Eine Grafik verrät, wie ungerecht die deutsche Bildungspolitik ist – doch niemand darf sie sehen

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Eine Grafik verrät, wie ungerecht die deutsche Bildungspolitik ist – doch niemand darf sie sehen | dpa
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  • Ein Bericht des Deutschen Studentenwerks zeigt, wie enorm die Chancenungleichheit in der Bildung ist
  • Der "Bildungstrichter" – eine bislang gängige Darstellung des Problems – wurde aus der Studie gestrichen
  • Dennoch zeigen die Zahlen: Junge Menschen aus Akademikerfamilien haben es deutlich leichter

An deutschen Hochschulen sind so viele Studenten eingeschrieben, wie noch nie. Das klingt zunächst gut: Ein Studienabschluss verspricht soziale Sicherheit, eine hohe Akademikerquote wirtschaftliche Stärke.

Doch die Rekordzahl an Studierenden verschleiert ein tiefgreifendes Problem im deutschen Bildungssystem: Es ist massiv ungerecht. Zu dem Schluss kommt die neue Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW).

Die besorgniserregende Erkenntnis: Junge Menschen aus einfachen sozialen Verhältnissen bekommen oft noch immer keine Chance, an einer Hochschule zu lernen.

Das wird nun deutlich, obwohl die Macher der brisanten Studie den Deutschen der Öffentlichkeit eine wichtige Grafik vorenthalten: den sogenannten “Bildungstrichter”. Dabei zeigt erst dieser das wahre Ausmaß des Problems.

Der "Bildungstrichter" wurde getilgt

Der “Bildungstrichter” illustriert seit rund zwanzig Jahren, wie viele von 100 Kindern, die ein Studium beginnen, aus Akademikerhaushalten stammen – und wie wenige aus Nicht-Akademikerhaushalten an Universitäten landen.

Oder bildlich gesprochen: Wie viele Menschen kommen unten aus dem Trichter als Akademiker heraus, wenn man oben je 100 Jugendliche aus jeder Bildungsschicht "hineinwirft".

Dieses Jahr ist die Grafik aus der Studie des Deutschen Studentenwerks verschwunden. "Es ist nicht verwunderlich, dass das Ministerium als Finanzier der Sozialerhebung Angst vor schlechten Zahlen im Wahljahr hat“, klagt der hochschulpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Kai Gehring, an.

Beim Ministerium für Familie und Bildung wehrt man sich gegen solche Vorwürfe. “Aus Gründen der Datenerhebung” sei der “Bildungstrichter” aus der Veröffentlichung gestrichen worden, erklärt Sprecherin Sibylle Quenett der HuffPost. Sie beteuert, das Bildungsministerium habe keinen Einfluss auf die Studie genommen.

Auch die bloßen Zahlen sind erschreckend

Tatsächlich lässt sich auch ohne die vielsagende Grafik erkennen, wie groß die Schieflage des Bildungssystems in Deutschland ist. So kommt laut der Sozialerhebung des DSW weniger als ein Zehntel der Studierenden aus einer Familie, in der die Eltern maximal über einen Volks- oder Hauptschulabschluss verfügen.

Dagegen sind etwa sechs von zehn Studierenden aus einem Elternhaus, in dem das Abitur der höchste Schulabschluss ist. Kurz gesagt: Die Bildungselite bleibt weitgehend unter sich.

Besorgniserregend ist auch eine andere Zahl. 1991, also vor 26 Jahren, lag die Quote von Studierenden aus Haushalten ohne schulische Bildung noch bei 29 Prozent.

"Das ist für ein wohlhabendes Land wie Deutschland nicht hinnehmbar", sagte Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, der HuffPost. Die Studie des DSW zeige, "dass Studierende aus ärmeren Elternhäusern enorm benachteiligt sind".

Heutzutage kommen ganze 52 Prozent der Studierenden aus einem Elternhaus mit einer “hohen oder gehobenen Bildungsherkunft”. Darunter verstehen die Studentenwerke einen Studienabschluss oder eine Fachausbildung.

Das zeigt: Deutschland wird in der Bildungspolitik nicht gerechter, sondern ungerechter. Die Universitäten sind zu Elfenbeintürmen der Akademiker verkommen.

