Ein spießiger Berliner klagt über Lärm - die Antwort eines Nachbarn ist Thema im ganzen Viertel

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken
  • Ein Anwohner im Berliner Viertel Prenzlauer Berg hat sich über die Lärmbelästigung beschwert
  • Ein Nachbar hat nun auf die spießige Beschwerde mit einem Antwortbrief reagiert
  • Dessen Inhalt sorgt für Begeisterung - nicht nur bei anderen Berlinern

Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg kehrt keine Ruhe ein. Bereits seit Jahren herrscht dort ein erbitterter Kampf zwischen Einheimischen und Zugezogenen, insbesondere Schwaben.

Die alteingesessenen "Prenzberger“ fühlen sich durch die vielen "Neu-Berliner“ in ihrem eigenen Viertel nicht mehr wohl. Denn die unterschiedlichen Auffassungen von Ordnung, Lebensstil und - wie könnte es auch anders sein - Lärm kollidieren regelmäßig miteinander.

Dem Anwohner ist es zu laut, die Nachbarn sehen das anders

Der Brief eines frustrierten Anwohners hat nun die Gemüter weiter erhitzt. Grund seiner Empörung: das Nachtleben in dem Viertel und der damit verbundene Lärm.

Konkret: die Kulturbrauerei, eine Party-Institution, die mehrere Kneipen, Clubs und ein Kino vereint. Das Areal hat inzwischen eine Art Kultstatus und zieht besonders an den Wochenenden Feierwütige und Nachtschwärmer an.

Wer in der Nähe der Partymeile wohnt, hat daher zwei Möglichkeiten: Entweder er findet sich mit dem Lärm ab oder er zieht weg.

Ein Anwohner sah dies offensichtlich anders und verfasste aus Wut über den Lärm ein Schreiben, in dem er gegen die örtlichen Clubs skandierte. Mehr noch: Er gibt darin anderen Anwohnern Tipps, wie man gegen die angebliche Lärmbelästigung vorgehen soll.

Ein Auszug gefällig? Bitte: "Möglichst die Polizei anrufen und mit ihnen gemeinsam hingehen. Es reicht nicht aus, dass man sagt, die Kulturbrauerei ist zu laut.“

Der Verfasser der Schmähzeilen listet auch diverse Telefonnummern der Polizei auf und rät dazu, Lärmprotokolle anzufertigen. Dabei bezieht er sich auch auf die gesetzliche Nachtruhe von 22 Uhr. Blöd nur, dass er ausgerechnet in einem Szenekiez in Berlin lebt, wo es gar keine Sperrstunde an den Wochenenden gibt.

Die Facebook-Seite "Open Airs in Berlin“ hat den Brief des Anwohners veröffentlicht - und der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Viele Kommentatoren zeigten sich solidarisch mit der Kulturbrauerei und kritisierten, teilweise äußerst scharf, die überheblichen Manieren der "Zugezogenen“.

Am vergangen Dienstag folgte dann ein Antwortschreiben einer anonymen "Nachbarin“. Darin "dankt“ sie dem Anwohner, dass der Stadtteil wegen solcher "Durschnittsspießer“ langsam einen kulturellen Tod sterbe. Er habe mit dieser "Anleitung zum Petzen“ den "Kulturwürgepreis“ verdient.

Es hätten ohnehin schon viele Clubs und Kneipen in Berlin schließen müssen, der hippe Kiez avanciere zur "Schlafstätte für den Eingeborenen“ und aufgrund der immer teurer werdenden Mieten, sei eine Neuansiedlung von Kulturstätten ohnehin nicht mehr möglich. Stattdessen würde ein Coffeeshop nach dem anderen öffnen.

"Wo bleibt das Lebenswerte am Bezirk?"

Die anonyme Nachbarin spricht dabei ein Problem an, das in vielen deutschen Großstädten, besonders aber in Berlin, um sich greift. Denn durch den kulturellen Kahlschlag wird die psychische Vereinsamung in den Städten nicht unterbunden, sondern regelrecht gefördert.

Fakt ist: Infertile und schmucklose Wohnviertel haben Berlin nicht so charmant gemacht, wie es heute nunmal ist. Genau das hat die Autorin in ihrem Brief auf wunderbar ehrliche Weise in einer einzigen Frage zusammengefasst:

"Wo bleibt das Lebenswerte am Bezirk, wenn alles was Spaß und Freude bringt, vertrieben wurde?“

Hier noch der gesamte Brief im Wortlaut:

An den lärmgeplagten Anwohner

Lieber Anwohner,

wahrscheinlich ist es ihnen noch gar nicht aufgefallen, dass inzwischen nahezu alle Clubs den Bezirk aufgrund von Querulanten, wie Ihnen, entweder schließen mussten oder in andere Bezirke abgewandert sind. Beispielhaft kann man hier das Icon, den Magnet-Club und den Knack-Club nennen. Auch das Ballhaus Ost musste irgendwann seine famosen Partys einstellen. Inzwischen ist es soweit, dass die Bewohner eines Wohnhauses in der Kollwitzstraße sich durch den „Lärm“ eines Theaters gestört werden. So stirbt der Bezirk dank Menschen wie Ihnen langsam den kulturellen Tod und verkommt zur Schlafstätte für den eingeborenen oder zugezogenen Durchschnittsspießer. Die Mieten erlauben ohnehin keine Neuansiedlung von Kulturstätten, einzig der Kommerz feiert fröhlich Einstand und eröffnet den hundertsten Coffeeshop im Kiez.

Herzlichen Glückwunsch, mit ihrer Anleitung zum Petzen, gewinnen Sie den gerade neu ausgelobten Kulturwürgerpreis, der ihnen gerade im Angesicht der nachwachsenden Jugend des Bezirks hoffentlich die Schamesröte ins Gesicht treibt. Denn was zu Hölle sollen die ganzen Kinder hier mal machen, wenn sie endlich die Pubertät erreichen, nach Neukölln oder Friedrichshain zum feiern fahren, weil ihre Eltern sich auf ihr Ruhebedürfnis besonnen haben, nachdem sie in die Großstadt gezogen sind? Wo bleibt das Lebenswerte am Bezirk, wenn alles was Spaß und Freude bringt, vertrieben wurde?

An vielen Wohnungen hier an der Schönauer Allee fahren U-Bahn und Straßenbahn vorbei und das ist mit Sicherheit lauter, als jeder Club, der hier mit amtlich geregelter Anlage, denn das ist nicht nur die Regel, sondern der Standard, Musik in die Nacht entlässt. Sollte die BVG vielleicht auch deswegen verklagt werden, weil sie nach 22 Uhr noch Züge fahren lässt? Und sagen sie bloß nicht, das wäre aber notwendige Grundversorgung. Ihr Leben, in dem Kultur anscheinend keinen Stellenwert besitzt und demnach wohl eher nicht zur Grundversorgung gezählt wird, können sie gern auch in ruhigen Stadtrandanlagen oder ganz auf dem Land führen, ich wünsche ihnen viel Spaß dabei und würde auch anbieten, beim Umzug zu helfen.

Mit freundlichen Grüßen,

ein Nachbar

P.S.: Berlin hat übrigens nach wie vor keine Sperrstunde. Und das ist auch gut so

P.P.S: Zerbrochene Glasflaschen sind wirklich ein stetes Ärgernis, da hab ich für ihre Sorgen Verständnis.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(lk)

Korrektur anregen