Überfüllte Kreißsäle und schlecht betreute Mütter: Warum trotz Babyboom Geburtsstationen schließen

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In Deutschland werden immer mehr Babys geboren - und trotzdem schließen die Kreißsäle | iStock
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  • Deutschlandweit schließen Krankenhäuser ihre Geburtenstationen
  • Das ist paradox, denn gleichzeitig werden immer mehr Kinder geboren
  • Grund der Schließungen: eine finanzielle Erleichterung für die Kliniken - die Folge: Schwangere in Angst

Die Wehen setzen ein und weit und breit ist kein Krankenhaus in Sicht: Für die meisten schwangeren Frauen gibt es kaum eine schrecklichere Vorstellung.

Und doch wird dieser Zustand zunehmend Realität. Denn ob auf der Nordseeinsel Sylt oder in der bayerischen Stadt Bad Tölz - immer mehr Krankenhäuser in Deutschland schließen ihre Geburtsstationen.

Paradox: Obwohl die Geburten in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren von 50.000 Neugeborenen auf mittlerweile 740.000 Babys im Jahr gestiegen sind, werden immer weniger kleine Kreißsäle betrieben.

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Der Grund sind zu hohe Kosten dieser Geburtsstationen bei zu wenig Einnahmen. Doch was für die Kliniken eine finanzielle Erleichterung bedeutet, heißt für werdende Mütter: volle Kreißsäle, lange Wege und schlechte Betreuung während und nach der Geburt.

Seit 1991 wurden 477 Kreißsäle geschlossen

Tatsächlich wurden seit 1991 bundesweit 477 Kreißsäle in Deutschland geschlossen. Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass es 1991 noch 1186 Kreißsäle gab, Ende 2015 waren es nur noch 709. Das ist ein Rückgang von 40 Prozent. Und das, obwohl seit den 80er Jahren die Geburtenrate in Deutschland nicht mehr so hoch war wie jetzt.

In den deutschen Großstädten lässt sich sogar ein regelrechter Babyboom beobachten. So kamen 2016 in der Hauptstadt 25 Prozent mehr Babys zur Welt als 2006. In Hamburg wurden 2016 25.000 Kinder geboren, im Jahr 2000 waren es noch rund 18.000. Absoluter Spitzenreiter ist die bayerische Landeshauptstadt München: Dort stieg die Geburtenrate in diesem Zeitraum um 40 Prozent.

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Eine Pattsituation: Die Kreißsäle auf dem Land schließen und Frauen aus dem Umland werden gezwungen, in die Kliniken der Großstädte zu kommen. Doch dort herrscht wegen des Babybooms ohnehin schon Platzmangel. Nicht selten geschieht es, dass Frauen wegen überfüllter Kreißsäle nicht aufgenommen werden können.

Die Kreißsäle sind überfüllt

So berichtet es auch Virginia Lang aus München, die mit uns über ihre schwierige Situation gesprochen hat. Die junge Mutter litt unter einer Schwangerschaftsdiabetes. Das Hauptrisiko bei der Krankheit besteht darin, dass das Kind zu schwer wird, um noch auf natürlichem Wege auf die Welt zu kommen.

Lang hatte daher einen Termin zur Einleitung der Geburt vereinbart - doch dann kam der Anruf der Klinik, dass der Kreißsaal überfüllt sei.

“Ich wurde gebeten, dass ich jeden Tag in der Früh anrufen soll, ob ich zum Einleiten der Geburt kommen darf. Doch auch die folgenden zwei Tage war der Kreißsaal zu voll", sagt sie.

"Fünf Tage später bin ich dann einfach in die Klinik gegangen, denn das war der Stichtag für mein Kind und es war klar, dass es jetzt definitiv losgehen muss. Ich war in diesen Tagen sehr angespannt."

Ihre Hauptangst bestand darin, im Krankenhaus nicht aufgenommen zu werden und eine andere Klinik finden zu müssen. Diese Unsicherheit empfand sie als zutiefst beunruhigend, wie sie erzählt. Für viele werdende Mütter ist die Vorstellung, für die Geburt ihres Kindes weite Wege auf sich nehmen zu müssen, äußerst belastend.

Immer weitere Anfahrtswege zu Geburtsstationen

Weite Anfahrtswege sind vor allem bei schnell verlaufenden Geburten ein Problem. Zudem ist es für den Partner schwieriger, Frau und Kind nach der Geburt im Krankenhaus zu besuchen, wenn er lange Anfahrtswege auf sich nehmen muss. Das Problem, mit dem Frauen auf dem Land schon länger zu kämpfen haben, erreicht nun auch die Städte.

Denn sogar dort werden nicht rentable Geburtshilfestationen geschlossen. So etwa auch im Klinikum Neuperlach im Münchner Osten, dessen Geburtsstation einen hervorragenden Ruf über die Grenzen des Stadtteils hinaus genießt.

