Die Katar-Krise erinnert an die Balkan-Krise vor dem Ersten Weltkrieg - droht am Arabischen Golf eine Katastrophe?

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KATAR
Eine Situation wie vor dem Ersten Weltkrieg: Warum die Katar-Krise so gefährlich ist | Getty
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  • Die Katar-Krise erinnert auf den ersten Blick an die Krisen auf dem Balkan vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges
  • Saudi-Arabien und seine Verbündeten haben dem Emirat ein unerfüllbares Ultimatum gestellt
  • Wie groß ist die Gefahr, dass auch aus dem diplomatischem Konflikt am Persischen Golf ein offener Krieg wird?

Ein kleines Land, das Extremisten unterstützt. Eine regionale Großmacht, die dieses Land mit harten Forderungen unter Druck setzt. Die Gegenspieler der Großmacht, die sich opportun auf die Seite des so "unterdrückten" kleinen Landes schlagen. Und eine Weltmacht, die der regionalen Großmacht einen Blankoscheck ausstellt.

Am Beginn dieser Ereigniskette stirbt ein österreichischer Kronprinz im serbischen Sarajevo. An ihrem Ende beginnt der Erste Weltkrieg.

So dramatisch ist die Lage in Katar noch nicht. Doch die Krise am Arabischen Golf erinnert auf den ersten Blick stark an die Krise auf dem Balkan im Jahr 1914, die eine Weltkatastrophe auslöste.

Handelt es sich bei dem Konflikt zwischen den arabischen Golfstaaten und dem kleinen Emirat also noch um einen diplomatischen Schlagabtausch? Oder ist die Katar-Krise der Auftakt zu einem neuen Krieg im Nahen Osten?

In Katar wie auf dem Balkan: Ein trügerischer Frieden

"Ganz auszuschließen sind militärische Konsequenzen nicht", sagte der Autor und Nahost-Experte Udo Steinbach der HuffPost.

Gerade das aggressive Auftreten Saudi-Arabiens unter dem neuen und außenpolitisch unerfahrenen Kronprinz Mohammed bin Salman sei Anlass zur Sorge. "Wer einen so törichten Krieg vom Zaun bricht, wie den im Jemen, dem könnte man auch einen in Katar zutrauen", sagte Steinbach.

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Und so könnte für die Katar-Krise gelten, was der Cambridge-Historiker Christopher Clarke in seinem Buch "Die Schlafwandler" über den Beginn des Ersten Weltkrieges schrieb: Ihm zufolge war "der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen“.

Paranoia habe damals die Handlungen aller Akteure beherrscht. "Die Krise, die im Jahr 1914 zum Krieg führte, war die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur", schrieb Clarke.

Wieder kommt es auf einen Kronprinzen an

Diese mag am Arabischen Golf zwar eine andere sein, als im Europa des 20. Jahrhunderts. Doch auch sie ist von Konflikten und Gewalt geprägt - und so könnten sich auch die Staaten auf der arabischen Halbinsel auf einem langen, schlafwandlerischem Weg hinein in einen Krieg befinden.

Wieder wird es auf einen Kronprinzen ankommen. Der saudische Thronfolger Mohammed bin Salman führt einen brutalen Krieg im Jemen, er gilt als unberechenbar - und hat die Macht, sich Katar mit Gewalt und Blutvergießen einzuverleiben.

Wer sollte ihn daran hindern?

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Zumal die Saudis die Haltung der USA in der Krise völlig falsch interpretieren würden, wie Udo Steinbach der HuffPost sagte. Nach dem Motto, "wenn die gegen den Iran sind, dann werden sie schon auf unserer Seite sein."

Es ist verständlich, dass dieser Eindruck in Saudi-Arabien entstehen konnte. Schließlich kam US-Präsident Donald Trump zu seinem ersten Auslandsbesuch ausgerechnet nach Riad, schwang mit der Königsfamilie die Säbel - und vereinbarte einen Waffendeal in Milliardenhöhe.

Der Hintergrund des Konflikts: Die ewige Rivalität zwischen Iranern und Saudis

"Der Trump-Besuch in Riad hat dazu geführt, dass Saudi-Arabien sich ermutigt fühlt, eine härtere Politik zu fahren - und härter gegen Katar vorzugehen", sagte Sebastian Sons, Experte für die Golfregion bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, der HuffPost.

Der eigentliche Konflikt in der Katar-Krise ist für Sons jedoch ein anderer. "Im Hintergrund der Krise verbirgt sich die Rivalität zwischen dem Iran und Saudi-Arabien, die sich in den letzten Jahren hochgeschaukelt hat", sagte er. "Für Saudi-Arabien ist jeder, der sich nicht offen zu ihnen bekennt, sondern zum Iran, ein Feind."

In diesem Fall ist das Katar, das mit dem Iran enge Wirtschaftsbeziehungen pflegt - die beiden Länder betreiben zusammen das größte Gasfeld der Welt. Hinzu kommt laut Sons eine persönliche Fehde zwischen dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und dem katarischen Emir.

Die Forderungen der Golfstaaten an Katar seien deshalb Maximalforderungen, die das Land niemals erfüllen könnte. "Katar kann Al Jazeera schließen, kann die Kontakte zu den Muslimbrüdern kappen und Terrorunterstützer aus dem Land werfen", sagte Sons der HuffPost. "Die Verbindungen zum Iran aber, die kann das Land nicht beenden."

Lassen die Golfstaaten, angeführt von Saudi-Arabien, Katar mit ihrem Ultimatum also ins Messer laufen, so wie es das Kaiserreich Österreich-Ungarn zu Beginn des Ersten Weltkrieges mit den Serben tat?

"Wir haben es auf allen Seiten mit Populisten zu tun"

Nein, glauben zumindest die beiden Experten Udo Steinbach und Sebastian Sons. Zwar könne man eine Eskalation des Konflikts nicht ausschließen und auch die Intentionen der Golfstaaten seien nicht vollständig klar - und doch sei eine militärische Auseinandersetzung unwahrscheinlich.

Aus großer Entfernung ähnele die Situation am Golf zwar der auf dem Balkan vor dem Ersten Weltkrieg, gab Steinbach dazu. "Doch Saudi-Arabien und der Iran, diese Region ist nicht so zerspalten wie der Balkan damals." Zwar spielten nationalistische Interessen auch in der Katar-Krise eine Rolle - doch hätten die Konfliktparteien schlicht zuviel zu verlieren, als dass sie einen Krieg beginnen würden.

"Ein Zerfall der Ölkartels durch einen militärischen Konflikt, das wäre fatal für alle Seiten", sagte Steinbach der HuffPost. "Für Saudi-Arabien und die Golf-Staaten, für Katar - und auch für die internationale Gemeinschaft."

Und auch Sebastian Sons ist sich sicher: Weder die Araber, noch die Iraner oder die USA seien an einem offenen Konflikt interessiert. "Wir haben es auf allen Seiten mit Populisten zu tun", sagte Sons der HuffPost. "Sie schlagen Profit daraus, Feindbilder zu schaffen." Das sei in der Türkei so, in gewissem Maße im Iran - und in Saudi-Arabien ganz sicher.

Von allen Parteien in dem Konflikt werde versucht, "Fakten und Realitäten zu schaffen, um die eigene Macht zu zementieren." Die Katar-Krise sei am Ende also eine adhoc-Situation, die es nun eben zu lösen gelte.

Es bleibt zu hoffen, dass dies auf friedliche Weise geschieht. Anders als im Jahr 1914.

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(ll)