Kämpfe im Nebel: Wie IT-Experten versuchen, Cyberangriffe auf die Demokratie abzuwehren

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Kämpfe im Nebel: Wie IT-Experten versuchen, Cyberangriffe auf die Demokratie abzuwehren (Symbolbild) | Getty
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  • Im Silicon Valley haben sich Experten zum "Digital Disinformation Forum“ getroffen
  • Sie warnen vor der Gefahr der Technologie für die Demokratie
  • Die Lösungsansätze für das Problem aus den USA und Europa sind sehr unterschiedlich

Spam-Filter für Fake-News? IT-Firmen als Staats-Ersatz? Zwei Tage lang diskutierten führende Experten im Silicon Valley hinter verschlossenen Türen über die Gefahren durch Desinformation, Bots und Hacker – und Lösungsansätze. Unser Autor war dabei – ein Insider-Bericht.

"Wir kämpfen in einem Nebel, der Gegner ist nicht zu sehen, nur sein Schatten, und die Kräfte sind ungleich verteilt.“ Für einen Moment klingt es fast ein bisschen verzweifelt, was der junge IT-Spezialist an der Stanford University im kalifornischen Palo Alto zum Thema Desinformation berichtet, und die Gesichter im Publikum werden etwas länger.

Doch der drahtige Mann wäre wohl am falschen Platz hier im Silicon Valley, würde er nicht sofort optimistisch einen Ausweg in Aussicht stellen: "In ein paar Jahren haben wir eine technische Lösung, ich hoffe, das Herausfiltern von Desinformation wird so selbstverständlich sein wie heute der Spam-Filter für E-Mails.“

Die Gesichter im Publikum strahlen wieder. Zumindest die von vielen Amerikanern. Ein paar Europäer blicken erschrocken auf. Es ist ein illustres Publikum, dass sich Anfang der Woche an der US-Elite-Uni zum "Digital Disinformation Forum“ getroffen hat.

Desinformationen - Gefahr für die Demokratie

Nur wenige Kilometer von den Zentralen der Internet-Giganten saßen sie zwei Tage lang zusammen: rund achtzig Experten aus IT-Unternehmen wie Facebook, Google und Twitter, aus Wissenschaft, Politik und Medien, darunter auch der Autor dieses Berichts.

Das Thema: Das, was die meisten hier für die größte Gefahr für unsere Demokratie seit Jahrzehnten halten - Desinformation, verbreitet über das Internet, insbesondere die sozialen Netzwerke. Die Konferenz, Teil einer "Disinformations week“ in den USA, fand größtenteils hinter verschlossenen Türen statt – vor allem auf Bitten der Männer und Frauen aus den IT-Firmen. So könnten sie offener reden, hieß es. Niemand darf deshalb namentlich zitiert werden.

Gastgeber war Francis Fukuyama – der legendäre Stanford-Professor, der sich mit seinem Buch "Das Ende der Geschichte“ massiv vertan hatte. Glaubte er doch, dass sich mit dem Zusammenbruch des Kommunismus die Demokratie endgültig durchgesetzt hätte. Heute sieht Fukuyama das anders. Von einer "einzigartigen historischen Epoche“ ist in Stanford die Rede – vergleichbar mit den Umbrüchen durch die Erfindung des Buchdrucks, des Radios oder des Fernsehens.

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Das Internet und vor allem die sozialen Netzwerke laufen den traditionellen Medien massiv den Rang ab. Und sie sind anfällig für Manipulationen – besonders gezielte Desinformation, verbreitet etwa mit Hilfe von Hackerangriffen oder Social–Bots: Von Robotern gesteuerte Fake-Accounts, die kaum von denen echter Menschen zu unterscheiden sind. Eine Schlüsselrolle spiele dabei in Europa sowie in den USA der Kreml, so die vorherrschende Meinung auf der Konferenz. Wobei auch andere Staaten und Kräfte mitmischen.