“Perspektivisch werden wir die Geburtsmedizin an je einem Standort im Norden (Klinikum Schwabing) und im Süden (Klinikum Harlaching) bündeln", heißt es in einem Statement des städtischen Klinikums München an die HuffPost. "Im Rahmen dieser Zusammenfassung werden wir unser Angebot auf 7500 Geburten mit den Teams aus den drei Standorten erweitern."

Der Standort im Münchner Osten wird gänzlich aufgegeben

Damit verspricht das Klinikum zwar einen Ausbau seiner Kapazitäten - doch dass dabei ein Standort gänzlich aufgegeben wird, wird beschönigt. Die werdenden Mütter aus dem Osten der Stadt müssen sich entscheiden, in welche der rund zehn und 14 Kilometer entfernten Kliniken sie dann fahren wollen.

Bei dem starken Verkehrsaufkommen in der Stadt dauert so eine Autofahrt leicht 40 Minuten und länger.

Marie-Christine Buchberger, die im Klinikum Neuperlach ihr zweites Kind zur Welt brachte, bedauert die Schließung dieser Geburtenstation.

“Ich finde das sehr schade, denn Neuperlach bietet im Gegensatz zu den größeren Kliniken eine persönlichere Betreuung", sagt die junge Mutter. "Ich habe mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt - eben so, wie man sich bei und nach einer Geburt betreut fühlen sollte.”

Mangelhafte Betreuung auf großen Stationen

Dies steht im Gegensatz zu dem Klinikum Harlaching, das künftig die Geburten aus dem Einzugsgebiet der Klinik Neuperlach betreuen soll. Die zweifache Mutter hatte dort ihr erstes Kind zur Welt gebracht und schlechte Erfahrungen gesammelt.

”Mit der Entbindung selber war ich in Harlaching zufrieden. Ich fand allerdings die Betreuung nach der Geburt sowohl durch Ärzte als auch durch das Pflegepersonal eher mangelhaft", sagt sie.

"Man hat gemerkt, dass in diesem großen Krankenhaus ganz schnell der Überblick verloren geht, wer jetzt eigentlich wer ist. Die Ärzte kannten meinen Fall teilweise nicht genau und es ist zu falschen Einschätzungen und Diagnosen sowie zu Verwechslungen mit anderen Patienten gekommen.”

Und doch geht der Trend hin zu einer Zentralisierung der Geburtsstationen. Denn: Große Geburtsstationen lassen sich deutlich besser finanzieren.

"Vermutlich geht es darum, die großen Zentren zu stärken und die Geburtshilfe in den kleinen Häusern oder gar im häuslichen Umfeld verschwinden zu lassen", sagte Annette Fußeder, Hebamme und Leiterin der Elternschule Freising in Bayern der "Süddeutschen Zeitung".

Sie vermutet: "Berechenbare, planbare Geburtshilfe ist das Ziel." Denn während eine natürliche, dabei aber zeitaufwendigere Geburt zwischen 1500 und 2000 Euro kostet, kann ein Krankenhaus für einen Kaiserschnitt zwischen 2500 bis 5000 Euro berechnen.

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Die Politik muss nachsteuern

Auch laut Georg Baum von der deutschen Krankenhausgesellschaft werden normal verlaufende Geburten viel zu schlecht bezahlt. Er fürchtet, dass deshalb weitere kleine Geburtsstationen schließen müssen.

Gerade kleine Kliniken gerieten wegen dieses Umstandes in finanzielle Not. “Wir haben ein Vergütungssystem, das auf Durchschnittspreisen basiert und wer unterhalb der Durchschnittspreise Kosten hat, hat Probleme", sagte er in der ZDF-Sendung "Frontal 21".

Viele Kliniken mit weniger Geburten hätten dieses Problem, erklärt er. "Sie können die Geburten nicht kostendeckend abbilden. Das führt dann dazu, dass die Kliniken Geburtsabteilungen aufgeben müssen, weil sie sie nicht mehr tragen können.”

Zwar gibt es sogenannte Sicherstellungszuschläge, mit der wichtige Stationen von Krankenhäusern staatlich unterstützt werden. Doch Geburtenabteilungen werden durch diese nicht unterstützt.

Georg Baum fordert: “Da muss die Politik nachsteuern. Sie muss die Geburtsabteilungen per Gesetz in den Anwendungsbereich dieser Sicherstellungszuschläge nehmen, denn dann hätten wir eine weitere Bremse gegen das weitere Sterben von Geburtsabteilungen.”

Der für dieses Thema zuständige Gemeinsame Bundesausschuss will Baum zufolge allerdings erst in einem Jahr darüber beraten, ob Geburtsabteilungen in den Bereich von Sicherstellungszuschlägen fallen sollen.

Sabrina Landes von den Grünen hat zwar eine Petition eingereicht, mit dem Ziel, dass die Geburtenstation des Klinikums Neuperlach erhalten bleiben soll. Doch ohne einen positiven Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses sieht es für viele kleine Geburtsabteilungen eher düster aus.

Und natürlich auch für die Mütter und ihre Kinder. Denn irgendwo müssen die Babys schließlich weiterhin zur Welt kommen - und möglichst so, dass die Mütter sich dabei wohlfühlen.

(Mit Material der afp)

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