Die Süddeutsche Zeitung kritisiert überraschend die Ehe für alle - mit einem guten Argument

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Die Süddeutsche Zeitung bei einer Messe | dpa
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  • Die "Süddeutsche Zeitung" kritisiert die Ehe für alle
  • Das Argument: Wieder würden nur Verheiratete privilegiert
  • Die Förderung von Familien und Kindern werde vernachlässigt

Kritik an der Ehe für alle kam in den vergangenen Tagen vor allem von Konservativen. Eine Ehe, dazu gehörten Mann und Frau, hieß es. Alles andere sei gegen die Natur, argumentiert zum Beispiel der CSU-Politiker Hans-Peter Uhl.

So weit, so erwartbar.

Nun aber kommt heftige Kritik an dem neuen Gesetz (das der Bundesrat noch beschließen muss) von ungewöhnlicher Seite: nämlich von der eher linksliberalen “Süddeutschen Zeitung”.

Die Autorin Violetta Simon räumt ein, dass es sich zwar um eine überfällige Regelung in einem wichtigen Kampf, handele. Denn jeder habe das Recht, zu leben und zu heiraten wie er wolle.

Die Ehe diskriminiert jene, die nicht heiraten wollen

Dann kommt Simon aber auf das Problem zu sprechen: Die Ehe für alle zementiere eine grundlegende Ungerechtigkeit. Denn mit der neuen Regelung würden wieder nur Paare privilegiert, die heiraten wollten.

Was ist aber mit den Lebensgemeinschaften, die sich nicht zur Ehe entschließen, fragt Simon?

Aktuell würden nur verheiratete Paare bestimmte Privilegien genießen, schreibt sie.

Nur verheiratete Paare würden zum Beispiel mit finanziellen Vergünstigungen belohnt, hätten Anspruch auf einen Erbanteil und Zugang zur gesetzlichen Renten- oder Unfallversicherung des verstorbenen Partners und dürften in einem Familiengrab beigesetzt werden. Auch das Ehegattensplitting kommt nur Verheirateten zu Gute.

Diese Privilegien würden aber nicht mehr der gesellschaftlichen Realität entsprechen, argumentiert Simon.

Nicht Kinder werden gefördert, sondern die Ehe

Die Zahl der Lebensgemeinschaften steige kontinuierlich, während sich bei Ehepaaren eine rückläufige Entwicklung abzeichne.

Dennoch würden unverheiratete Paare vor dem Gesetz schlechter behandelt - ungeachtet der Tatsache, ob sie Kinder haben oder wie eng ihre Beziehung ist.

Die Freude über die Ehe für alle habe diesen Missstand überdeckt.

Die Ehe für alle zwinge Schwule und Lesben geradezu dazu, zu heiraten. Bisher genossen sie in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft fast alle Privilegien, die heterosexuelle Eheleute genießen. Jetzt müssen Homosexuelle heiraten, wenn sie die Privilegien in Anspruch nehmen wollen.

Man mag das Argument als unwichtig abtun. Aber Simon hat einen Punkt, wenn sie sagt, dass viele Paare nun nicht nur heiraten könnten, sondern beinahe müssten.

Die erkämpfte Freiheit der homosexuellen Paare münde damit in einer staatlichen Bevormundung durch den Staat, schreibt sie.

Familie hat nicht automatisch etwas mit Ehe zu tun

Folgt man Simon, dann leistet die Ehe aktuell nicht mehr, was sie früher einmal leistete: Nämlich den Schutz von Familie und Partnerschaft.

Um das zu schaffen müsste die Regierung auch Menschen mit einschließen, die ohne Trauschein zusammenleben. Und das unabhängig von der sexuellen Orientierung und dem Familienstatus.

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