Eine Geschichte wie die von Frankenstein

Ein ergrauter, nachdenklicher Wissenschaftler bringt das Dilemma auf den Punkt: "Die Firmen haben Technologien geschaffen, die es möglich machen, mit Katzenbildern Geld zu verdienen. Und jetzt stellt sich heraus, dass diese Technologien gefährlich sind für unsere Demokratie.“

Das erinnert ein wenig an die Geschichte von Frankenstein. Auf der Konferenz wird immer wieder deutlich, dass auch bei den Schöpfern eine gewisse Ratlosigkeit herrscht, wie ihre neuen technologischen Wunder zu beherrschen sind – bzw. deren Missbrauch einzudämmen. Dass die Gefahr real und groß ist, dass Desinformation, Social Bots und Hackerattacken eine große Rolle gespielt haben bei den US-Wahlen und anderen politischen Entscheidungen weltweit – darüber herrscht Einigkeit auf der Konferenz.

Kein Wunder: Zum einen halten sich die Sympathien der Teilnehmer für Donald Trump ganz offensichtlich nach in einem überaus begrenzten Rahmen. Hier im massiv klimatisierten großen Konferenzraum des Bechtel International Center an der Elite-Uni hätte Trump die Wahl nicht gewonnen. Zum anderen haben viele der anwesenden Experten selbst geforscht – und zahlreiche Belege für Manipulationen gefunden: "Wissenschaftlich sind sie eindeutig belegt“, so der Konsens.

Deutschland als Negativbeispiel

Der Hinweis, dass daran im fernen Deutschland Zweifel herrschen, führt nur zu verwundertem Kopfschütteln. Und zu einem Rat: "Ihr Deutschen solltet aufhören, zu streiten, ob ein Feuer ausgebrochen ist, Ihr solltet löschen! Und den Brandstifter bekämpfen!“

Von Deutschland ist immer wieder die Rede auf der Konferenz: Von dem neuen Gesetzesentwurf von Justizminister Maas, der die Internet-Konzerne verpflichten soll, "Hate Speech“, also "Hassreden“, zu unterbinden – unter massiver Strafandrohung. Der Vorstoß aus Berlin wird mehrfach aufgegriffen – als abschreckendes Beispiel dafür, wie der Kampf gegen Desinformation nicht aussehen soll.

Die Deutschen begäben sich mit den Plänen auf "sehr schlüpfrigen Grund“, warnt ein Sicherheitsexperte: "Das macht den Menschen Angst, das ist das Gegenteil einer Lösung, und der Vorwurf der Zensur wird laut werden, massiv.“ Maas´ Pläne seien "Kafkaesk“, heißt es. Und, noch schlimmer: Die deutsche Initiative könnte autoritären Regimen als Vorlage dienen.

Zwischen vielen Experten aus den USA und Europa tut sich ein großer Graben auf. "Lasst die Konzerne das selbst richten, sie haben das nötige Know-How, und die Kreativität. Wenn sich der Staat einmischt, stört das nur“, so das Credo eines bekannten US-Wissenschaftlers: "80 bis 90 Prozent der Probleme, die Europa in diesem Bereich hat, haben die Regierungen dort selbst geschaffen“ – auch das eine Anspielung auf die Maas-Pläne.

Technische Lösungen statt Verboten

So wie der Wissenschaftler neigen die meisten Amerikaner im Saal eher zu einer technischen Lösung. Motto: "Algorithmen statt Gesetze.“ Und: "Mehr Effizienz im Kampf gegen Fake-Accounts.“ Einer der Lösungsansätze made in USA: "Nichts verbieten. Den Leuten nicht den Lautsprecher wegnehmen. Aber nicht jeder muss einen Lautsprecher der gleichen Größe haben! Wie weit etwas verbreitet wird, kann die Software steuern.“

Das Motiv laut US-Experten: "Die Firmen haben selbst ein Interesse an einer Lösung. Sie wollen zufriedene Kunden. Wenn der Newsfeed mit Müll überfüllt ist, wenden sich die Kunden ab.“

Die Prognose der Silicon-Valley-Fachleute: "In drei Jahren können wir 90 Prozent der Desinformation herunterfahren!“ Was mit "herunterfahren“ gemeint ist? Technisch wegfiltern, dass sich falsche Information nicht mehr stark verbreitet im Internet. Aber was ist falsch? Und wer entscheidet das? Für manchen Europäer werden bei solchen Fragen Erinnerungen an den "Großen Bruder“ von George Orwell wach.

