Ehe für alle: So kommentieren die Medien die historische Entscheidung

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BUNDESTAG
Menschen feiern vor dem Bundestag | NurPhoto via Getty Images
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  • Die große Koalition endet mit einem Paukenschlag
  • Der Bundestag hat am Freitag die Ehe für alle beschlossen
  • Das schreiben die Medien über die historische Entscheidung

Deutschland bekommt die Ehe für alle - und die Menschen in Deutschland feiern die Entscheidung. Größtenteils.

Doch was bedeutet die Entscheidung für die Ehe für alle eigentlich für Deutschland, was sagt sie über das Land aus? Was bedeutet sie für Angela Merkel? Was für den Wahlkampf und eine möglicherweise kommende Große Koalition nach der Bundestagswahl?

All diesen Fragen haben sich seit gestern die Medien in Kommentaren und Analysen gewidmet.

1. Was das Gesetz für Deutschland bedeutet

"Am Freitag um 9.12 Uhr ist unser Land bürgerlicher, konservativer und liberaler geworden", schreibt Ulf Poschardt der Chefredakteur der "Welt". Konservativer? Ja, glaubt Poschardt: "Dass die Linke sich in einer fast militanten Form zur Ehe bekennt, sollte auch jene Konservativen in der Union freuen, die aus guten Gründen (Bibel, Grundgesetz etc.) mit Nein gestimmt haben."

"Ab jetzt dürfen auch Schwule und Lesen Spießer sein mit Ehering und Bausparvertrag. Schön, wenn das als Fortschritt durchgeht", schreibt Poschardt.

Die linke "taz" nimmt den Ball der "Welt" dankbar auf und poltert: "Da kämpft man so lange für Gleichberechtigung von Homosexuellen, wird als Gefahr für Kinder beleidigt und diskriminiert, bis selbst die Kanzlerin handeln muss. Ein Erfolg, der gefeiert gehört. Und doch geht im Jubel unter, dass die Ehe erst mal nichts Fortschrittliches ist."

Etwas weniger heißblütig ordnet die "Süddeutsche Zeitung" das Gesetz ein: "Es ist gut, dass es nun ein Gesetz gibt, dass dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung trägt. Es nimmt den heterosexuellen Ehen nichts und gibt den homosexuellen Paaren endlich die volle Anerkennung ihres Jaworts zueinander."

Und weiter: "Wahrscheinlich wird man sich einmal wundern, dass man das je anders gesehen hat - so wie man heutzutage staunt, dass Frauen einst ihren Mann um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie arbeiten gehen wollten."

Die konservative "FAZ" argumentiert genau anders herum und fragt:

"Wäre homosexuellen Paaren etwas "weggenommen" worden, wenn ihnen die bürgerliche Ehe vorenthalten würde?" Die Antwort, die die Zeitung gibt: Nein, bis auf das Wort "Ehe" auf einer Heiratsurkunde. Das sollte, so sehen es die Frankfurter, Paaren vorbehalten werden, die biologisch Kinder bekommen können.

Bleibt man allerdings bei dieser Logik, dürften auch heterosexuelle Paare nicht heiraten, die keine Kinder bekommen können.

2. Was das Gesetz für den gesellschaftlichen Frieden bedeutet

Vor allem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" war in den vergangenen Tagen in die Kritik geraten, weil sie mit teils fragwürdigen Argumenten gegen die Ehe für alle mobil gemacht hatte.

Die Zeitung sieht sich nach dieser Kritik am Pranger. Sie schreibt am Samstag auf ihrer Titelseite: "Die Neinsager (zur Ehe für alle, Anm. d. Red.) sehen sich in die Rolle der Besiegten versetzt, der Minderheit, die künftig um Respekt für ihren Standpunkt geradezu flehen muss.

Und weiter kommentiert die Zeitung düster: "Solange das angesichts einer teils hasserfüllten Lobbyarbeit nötig ist und der Holzhammer angeblicher Homophobie selbst über dem Bundesverfassungsgericht schwebt, wird es mit dem gesellschaftlichen Frieden, den sich Angela Merkel von der Abstimmung versprach, nicht weit her sein."

