Psychologen erklären: Es gibt nur eine einzige Sache, die Kinder in den Sommerferien tun sollten

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KINDER LANGEWEILE
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  • Die meisten Eltern denken, sie müssten ihre Kinder während der Ferien permanent beschäftigen
  • Doch Psychologen sind sich einig: Kindern tut es extrem gut, wenn sie sich auch mal langweilen dürfen
  • Und sie glauben auch zu wissen, warum es Eltern trotzdem so schwer fällt, Langeweile zuzulassen

Die Sommerferien. Wie ein riesiges, furchteinflößendes Monster schleichen sie sich an und viele fragen sich panisch, wie sie die langen Wochen ohne Betreuung mit ihren Kindern lebend überstehen sollen - und dabei auch noch als gute Eltern glänzen können.

Die Sportfreizeit mit dem städtischen Jugendclub? Oder doch der Naturworkshop auf dem Bauernhof? Oder vielleicht mit der Familie im Van durch Skandinavien?

Und was ist mit Weiterbildung? Gibt es in der Volkshochschule einen Französischkurs für Kinder? Einen Töpferworkshop? Einen Lesekreis?

Die meisten Eltern haben das Gefühl, dass sie ihre Kleinen in der freien Zeit permanent beschäftigen und bespaßen müssen - und der Fördergedanke dabei ja nicht zu kurz kommen darf.

"Ein Kind hat nicht das Bedürfnis, jeden Tag ein großes Event zu erleben”

Dabei sind sich Psychologen einig, dass es eigentlich nur eine einzige Sache gibt, die Kinder tun sollten, wenn sie frei haben - und die hat für die Eltern nichts mit Stress und aufwändiger Planung zu tun.

“Kinder müssen in ihrer eigenen Langeweile versinken, damit die Welt um sie herum so still wird, dass sie sich selbst hören können”, schreibt Psychologin Vanessa Lapointe in einem Beitrag für die Huffington Post.

“Langeweile ist eine unglaubliche Chance für Kinder, zu ihren eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Fähigkeiten zu finden”, sagt auch Psychologin und Familylab-Seminarleiterin Julia Stoch.

Und der renommierte Hirnforscher Gerald Hüther ist der Ansicht: "Nur aus der Langeweile heraus kann ein Kind seine eigenen kreativen Ideen entwickeln.”

Mehr zum Thema: Das passiert mit Kindern, die sich häufig langweilen

Das Zauberwort für erfüllte Ferien lautet also Langeweile? So einfach ist das? Ja, das ist es, bestätigt auch die Pädagogin und Buchautorin Astrid von Friesen.

"Ein Kind hat nicht das Bedürfnis, jeden Tag ein großes Event zu erleben und jedes Wochenende im Auto zu sitzen, um zu einem Ausflugsziel gefahren zu werden”, sagte sie der HuffPost.

Oft seien es gerade die Phasen des gemeinsamen "Nichtstuns" mit den Eltern, an die sich die Kinder später positiv erinnern würden, erklärt sie - und nicht die Fahrt zum Action-Spielplatz oder ins 3D-Kino.

Wenn Kinder sich langweilen, erforschen sie ihre Fähigkeiten

Wie gut Kindern Langeweile tut, hat auch Teresa Belton von der University of East Anglia eingehend untersucht.

Nach jahrelanger Forschung ist sie zu dem Ergebnis gekommen, dass es einen deutlich erkennbaren Zusammenhang zwischen Langeweile bei Kindern und ihrer Vorstellungsgabe und Fähigkeit zur Kreativität gibt.

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Als Beispiel für ihre These nennt Belton die renommierte britische Autorin und Kabarettistin Meera Syal, die sie im Zuge ihrer Untersuchungen interviewt hat.

“Der Mangel an Beschäftigung spornte sie dazu an, auf Menschen zuzugehen, mit denen sie sonst nie etwas zu tun gehabt hätte”, sagte Belton dem Sender BBC.

