Der neueste "FAZ"-Artikel zur Ehe für alle ist so schlimm - kaum zu glauben, dass er tatsächlich erschienen ist

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FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Der neueste "FAZ"-Artikel zur Ehe für alle ist so schlimm - kaum zu glauben, dass er tatsächlich erschienen ist | Arnd Wiegmann / Reuters
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  • Die "FAZ" sorgt mit einem Kommentar zur Ehe für alle für Empörung
  • Der Kommentar unterstellt gleichgeschlechtlichen Paaren, von ihnen aufgezogene Kinder seien weniger glücklich
  • Schlimmer noch: Schwule und Lesben hätten eher eine Neigung, Kinder zu missbrauchen

"Schwule und Lesben aller Länder: Besinnt euch!" Mit diesem Aufruf beginnt ein Gastkommentar in der aktuellen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Durch die Anlehnung an das marxistische Zitat "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" klingt das kämpferisch und progressiv.

Der Kommentar in der "FAZ" ist das Gegenteil. Er strotzt vor Homophobie und Vorurteilen. Kaum zu glauben, dass solche Texte im Jahr 2017 noch erscheinen können.

Geschrieben hat den Gastkommentar laut Angaben der Zeitung der Philosoph und Psychologe Johannes Gabriel. Dabei handelt es sich um ein Pseudonym, wie "FAZ"-Redakteur Reinhard Müller dem Online-Portal "Meedia" bestätigte. Als Pseudonym war der Name allerdings nicht gekennzeichnet.

Die Richtung seines Kommentars wird gleich am Anfang klar, wenn der Autor Schwule und Lesben fragt, was sie mit der "Homo-Ehe" überhaupt wollten.

"Ist die eingetragene Lebenspartnerschaft denn nicht die nahezu restlose Gleichstellung mit der Ehe, wie selbst der Schwulen- und Lesbenverband Deutschlands bestätigt?"

Ist sie nicht. Aber das interessiert den Autor nicht.

Homosexuelle wollen gar keine Integration in die Gesellschaft

Zunächst läuft sich der Autor warm. Er kritisiert den Wunsch einiger Homosexueller, selbst Kinder aufziehen zu wollen.

Jahrhundertelang hätten Homosexuelle dafür gekämpft, dass ihre "Besonderheit und Auszeichnung nicht reproduktiver Sexualität" von der Gesellschaft anerkannt wird.

Und nun wolle man trotzdem Kinder, wie heterosexuelle Paare auch.

Durch den Wunsch nach Kindern und einer Familie werde man schlicht zum "Bravbürger". Und verrate so alles, was Homosexuelle ausmache. Das sei ein regelrechter "Selbstverrat".

Und während man das liest und denkt, krasser könnte es kaum werden, beginnt die Hetze.

Die "FAZ" unterstellt Schwulen und Lesben mit Kinderwunsch, dieser diene der "narzisstischen Selbstbefriedigung". Oder gar eine Art Verkleidung für gleichgeschlechtliche Paare, die hoffen, mit Kind in einer mehrheitlich heterosexuellen Gesellschaft nicht so sehr aufzufallen.

Wie es solche Argumente in eine der angesehensten Zeitungen des Landes schaffen können, ist völlig rätselhaft. Man kann gegen die Ehe für alle sein. Aber Menschen auf diese Weise zu beleidigen ist, völlig inakzeptabel.

Besamung wie auf dem Bauernhof

Aber um eine ernsthafte Auseinandersetzung geht des dem "FAZ"-Kommentator überhaupt nicht.

Stattdessen macht der Autor sich lieber über Homosexuelle lustig: "Kinder kriegen, wie denn? Mit der Post aus der Gebär- und Besamungsmaschine?" Und dann die Frage: "Habt ihr noch Anstand, Charakter und Ethos im Leib?"

