Merkel hält Trauerrede für Kohl – am Ende hat sie Tränen in den Augen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MERKEL
Merkel hält Trauerrede für Kohl – am Ende hat sie Tränen in den Augen | Screenshot
Drucken
  • Angela Merkel hat Helmut Kohl mit einer rührenden Rede gedacht
  • Sie betonte, wie sehr Kohl auch ihr eigenes Leben geprägt habe

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Helmut Kohls historisches Vermächtnis gewürdigt. Ohne den verstorbenen Kanzler der Deutschen Einheit wäre das Leben von Millionen Menschen völlig anders verlaufen, sagte Merkel am Samstag beim Trauerakt für Kohl im EU-Parlament in Straßburg - auch ihr eigenes.

Die sonst oft so pragmatisch und nüchtern wirkende Kanzlerin zeigte dabei echte Emotionen. Am Ender ihrer Rede hatte Merkel sogar Tränen in den Augen.

Merkels emotionales Schlusswort: Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben. Danke für die Chancen, die Sie vielen anderen eröffnet haben.

Danke für die Chancen, die wir als Deutsche und Europäer durch Sie erhalten haben. Sie haben unendlich viel erreicht. Mögen Sie in Frieden ruhen. Jetzt ist es an uns, Ihr Vermächtnis zu bewahren. Ich verneige mich vor ihnen und ihrem Angedenken - in Dankbarkeit und Demut."

Hier sind weitere Auszüge aus Merkels Rede:

"Wir nehmen heute Abschied von Helmut Kohl. Dem Kanzler der Deutschen Einheit, Karlspreisträger und Ehrenbürger Europas. Er, der einst als junger Mann Geschichte studierte, hat selbst jetzt einen Platz in den Geschichtsbüchern eingenommen.

Helmut Kohl verkörpert eine Epoche, er hat mit seiner Innen- und Außenpolitik Pflöcke eingeschlagen, die bis heute Halt bieten. Seine Bundeskanzlerschaft ist verbunden mit vielen Jahren wirtschaftlicher Prosperität.

So hat Helmut Kohl Umbrüche mitgestaltet und entscheidend das Deutschland und das Europa mitgeschaffen, in dem wir alle heute leben. Vieles, was für uns selbstverständlich ist, geht auf ihn zurück.

So manche Geister schieden sich an ihm. Nicht wenige haben sich an ihm abgearbeitet und gerieben. Viele von uns - auch ich - können davon erzählen. Doch das tritt zurück, hinter dem überragenden Lebenswerk. Und genau deshalb zollen ihm auch politische Kontrahenten Respekt.

Was mir persönlich an Helmut Kohl besonders imponierte, das waren sein so ausgeprägtes und feines Gespür für das politisch Machbare, wie auch ... seine unerschütterlichen Überzeugungen, die ihn in seinen Entscheidungen leiteten.

Ja, Helmut Kohl ging auf Menschen zu, er interessierte sich für sie. Er suchte und pflegte enge Kontakte.

Helmut Kohl verstand es Brücken zu bauen, sie reichten nach Paris und Warschau, nach Washington und Moskau. Unermüdlich arbeitete er an einem guten Miteinander Deutschlands mit seinen Nachbarn und Partnern in der Welt. Er hatte als Kind und Jugendlicher noch selbst den Zweiten Weltkrieg erlebt.

Das unermesslich große Leid, dass Deutschland im Nationalsozialismus über Europa und die Welt gebracht hatte und auch die Ängste in Bombennächten. Es waren gerade diese Erfahrungen, die ihn antrieben, sich schon in jungen Jahren an der neugegründeten christlich demokratischen Union zu engagieren.

Dieses Denken im geschichtlichen Zusammenhängen prägte sein politisches Wirken. Zugleich bewahrte sich Helmut Kohl seine Bodenhaftung. Er blieb seiner Heimat, der Pfalz, sein Leben lang auf engste verbunden.

Als Helmut Kohl Bundeskanzler wurde, waren Deutschland und Europa geteilt. Eine bewaffnete Konfrontation auf europäischem Boden war stets ein präsentes Schreckensszenario. Am Ende seiner Amtszeit war Deutschland vereint und zum ersten Mal in seiner Geschichte mit allen seinen Nachbarstaaten in Frieden, Freiheit und Freundschaft verbunden.

Der Weg zur Erweiterung der Europäischen Union und der Nato nach Mittel- und Osteuropa war bereits weitgehend geebnet. Die Einführung des Euro als gemeinsame Währung war beschlossen.

Er machte sich daran, den Weg zur Einheit zu ebnen und hatte dabei stets die Interessen unserer Nachbarn und Partner im Blick. Seine tiefe, europäische Überzeugung und das Vertrauen, was er weltweit genoss, halfen ihm Sorgen und Bedenken gegenüber einem vereinten Deutschland zu zerstreuen. Das wird für immer die alles überragende, einmalige, historische Leistung Helmut Kohls bleiben.

Europa ist das Werk von Generationen, jede davon steht vor neuen Herausforderungen, jede muss ihre eignen Antworten finden, wie sie Europa zukunftsfest macht.

Sein Weg wird noch einmal durch seine Heimatstadt Ludwigshafen führen. Hier war er zuhause. Lange Jahre zusammen mit seiner ersten Frau Hannelore, die ihm in guten wie in schlechten Zeiten stets zur Seite stand. Wir gedenken auch ihrer in Dankbarkeit.

Und liebe Frau Kohl-Richter, Sie haben Ihren Ehemann Helmut Kohl in all den letzten Jahren voller Hingebung und Liebe begleitet - bis zuletzt. Ihnen gehört mein Mitgefühl. Mein Mitgefühl gehört allen, die in Helmut Kohls Familie um ihn trauern."

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Korrektur anregen