Auch die Gegner der Ehe für alle haben heute Fairness verdient

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BUNDESTAG
Auch die Gegner der "Ehe für alle" haben heute Fairness verdient | Fabrizio Bensch / Reuters
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  • Deutschland hat die Ehe für alle beschlossen - und der Jubel ist groß
  • Doch die Debatte über den Beschluss zeigt: Es fehlt in der Politik an gegenseitigem Respekt
  • Dabei haben diesen auch und gerade diejenigen verdient, die unbequeme Meinungen vertreten

Heute ist ein historischer Tag für Deutschland. Der Bundestag hat die "Ehe für alle“ beschlossen. Künftig dürfen auch homosexuelle Paare standesamtlich heiraten. Sie werden die gleichen Rechte genießen, aber auch die gleichen Pflichten haben die heterosexuelle Paare.

Das ist gut und war längst überfällig. Eine "Sternstunde der Demokratie“ war es aber nicht, was sich da heute im Berliner Regierungsviertel abgespielt hat. Das lag weniger an der Materie selbst als an der rhetorischen Brutalität, mit der sich beide Lager bis zum Schluss bekämpften.

Für die einen zerbricht die Gesellschaft, für die anderen versagt Merkel

Da wäre Hans-Peter Friedrich von der CSU zu nennen, der die Twitter-Gemeinde voller Verzweiflung wissen ließ, dass er wegen der „Ehe für alle“ die Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung fürchte. Es ist der gleiche panische Duktus, mit dem sein Parteichef Horst Seehofer im Herbst 2015 im Zuge der Flüchtlingskrise einen möglichen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung herbei schwitzte.

In der "FAZ" veröffentlichte ein weitgehend unbekannter Wissenschaftler ein Pamphlet, in dem homosexuellen Paaren der Kinderwunsch abgesprochen wurde. Und die frühere CDU-Politikerin Erika Steinbach durfte im Bundestag bei ihrer letzten Rede noch einmal ordentlich gegen den Untergang des Abendlandes wettern.

Auf der anderen Seite wären da die unrühmlichen Ausfälle gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu nennen, die zur Überraschung vieler das Thema zu einer Gewissensentscheidung erklärte und somit die Abstimmung noch vor Ende der Legislaturperiode ermöglichte.

Kritik ja - aber mit Respekt

Man kann Merkel gern in der Sache kritisieren. Aber in einer fairen Debatte sollte man auch ihr zugestehen, dass sie ein Recht auf eine differenzierte Meinung hat.

Wer sie über die Jahre ein wenig genauer beobachtet hat, den überrascht die Entscheidung zur Freigabe der Abstimmung nicht allzu sehr. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sie selbst in dieser Frage liberaler denkt als ein Großteil ihrer Fraktion.

Es ist auch nicht so, dass sich dieses Land nun auf immer verändern wird. Oder dass die Mächte des "Strukturkonservatismus“ am heutigen Tage tödlich getroffen worden seien. Man würde sich in diesen Stunden wünschen, dass es manche Befürworter der "Ehe für alle“ mal eine Nummer kleiner haben.

Was heute zur "Sternstunde der Demokratie“ fehlte, war der gegenseitige Respekt im Umgang mit anderen Meinungen. Wer heute gegen die "Ehe für alle“ gestimmt hat, tat dies womöglich aus guten Gründen.

Die politische Willensbildung erfolgt im Rahmen von Diskussionen

Die Kanzlerin sagte zum Beispiel nach der Abgabe ihrer "Nein“-Stimme, dass sie für die völlige rechtliche Gleichstellung sei, die Definition der "Ehe“ im Grundgesetz aber anders verstehe. Das sollte man zumindest versuchen, nachzuvollziehen, bevor man das böse Wort vom "Opportunismus“ in den Mund nimmt.

Das Problem nämlich ist, dass politische Konzepte in einer Demokratie immer im Fluss sind. Die Willensbildung erfolgt im Rahmen von Diskussionen, und die gesellschaftlichen Mehrheiten können in 30 Jahren ganz andere sein als jetzt.

Jahrelang haben die Gegner der "Ehe für alle“ sich gegenüber den plausibelsten Argumenten verschlossen. Aus Prinzip. Dadurch haben sie unbewusst die "Ehe für alle“ möglich gemacht: Denn als sich die gesellschaftlichen Mehrheiten zugunsten der Befürworter verschoben hatten, blieb den Konservativen nichts mehr anderes übrig, als ihre Ansichten erfolglos gegen eine immer größere Zahl von Kontrahenten zu verteidigen.

Man kann nur hoffen, dass die Befürworter der "Ehe für alle“ nun nicht den gleichen Fehler machen. Denn Fairness im Umgang mit Andersdenkenden ist ein Zeichen von Stärke. Das gilt besonders dann, wenn man selbst für den Moment auf der Gewinnerseite der Geschichte steht.

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(jg)