Der Kommentar-Schreiber geht später sogar so weit weit, in Abrede zu stellen, dass Kinder auch mit zwei Vätern oder zwei Müttern glücklich aufwachsen können.

Dass Studien das Gegenteil zeigen
, interessiert den "FAZ"-Autor nicht. Er bürstet lieber richtig gegen den Strich, um sich hinterher von seinen konservativen "FAZ"-Kumpels so richtig auf die Schulter klopfen zu lassen.

Deshalb: jeder Mensch habe das Recht und vor allem die Sehnsucht, mit seinen heterosexuellen Erzeuger aufzuwachsen, ist sich der Kommentare-Schreiber sicher.

Und es wird noch schlimmer

Doch damit ist der Höhepunkt der Geschmacklosigkeit noch nicht erreicht. Müsse man sich nicht fragen, formuliert der "FAZ"-Autor allen Ernstes, ob adoptierte Kinder nicht vielmehr davon betroffen sind, Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden.

Es könne so gar die "Inzest-Hemmung" wegfallen. Gerade bei Homosexuellen sei diese Gefahr besonders hoch, "weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe".

Das klingt wissenschaftlich-nüchtern, heißt aber: Schwule und Lesben treiben es wild und mit jedem und sie haben keine Werte im Umgang mit Sex.

"Eines von jedem reicht"

In einem ähnlichen Ton geht es im Kommentar weiter. Der Autor schreibt, er wäre ungern mit zwei Vätern oder zwei Müttern aufgewachsen - "eines von jedem reicht".

Und er unterstellt der "Gay-Community", sie sei ein "Libido-Club". Doch jetzt müsse die Community politische Verantwortung übernehmen. Sonst ergehe es den Schwulen und Lesben einst wie heute den Grünen: "Die Grünen fanden Sex mit Kindern in den Siebziger Jahren eine tolle Sache - jetzt lecken sie sich reumütig die Wunden".

Im Netz war die Empörung über den "FAZ"-Text groß. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier schrieb auf Twitter: "In der 'FAZ' von Freitag steht ein Text von solch brutaler Homosexuellenverachtung, wie ich es selten gelesen habe. Zum Fürchten. Und Schämen."

Die Journalistin Anna-Mareike Krause meinte, sie hätte alle "Abgründe der Gegenargumente" für die Ehe für alle gesehen. "Und dann kommt die 'FAZ'", schrieb sie auf Twitter.

Der "Handelsblatt"-Journalist Alexander Demling schrieb auf Twitter an die "FAZ" gerichtet: "Wer ist Johannes Gabriel? Welche NGOs berät er? Die Angaben in der Zeitung sind da etwas vage." Verlässliche Informationen lassen sich über den Autor im Internet tatsächlich nicht finden.

Der Medien-Berater Fabian Kern gab auf Twitter zunächst zu, er habe die "FAZ" nie gemocht. "Aber hier überschreitet ihr eine Grenze", das sei ekelhaft.

Man könnte diesen am Freitag erschienen journalistischen Totalausfall mit der nicht enden wollenden Kette an Widerwärtigkeiten einfach ignorieren. Aber die "FAZ" ist zu wichtig. Und man muss sich fragen, in was für eine Richtung diese Zeitung driftet, wenn dort solche Texte erscheinen können.

Wollen wir hoffen, dass der Aufschrei nicht so bald endet.

UPDATE, 11.29 Uhr: Die "FAZ" hat mit zwei Tweets auf die Kritik reagiert und sich von dem Gastbeitrag distanziert:

"Liebe Leser, wir haben Ihre Kritik zum Gastbeitrag 'Wir verraten alles, was wir sind' in der heutigen Printausgabe gesehen. Wir möchten deutlich machen, dass es sich um einen Gastbeitrag handelt und dieser nicht die Meinung der 'FAZ'-Redaktion widerspiegelt."

UPDATE, 15.12 Uhr: Die Meldung wurde um den "Meedia"-Bericht ergänzt.

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(ll)