“Außerdem probierte sie Dinge aus, die sie unter anderen Umständen nicht gelernt hätte. Sie nahm beispielsweise Kontakt zu älteren Nachbarn auf und lernte auf diese Weise, Kuchen zu backen.”

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Langeweile werde oft mit Einsamkeit in Verbindung gebracht, erklärt sie. “Syal verbrachte viele Stunden ihres frühen Lebens damit, aus dem Fenster zu starren, auf die Felder und Wälder und dem Wetter und dem Wechsel der Jahreszeiten zuzusehen.”

Doch schließlich habe die Langeweile dazu geführt, dass die Autorin mit dem Schreiben begann. “Sie fing an, ein Tagebuch zu führen und füllte es mit Beobachtungen, kurzen Geschichten, Gedichten und Dingen, über die sich sich aufregte. Sie selbst sagt heute von sich, in dieser Zeit habe sie den Grundstein für ihre Karriere als Autorin gelegt.”

Kinder müssen sich fragen können: Was erlebe ich selbst gerne?

Syals Beispiel zeigt: Wenn man Kinder einfach machen lässt, kommen sie oft ganz allein darauf, wo ihre Fähigkeiten liegen.

Auch Psychologin Julia Stoch betont, wie wichtig es ist, Kindern diese Freiräume zu schaffen.

“Kinder sind ständig beschäftigt”, sagt sie in einem Video-Interview mit der HuffPost. “In der Kita gibt es Programme, bei denen man in seinen Fähigkeiten gefördert wird. Man singt, man malt, man macht etwas, das jemand anderes für einen vorbereitet hat.”

Daran, so warnt sie, gewöhnten sich die Kinder schnell. “Dass man etwas erlebt, das der andere für erlebenswert für mich hält. Und ich höre irgendwann auf, mich zu fragen: Was erlebe ich denn gerne?”

Eltern müssen ihre Kinder nicht ständig beschäftigen

Eltern sollten sich von dem Gedanken verabschieden, dass ein Kind ständig beschäftigt werden müsse, rät Stoch. “Ich selbst als Mutter versuche das immer wieder umzusetzen und mir zu denken ‘Ich muss nicht immer etwas anbieten. Meine Kinder dürfen auch mal Momente des Frustriertseins haben, wenn etwas nicht passiert.”

Denn dann, so sagt sie, entstünden neue Impulse. “Man kann als Mutter auch mal sagen: ‘Dir fällt vielleicht jetzt nichts ein, das du tun kannst, aber ich bin sicher, dass du in zehn Minuten eine Idee hast’.”

Ähnlicher Ansicht ist die bekannte britische Kinderpsychologin Lyn Fry. “Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unsere Kinder darauf vorzubereiten, ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen”, sagte sie in einem Interview mit dem Onlinemagazin “Quartz”.

“Erwachsen zu sein bedeutet, sich selbst zu beschäftigen und die Freizeit auf eine Art und Weise zu gestalten, die einen glücklich macht. Wenn Eltern ihre Zeit damit verbringen, die Freizeit ihrer Kinder zu verplanen, dann werden diese Kinder nie lernen, es für sich selbst zu tun.”

Kinder haben eine angeborene Entdeckerfreude

Nur wenn ein Kind die Möglichkeit hat, selbst seine freie Zeit zu planen, findet es auch heraus, womit es sich gerne beschäftigt. Bei dem einen kann das Schreiben sein wie bei Meera Syal, bei dem zweiten Insekten Beobachten im Garten und bei dem dritten Schlagzeugspielen.

Oder ein kleiner Junge zeigt dank seiner Entdeckerfreude schon in jungen Jahren, dass ein Ingenieur in ihm steckt - wie der Ehemann der Psychologin Vanessa Lapointe.