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Auch bei dem, was einer der Männer aus dem Silicon Valley vorhersagt: "Vor zwanzig Jahren hatte noch kaum jemand ein Anti-Virus-Programm, heute hat es jeder. Genauso wird es mit Desinformation, auch dagegen wird es ein Programm geben, und das wird Standard sein.“ Der Mann deutet an, dass schon massiv an so einer Lösung gearbeitet werde.

Das geht selbst manchen seiner Landsleute zu weit: "Wir leben in einer historisch einmaligen Zeit, in der private Firmen vor Herausforderungen und Aufgaben stehen, deren Lösung eigentlich ureigene Sache der Gesellschaft, also des Staates ist“, mahnt ein Wissenschaftler: "Wenn man sich in einigen Jahren daran erinnern wird, wird man den Kopf schütteln!“

Unterschiedliche Ansichten aus Europa und den USA

Von europäischer Seite wurden massive Zweifel laut, ob eine technische Lösung möglich und sinnvoll ist – und ob man die Entscheidung über Inhalte wirklich Computerprogrammen übertragen dürfe.

Staat und Gesellschaft seien hier gefragt, so heißt es von den Europäern. Nicht zuletzt, weil für die Firmen ja das Geldverdienen im Vordergrund stehe – und eben nicht Demokratie und die Bekämpfung von Desinformation. Im Zweifelsfall könne die ja auch dank erhöhter Zugriffe die Werbeeinnahmen erhöhen.

Von amerikanischer Seite wiederum gibt es nicht ganz unbegründete Kritik an den Europäern: Die hätten kein Vertrauen zu den US-Firmen – aber selbst das Thema lange vernachlässigt und nicht genügend eigenes Know-How. Der Appell: "Sorgt endlich dafür, dass Ihr da aufholt, dass Ihr genügend eigene IT-Fachleute und Fachwissen habt!“ Betretene Gesichter bei einigen Europäern.

Journalismus in der Krise

Einigkeit auf beiden Seiten des Atlantiks herrscht indes, dass der Journalismus in Schlittern geraten ist (wobei von europäischer Seite angemerkt wird, dass dies auch daran liegt, dass Google und Co. den traditionellen Medien die Werbeeinnahmen wegnehmen und diese deshalb ums Überleben kämpfen).

"Die Diversifikation von Information hat zu einem massiven Vertrauensverlust geführt“, mahnt eine US-Wissenschaftlerin: Die Technik könne das nicht lösen.

Man müsse das Bewusstsein der Menschen dafür schärfen, dass sie viele manipulieren wollen: "Und keiner will gerne hereingelegt werden! Diese natürliche Abneigung, sich zu Idioten machen zu lassen, müssen wir nutzen!“ Dazu müsse aber auch die Glaubwürdigkeit der traditionellen Medien wieder erhöht werden. Selbstkritik sei notwendig in der Medien-Branche. Eine Besinnung auf die alten Werte. Und, so mahnte die erwähnte Wissenschaftlerin: "Wir dürfen auf keinen Fall die Freiheit der Bekämpfung ihrer Feinde opfern.“

Deutschland verdrängt die Bedrohung

In Deutschland, so warnten mehrere Experten, drohe besonderes Ungemach. Einerseits nehme man die Bedrohung hierzulande zu wenig oder falsch wahr. Zum anderen drohen die Hackerangriffe auf den Bundestag bald ihre faulen Früchte zu tragen: Wikileaks oder rechte Netzwerken könnten kurz vor der Bundestagswahl heikle Details etwa aus den E-Mails von Abgeordneten verbreiten.

"Das Thema wird viel zu stark verdrängt“, mahnt ein namhafter Sicherheitsexperte: "Wir haben viel mehr Geld als der Angreifer, wir machen es nur nicht locker. Wir müssen das Bewusstsein schärfen, dass wir angegriffen werden! Wir müssen das offen aussprechen, und endlich gegenhalten“

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(ks)

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