als demütigend. Auch heute ist Moskau weder wirtschaftlich noch militärisch stark. Dass es Putin dennoch schafft, den Westen so vorzuführen – das bringt ihm viele Sympathien ein.

In Putins Augen ist der Westen schwach

Dass so viele im Westen diese Mechanismen nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, ist nicht nur schade – es ist auch gefährlich.

Wir zeigen damit Schwäche.

Zumindest in Putins Augen. Und er und seine KGB-Kameraden im Kreml respektieren nur Stärke.

"Wir haben Schwäche gezeigt“, mahnte Putin 2004: "Die Schwachen werden geschlagen.“
Wir sollten seine Worte ernst nehmen.

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