Wut in der Türkei: Gabriel soll Erdogan ein Versprechen gemacht haben – jetzt hat er es angeblich gebrochen

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  • Der Streit um einen Auftritt des türkischen Präsidenten in Deutschland geht weiter
  • Aus Kreisen der türkischen Regierung heißt es, Deutschland habe ein Versprechen gebrochen
  • Im Video oben: Nach Auftrittsverbot – jetzt bleibt Erdogan in Hamburg nur ein einziger Ort für seine Rede

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sich etwas in den Kopf gesetzt - und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, verfolgt er sein Ziel bekanntlich ohne Rücksicht auf Verluste.

Diesmal ist Erdogans Ziel: Er will am Rande des G-20-Gipfels in Hamburg in einer Woche zu seinen Anhängern sprechen.

Die Bundesregierung will das verhindern. Das Auftrittsverbot, dass das Bundesaußenministerium vergangene Woche verhängte, könnte die diplomatischen Beziehungen beider Länder weiter belasten.

Denn die türkische Regierung sieht in dem Rede-Bann für Erdogan einen Vertrauensbruch.

Der Vorwurf, der jetzt laut wird: Bundesaußenminister Gabriel habe Erdogan zuletzt gar angeboten, ihn bei der Suche nach einem passenden Veranstaltungsort zu unterstützen.

Das behauptet Ozan Ceyhun, Berater der türkischen AKP-Regierung, der bei Gabriels Treffen mit Erdogan in der Türkei Anfang Juni anwesend war.

Der HuffPost sage Ceyhun, es habe sich zwar nicht um eine offizielle Zusage, sondern eher um ein inoffizielles Versprechen gehandelt. Außerdem sei im Zuge des Gesprächs nie die Rede davon gewesen, dass es Vorbehalte gegen eine Rede Erdogans gebe.

Eine Quelle im Außenministerium erklärte auf Nachfrage indes, nichts von einem derartigen Angebot zu wissen.

Dennoch: Viel deutet auf einen erneuten Eklat im schwierigen Verhältnis zwischen Berlin und Ankara hin. Auch in Deutschland könnte sich die Stimmung weiter aufheizen.

Spannungen in der deutschtürkischen Gemeine

"Die große Mehrheit der deutschtürkischen Community betrachtet das Auftrittsverbot mit großer Sorge“, sagte Fatih Zingal der HuffPost.

Zingal ist politischer Sprecher der Union Europäisch Türkischer Demokraten (UETD), einer Lobby-Organisation der türkischen Regierungspartei AKP. Die UETD hilft Erdogan unter anderem dabei, Auftritte in Europa zu organisieren.

"Das jetzige Verhalten der deutschen Regierung wird als Vertrauensbruch wahrgenommen", sagt er.

Zingal glaubt, die Bundesregierung messe mit zweierlei Maß. "Auf der einen Seite wird verboten, dass Erdogan zu seinen Landsleuten spricht, auf der anderen Seite werden höchst kritische Auftritte zugelassen“, sagt Zingal in Berufung auf prokurdische Demonstrationen, die immer wieder in Deutschland stattfinden.

Etwa 3 Millionen Türkischstämmige leben in Deutschland. Gut 405.000 wahlberechtigte Deutschtürken hatten im April im Verfassungsreferendum für das Präsidialsystem von Erdogan gestimmt.

Bewusste Provokation aus Ankara?

Bereits damals hatte sich ein erbitterter Streit um Auftritte des Präsidenten und anderer AKP-Politiker in Deutschland entzündet. Viele Kommunen und Hallenbetreiber hatten Veranstaltungen abgesagt, Erdogan warf Deutschland daraufhin "Nazi-Methoden“ vor.

Nun hält sich die türkische Regierung bisweilen überraschend bedeckt. Dennoch fürchten Kritiker, Erdogan könnte beim G-20-Gipfel einen neuen Konflikt mit den EU-Staaten provozieren wollen.

Viele Beobachter sehen in den immer neuen Attacken des Präsidenten einen Versuch von innenpolitischen Problemen abzulenken – und der Spaltung des eigenen Landes entgegenzuwirken.

Schon vor dem Referendum hatte sich ebendas gezeigt. Ali Toprak, Chef der Kurdischen Gemeinde, sagte damals zur HuffPost: "Erdogan versucht mit den Auslandstürken Politik zu machen. Er will sie anstacheln, um die Bundesregierung unter Druck zu setzen.“

Bewusste Provokation aus Ankara?

Über 60 Prozent der Deutschtürken, die ihre Stimme abgaben, entschieden sich schließlich für die Verfassungsreform ihres Präsidenten.

Um Wahlkampf gehe es Erdogan diesmal nicht, glaubt der AKP-nahe Zingal. "Die nächsten Wahlen finden erst Ende 2019 statt. Ich glaube nicht, dass bewusst eine Provokation gegen den Westen gesucht wird“, sagte er der HuffPost.

Stattdessen gehe es Erdogan darum, "sich um die Auslandstürken zu kümmern“.

Das wiederum sei eine Parallele zur deutschen Kanzlerin. Auch das erklärte Ziel der CDU sei es, sich für Auslandsdeutsche stark zu machen. Deshalb sei auch ein Auftritt von Merkel in der Türkei denkbar.

"Zum Beispiel in Alanya, wo sich tausende Deutsche niedergelassen haben", sagt Zingal. Er glaubt nicht, dass die türkische Regierung dagegen Vorbehalte hätte.

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