Vor einigen Tagen hatte der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich Aufsehen erregt, weil er als Folge der Ehe für alle vor dem Ende der gesellschaftlichen Ordnung warnte. Seine Warnung sprach wohl vielen Erz-Konservativen aus der Seele:

Die Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung sieht auch die "Badische Zeitung". Sie schreibt: "Eines sollten ihre Befürworter (der Ehe für alle, Anm. d. Red) jetzt allerdings nicht tun: zu triumphieren, als gäbe es einen Sieg über heterosexuelle Spießer zu feiern."

Auch die "Welt" warnt, dass die "die Ehe für alle zum Fanal einer Abrechnung mit Andersdenkenden" werden könnte. Das wäre ein "fatales, falsches, dummes Signal."

Die "Süddeutsche Zeitung" sieht in der Ehe für alle aber längst nicht nur einen Kampf der Konservativen gegen alternative Lebensmodelle. Vielmehr werde das Urteil andere Debatten verschärfen.

Die Zeitung aus München schreibt:

"Die Fragen werden kommen: Warum soll nicht das Brüderpaar heiraten und sich um adoptierte Kinder kümmern? Warum nicht die beiden lesbischen Frauen und der Mann, der biologischer Vater ihres Kindes ist - und wenn ja, warum nicht der Muslim und seine beiden Frauen?"

Und weiter: "Die Abgrenzungsdebatten und die Frage, was denn nun die Natur der Ehe ist, wird auch die 'Ehe für alle' nicht loswerden. Es werden sich die Debatten verschärfen."

In einem anderen Kommentar in der "SZ" heißt es: "In all der Euphorie sollten wir uns nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass die Ehe an sich - genau wie die Ehe für alle - ein elementares Problem zementiert: die selbstverständliche Privilegierung ausschließlich jener Paare, die heiraten."

Diese Bevorzugung basiere auf der rückständigen Annahme, dass die Ehe nach wie vor die einzige Form des Zusammenlebens sei, die vom Staat unterstützt werden solle.

3. Was das Gesetz für den Wahlkampf bedeutet

Die "Allgemeine Zeitung" aus Mainz sieht die Abstimmung vor allem positiv. Sie schreibt: "Immerhin hat Merkel mit dem Nunja-weißnicht-warum-auch-nicht zur "Ehe für alle" den Wählern einen großen Dienst erwiesen. Denn diesen bleibt mit der Bundestagsentscheidung vom Freitag ein quälender Wahlkampf zu einem Thema erspart."

"Dass die SPD nun die Ehe für alle ein wenig sehr laut zu ihrem Ding macht, mag man ihr nachsehen. Ob jeder Kanzlerkandidat wirklich authentisch aussieht hinter einer Regenbogenfahne, müssen die Strategen wissen", schreibt die "Welt" und bezweifelt damit, dass die SPD im Wahlkampf von der Ehe für alle profitieren wird.

Es war maßgeblich die SPD die die Abstimmung im Bundestag vorangetrieben hatte - obwohl sie laut Koalitionsvertrag daran gebunden war, das Thema nicht zur Abstimmung zu bringen.

Die "FAZ" sieht im Verhalten der SPD deshalb auch einen schweren Vertrauensbruch, der Auswirkungen bis nach der Wahl haben könnten. Von einem teuren Vertrauensbruch", spricht die "FAZ". Eine mögliche Große Koalition könnte damit nach der Wahl schwieriger werden.

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Und mehr noch: Indem die SPD den Koalitionsvertrag gebrochen hat, setzt sie laut der Zeitung ein Beispiel für die Zukunft. Abgeordnete könnten sich ermutigt fühlen künftig nicht mehr nach Fraktionsdisziplin abzustimmen, sondern nach eigenem Gewissen. "Das Regieren in Deutschland könnte schwieriger werden", resümiert die "FAZ".

"Angela Merkel hat der Union bereits einige politische Schwenks zugemutet", schreibt die "Mittelbayerische Zeitung" aus Regensburg.

"Aber weder der Atomausstieg nach der Katastrophe von Fukushima, noch der Abschied von der Wehrpflicht kamen dermaßen unvorbereitet, derart überhastet und noch dazu von der Polit-Konkurrenz getrieben daher wie jetzt die Ehe für alle. Das war kein Meisterstück der Kanzlerin. Das hinterlässt Blessuren."

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(lp)

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