Weniger als ein Drittel der Kinder werden erfolgreicher als die Eltern

Ganz neu sind diese Erkenntnisse nicht. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln zeigte im März: Nur 26,5 Prozent der jungen Deutschen unter 34 Jahren schaffen einen besseren Abschluss als der Vater - nur 34,8 Prozent einen besseren als die Mutter.

Laut einer Studie der OECD liegt Deutschland bei der sozialen Mobilität, also den Aufstiegschancen, unter den modernen Industrieländern auf einem absolut ernüchternden 21. Platz. Damit ist die Bundesrepublik auf demselben Niveau wie das wirtschaftlich kriselnde Portugal.

Die bittere Realität ist: Der Traum von einem besseren Leben bleibt in Deutschland einem Großteil der jungen Menschen aus einfacheren Verhältnissen verwehrt.

Doch woran liegt das? Auch darauf gibt die neue Studie des Deutschen Studentenwerks Antworten.

Die finanzielle Belastung steigt

So lassen die Zahlen der Sozialerhebung erahnen, dass vor allem die finanzielle Belastung dafür sorgt, dass sich viele Nicht-Akademikerkinder nicht für ein Studium entscheiden.

Statistisch haben Studenten zwar mehr Geld zur Verfügung als noch 2012. 930 Euro hat der Durchschnittsstudent pro Monat, vor 5 Jahren waren es nur 858 Euro.

Doch das liegt nur daran, dass eine kleine Spitzengruppe reicher wird. Das große Mittelfeld der Studenten hat weiter höchstens 800 Euro monatlich, zeigt die Befragung.

Gleichzeitig wachsen die Ausgaben für Studenten. 821 Euro müssen Studenten und Studentinnen in Deutschland monatlich im Schnitt berappen. Den größten Anteil macht dabei die Miete aus - schließlich steigt die in den großen Uni-Städten der Republik immer weiter an.

Gegen diesen Kostendruck kommt auch das BaföG nicht an. Nur 18 Prozent aller Studenten erhalten laut der DSW-Studie die staatliche Unterstützung - das ist die niedrigste Quote seit Beginn der 90er-Jahre.

Auch Grünen-Politiker Mutlu will beim BaföG ansetzen. Er fordert ein "Zwei-Säulen-Modell, das einen Studierenden-Zuschuss für alle und einen Bedarfszuschuss kombiniert".

Damit könnten Studierende aus einkommensschwachen Familien besser und gezielter unterstützt werden.

Auch die Motivation fehlt oft

Wer keine gut betuchten Eltern hat und aus den niedrigeren Einkommens- und Bildungsschichten stammt, der muss arbeiten - oder eben auf ein Studium verzichten.

Es ist aber nicht allein das Geld, das die Chancengleichheit in Sachen Bildung in Richtung der Reichen verzerrt. Auch soziologische Gegebenheiten spielen eine wichtige Rolle.

"Studieninteressierte, die keine Vorbilder in ihrer Familie haben, schöpfen zu selten ihre Potenziale aus”, sagt Katja Urbatsch, Gründerin und Geschäftsführerin des Vereins ArbeiterKind, der sich dafür einsetzt, mehr Menschen aus einfachen Verhältnissen zu einem Studium zu verhelfen.

In diesen führe das angesprochene Informationsdefizit dazu, dass vielen jungen Menschen wenig über Finanzierungsmöglichkeiten, Stipendien, Studienorganisation und ‐ablauf wüssten.

"Diese Menschen brauchen Selbstvertrauen"

“Ohne diese Informationen und die Motivation, Hürden auf dem Weg zum Studium zu nehmen, schlagen viele Studieninteressierte aus Familien ohne akademische Tradition einen niedrigeren Bildungsweg ein”, sagt Urbatsch.

Es braucht also nicht nur höhere und fairer verteilte Einkommen und Vermögen, um mehr Menschen aus ärmeren und bildungsfernen Haushalten ein Studium zu ermöglichen.

Urbatsch glaubt: “Diese Menschen brauchen Ermutigung und Selbstvertrauen, um ihre Bildungschancen wahrzunehmen.”

Dahinter verbirgt sich auch ein Appell an die Politik.

Denn nur wenn die Regierung umdenkt – und nicht länger versucht, die Ungerechtigkeit unter den Tisch zu kehren, kann sich auch die Gesellschaft wandeln.

Vielleicht klappt es dann auch wieder – mit dem Trichter.

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(ll)

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