Warum das neue Cannabis-Gesetz tausende Schmerzpatienten wütend macht

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CANNABIS
Natalie B.: "Ich will mich nicht wegknallen, sondern nur meine Schmerzen lindern" | HuffPost
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  • Seit Kurzem dürfen Ärzte Cannabis zur Therapie verschreiben
  • Der Fall von Natalie B. zeigt, vor welche enormen Probleme tausende Patienten gestellt werden
  • Viele finden keinen Arzt, der ein Rezept ausstellt, etliche Krankenkassen verweigern die Kostenübernahme und die Preise steigen

Für Natalie B. beginnt jeder Tag mit Schmerzen. Die Münchnerin wurde mit einer Degeneration der Knochen und Gelenke geboren. Dazu kommen noch Spastiken und eine Verkrümmung der Wirbelsäule.

"Ich lebe seit 40 Jahren mit Schmerzen. Jedes Jahr wird es schlimmer", beklagt B. Jahrelang habe sie Ärzte abgeklappert, keiner habe ihr helfen können. Irgendwann habe sie aufgehört Schmerzmittel zu nehmen. Die Nebenwirkung seien einfach zu groß gewesen. "Ich klammere mich an jeden Strohhalm, wie das medizinische Cannabis."

Fast unmöglich in München einen Arzt zu finden, der ein Rezept ausstellt

Seit dem 10. März darf jeder Arzt Cannabis verschreiben. Davor war das nur mit einer Sondererlaubnis möglich. Eigentlich sollte das neue Gesetz die Anwendung vereinfachen - doch das Gegenteil ist eingetreten. Tausende Schmerzpatienten stehen wie B. vor enormen Problemen.

Die 40-Jährige beklagt: "Es ist quasi unmöglich, in München einen Arzt zu finden, der mir ein Rezept ausstellt." Sie habe schon Ärzte erlebt, die sehr ablehnend reagierten. "Aber ich will mich nicht wegknallen oder Spaß haben. Ich will einfach nur etwas mehr Lebensqualität und meine Schmerzen lindern", sagt sie.

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Oliver Tolmein kennt das Problem. "Es gibt noch zu wenig Ärzte, die medizinisches Cannabis verschreiben. Das ist allerdings kein Wunder, schließlich war es bis vor kurzem gar nicht möglich, Cannabis zu verschreiben", erklärt der Anwalt, der auf Medizin- und Behindertenrecht spezialisiert ist. Zudem tragen die Ärzte die volle Verantwortung - auch das schreckt einige Mediziner ab.

Endlich schmerzfrei mit Cannabis

Tolmein vertritt zahlreiche Cannabis-Patienten bei Rechtsstreitigkeiten. Er sagt: "Die größten Probleme liegen nicht bei den Ärzten, sondern bei den Krankenkassen, die trotz des neuen Gesetzes, die ärztliche Verordnung von Cannabis-Medikamenten nicht genehmigen." Denn laut den rechtlichen Bestimmungen darf der Antrag "nur in begründeten Ausnahmefällen" abgelehnt werden - doch die Realität sieht anders aus.

Auch bei Thorsten P. weigert sich die Krankenkasse, die Kosten für Cannabisblüten zu übernehmen. Der 46-Jährige ist an Multipler Skleros erkrankt. "Seit Anfang der 2000er leide ich schon unter zunehmenden Schüben von Schmerzen, sodass ich mich teils wochenlang gar nicht mehr bewegen kann." Herkömmliche Schmerzmittel hätten bei ihm nicht funktioniert. P. probierte schließlich in den Niederlanden Cannabis aus.

Das Resultat: "Ich war vier bis fünf Stunden schmerzfrei und konnte auch wieder wesentlich besser schlafen."

Deshalb stehe sein Arzt voll hinter ihm. "Er hält Cannabis für das perfekte Mittel gegen meine Spastiken und Schmerzen. Das begründete er auf drei Seiten", sagt P. Trotzdem stellte sich die Krankenkasse quer. Er schimpft: "Es kann nicht sein, dass wir von den Krankenkassen verarscht und als asoziale Kiffer dargestellt werden."

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Er ist kein Einzelfall, bestätigt der Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin auf Anfrage der HuffPost. Ebenso zeigt eine aktuelle Erhebung des "Deutschen Ärzteblattes", dass die Krankenkassen bis zu 50 Prozent der Anträge ablehnten.

"Es ist Kalkül einiger Kassen, die Genehmigung der ärztlichen Verordnung von Cannabis möglichst schwer und abschreckend zu machen", glaubt Rechtsanwalt Tolmein. "Auch, um die Menschen zu entmutigen, diesen Weg zu gehen."

Krankenkassen: "Gesetz ist viel zu offen formuliert"

Die Sprecherin des Spitzenverbands Bund der Krankenkassen kennt den Vorwurf. Sie könne zu den Leistungsentscheidungen einzelner Krankenkassen nichts sagen. "Wir haben dazu keine Daten." Sie unterstreicht: "Jeder Fall muss individuell bewertet werden, man kann keinen Automatismus ableiten."

Allerdings gesteht auch die Verbandssprecherin, dass das Gesetz "aus Patientensicht viel zu offen formuliert" ist. Das stelle Patienten, aber auch Ärzte und Krankenkassen vor Probleme.

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Aus Sicht von Franjo Grotenhermen ist das Hauptproblem der Preis von Cannabis. "Dieser habe sich seit der Gesetzesänderung von 12 bis 15 Euro auf 20 bis 25 Euro je Gramm verdoppelt. Damit hat die Bundesregierung ihr Versprechen nicht gehalten", klagt der Arzt, der sich für die Zulassung von Cannabis als Medizin stark gemacht hat.

Kanada zeigt, wie es laufen könnte

"Am Preis hängt sehr viel", erklärt Grotenhermen. Wenn die Kosten niedriger wären, würden sich auch weniger Krankenkassen sperren. "Ein Problem ist, dass Apotheker mindestens 100 Prozent auf den Einkaufspreis draufschlagen, weil das so in der Arzneimittelpreisverordnung festgelegt ist. Deswegen werden die Kosten auch dann nicht stark sinken, wenn das Cannabis in Deutschland hergestellt wird."

Bisher wird medizinisches Cannabis zu hundert Prozent importiert, aus der Niederlande und insbesondere aus Kanada.

Gerade das nordamerikanische Land könnte ein Vorbild sein: Dort werden relativ problemlos Ausnahmeregelungen ausgestellt. Es gibt etwa 30 Firmen, die Cannabis vertreiben, sodass die Kosten mit etwa fünf Euro pro Gramm niedrig sind. Und man darf selbst anbauen.

"In Deutschland ist es dagegen ein riesiger Verwaltungsakt, gerade für die Ärzte selbst", erklärt Grotenhermen. "Und weil das Cannabis so teuer ist, sind die Ärzte hierzulande auch von höheren Regressforderungen bedroht." Sie tragen schließlich die Verantwortung.

Natalie B. hat mittlerweile in speziellen Selbsthilfegruppen im Internet nach Ärzten gesucht. Sie ist optimistisch, dass sie bald ein Rezept bekommt. Dann muss nur noch die Krankenkasse mitspielen.

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(ll)

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