Sie beschreibt in ihrem Blog für die HuffPost sehr anschaulich, wie Langeweile als Kind ihren Mann zu dem verholfen hat, was er jetzt ist:

“Als mein Ehemann klein war, lebte seine Familie in einer ländlichen Gegend mit viel Platz zum Herumstreunen. Er erzählt Geschichten darüber, wie er in jeder freien Stunde Löcher grub, Schätze versteckte und an kleinen Erfindungen bastelte. Ich kann ihn mir genau vorstellen, ganz versunken in dieser Arbeit, verloren in der Welt seiner Vorstellungskraft, aber viel wichtiger: in SEINER Welt.”

Wenn man das über meinen Mann weiß, ist es dann noch eine Überraschung, dass er heute ein Maschinenbauingenieur ist? Er baut und bastelt und erfindet immer noch. So ist er - es ist die Essenz dessen, was ihn antreibt. Die Langeweile seiner Kindheit - der Raum, der ihm gelassen wurde, um einfach zu sein - lebt heute in ihm weiter und hat großen Einfluss auf seine Persönlichkeit.”

Viele Eltern fürchten sich vor der Langeweile ihrer Kinder

Wenn Kinder Langeweile also derart dringend für ihre Entwicklung brauchen, warum fällt es den meisten Eltern so schwer, sie zuzulassen?

Pädagogin Astrid von Friesen glaubt: Viele fürchten sich davor, dass ihr Kind sich langweilt, weil sie dann das Gefühl haben, keine guten Eltern zu sein.

“Kinder dürfen sich nicht langweilen, denn das macht Mütter ganz hektisch und nervös”, schreibt von Friesen in einem Beitrag für die HuffPost. “Sie fühlen sich als Animateure, verwalten das Repertoire an ‘Frei’-Zeitangeboten mit großen logistischen, emotionalen und finanziellen Anstrengungen.”

Dabei - und darin stimmt sie mit allen anderen in diesem Beitrag zitierten Experten überein - wollten Kinder oft einfach nur frei haben.

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“Sie wollen gammeln, nichts tun, dösen, nicht produktiv, nicht kreativ und nicht verplant sein, um bessere Leistungsmenschen zu werden. Sie wollen nur Mensch sein, daseinsberechtigt ohne Taten, Ruhe haben jenseits von Plänen und Vergleichen mit anderen.”

Es ist überhaupt nicht schlimm, wenn nicht der ganze Sommer verplant ist

Dass auch Eltern sich im Übrigen nach Ruhe sehnen und oft gar keine Lust haben auf das ganze Organisieren haben, beweist der Facebook-Post einer amerikanischen Mutter, der sich seit einigen Wochen im Internet verbreitet und von sehr vielen Eltern gefeiert wird.

Kristen Hewitt aus Florida teilte ein Bild mit ihren beiden Kindern auf dem Sofa und schrieb dazu: “Ich hatte große Pläne für diesen Sommer. Ich wollte einfach eine gute Mutter sein. Ich hatte nicht nur Outdooraktivitäten geplant, sondern auch tägliches Lesen oder Schönschreibe-Übungen.”

Stattdessen kam es ganz anders: Gemeinsam mit ihren Kindern blieb sie bis 11 Uhr im Schlafanzug, danach wurden Schoko-Brownies gebacken, später ein bisschen gemalt und den Rest des Tages verbrachten sie am Pool.

“Jeder will seinem Kind den besten Sommer bieten", schreibt die Mutter. "Aber dabei vergessen wir, dass wir alle müde sind. Müde von diesen ständigen Kursen und Verpflichtungen."

Sie hat auch einen Rat an alle anderen Eltern: “Wenn ihr bis jetzt noch nicht wisst, was ihr den ganzen Sommer über tun werdet, dann ist das total okay. Euren Kindern wird es trotzdem gut gehen, und euch auch.”

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen - außer: euch allen schöne, erholsame Ferien voller Langeweile!

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(ame)

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