Facebook sagt "Hate-Speech" den Kampf an - doch das scheint ein nahezu auswegloser Kampf zu sein

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FACEBOOK ZUCKERBERG
Mark Zuckerberg von Facebook hat versprochen, mehr gegen "Hate-Speech" tun zu wollen. | Stephen Lam / Reuters
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  • Facebook hat in einem Blog-Beitrag Einblicke in seinen Kampf gegen Hass im Netz gewährt
  • Das Unternehmen will bis zu 3000 neue Mitarbeiter einstellen, die gegen "Hate-Speech" vorgehen sollen
  • Gleichzeitig rechtfertigt sich Facebook dafür, dass auf Hassbotschaften in dem sozialen Netzwerk oft nicht reagiert wird

Jeder von uns ist schon einmal damit konfrontiert worden: In Facebook und anderen sozialen Netzwerken rufen Menschen zur Gewalt gegen Einwanderer auf, verunglimpfen ganze Religionsgruppen, schüren Hass gegen Homosexuelle.

Wer solchen "Hate-Speech" an Facebook meldet, bekommt oftmals eine nebulöse Antwort des Internet-Konzerns. Zu oft geschieht dann schlicht gar nichts, die Nutzer können weiter das Internet mit ihren Hass-Parolen verseuchen.

Der Druck auf Facebook wächst, schlagkräftig gegen diese "Hate-Speech" vorzugehen - und klarer zu zeigen, was man bereits tut. Ein Stück weit ist die Technologiefirma dem nun nachgekommen.

Am Dienstag veröffentlichte Facebook in einem Blog Informationen dazu, wie das Unternehmen die Hassbotschaften aufspürt und was es dagegen unternimmt. Doch wer das Dokument genauer liest, der stellt fest: Facebook versucht sich schlicht dafür zu rechtfertigen, weshalb oft rein gar nichts unternommen wird.

Was ist "Hate-Speech" überhaupt?

Denn vielmals sei es gar nicht klar, was "Hate-Speech" überhaupt ist.

Facebook sagt, oftmals wisse man nicht, wie ein Wort in einem Post genau verwendet wird, was der Kontext ist, weshalb der Verfasser gerade dieses Wort wählte. Je nach Situation könne ein Wort dazu verwendet, um zu Hass aufzurufen - oder eben nicht.

Facebook zeigt sich bewusst, dass etwas geschehen muss. Gerade auch, da in Ländern wie Deutschland die Politiker damit drohen, schärfer gegen das Unternehmen vorzugehen, sollte Facebook nicht mehr gegen "Hate-Speech" tun.

Im Blog-Beitrag verspricht das Unternehmen für einen Kurswechsel zu sorgen: Es will im nächsten Jahr bis zu 3000 neue Mitarbeiter beschäftigen, die problematische Posts sichten. Derzeit beschäftigt der Konzern 4500 Leute in diesem Bereich.

Doch wird es für Facebook schwierig sein, die Hassreden tatsächlich aus dem sozialen Netzwerk zu verbannen. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Das Entfernen von "Hate-Speech" ist psychisch sehr belastend. Verschiedene Medien berichteten bereits von der teilweise traumatisierenden Arbeit, die Hasskommentare sowie Bilder und Videos zu sichten. Die Mitarbeiter halten das nur durch, wenn sie psychologische Unterstützung erhalten.

Die "Hasser" werden nicht tatenlos bleiben. Denn, so kennt man es etwa auch vom Kampf gegen das organisierte Verbrechen oder den Terrorismus: Die Täter ändern ihre Methoden, wenn sie feststellen, dass Gesetze geändert wurden oder diese nun rigider durchgesetzt werden.

Beim Thema "Hate-Speech" ist etwas denkbar, dass die Täter vermehrt Codes verwenden, um Minderheiten anzugreifen. Und so der Verfolgung durch Facebook und der Polizei entgehen. Ihre Unterstützer wissen dann aber genau, wer im Post gemeint ist. So werden bereits heute nach Deutschland gekommene Asylbewerber in Internetforen als "Merkels Gäste" bezeichnet.

Geht Facebook zu weit, werden Kritiker dem Unternehmen Zensur vorwerfen. Denkbar ist auch, dass Despoten versuchen, oppositionelle Kritik als "Hate-Speech" zu brandmarken. Und dann Druck auf Facebook ausüben, die Protest-Posts von der Plattform zu verbannen.

Facebook ist schlicht zu beliebt. Gerade hat das Unternehmen angekündigt, nun mehr als zwei Milliarden Nutzer zu haben. Vor fünf Jahren waren es nur halb so viele. Das bedeutet auch: Abertausense von Menschen hinterlassen jeden Tag Posts, die potenziell "Hate-Speech" sind. Facebook sagt, man entferne jede Woche rund 66.000 Posts wegen "Hate Speech".

Explizite Darstellung von Gewalt, Krieg und Missbrauch kann auch dazu dienen, etwas dagegen zu tun. Auch hier ist der Kontext des Posts zentral, etwa, ob der Verfasser das Geschehen im geteilten Video gutheißt oder aber seine Freunde dazu aufruft, endlich etwas dagegen zu tun. Auch hier ist es für Facebook schwierig zu unterscheiden, ob jemand für oder gegen das Dargestellte ist.

Das Unternehmen setzte in den vergangenen Jahren stark auf die Funktion "Facebook Live", über die Nutzer in Echtzeit Videos streamen können. Wer gerade an einem Konzert oder einer Flugshow ist, will natürlich, dass das Video augenblicklich hochgeladen wird. Leider gab es aber auch Nutzer, die einen Mord oder ihren eigenen Suizid über "Facebook Live" verbreiteten. Für das Unternehmen ist es schwierig, möglichst schnell solche Videos zu erkennen und zu sperren.

Was in einem Land als "Hate-Speech" gilt und auch illegal ist, muss es nicht in einem zweiten Land sein. Facebook sieht sich damit konfrontiert, dass Länder in ihren Gesetzen unterschiedlich definieren, was Hassreden sind und was nicht.

Selbst in derselben Sprache muss das selbe Wort nicht überall das Gleiche bedeuten. Facebook gibt im Blog ein gutes Beispiel dafür: So kann es in einem Post heißen: "Burn all fags". Im amerikanischen Englischen ist "fag" ein beleidigendes Wort für Schwule. Der Post wäre also klar "Hate-Speech", da zu Gewalt gegen Schwule aufgerufen wird.

Im britischen Englisch bedeutet "fag" hingegen auch "Zigarette". "Burn all fags" in einem Post könnte also schlicht bedeuten, dass ein Nutzer öffentlich auf Facebook verspricht, alle seine Zigaretten zu verbrennen und zum Nichtraucher zu werden. Erneut zeigt sich: Der Kontext ist entscheidend.

Es geht nicht nur um die Verfasser der Posts und Videos. Vielmehr kann jemand auch einen Beitrag teilen und dabei zu Gewalt aufrufen. Aber was ist, wenn jemand etwa ein "Like" unter einen Post setzt, in dem Muslime verunglimpft werden? Macht er sich dann auch des "Hate-Speech" schuldig? Oder wollte er nur seine Freunde darauf hinweisen, wie verbreitet Hass im Internet ist?

Die Beispiele zeigen, wie schwer, ja, nahezu unmöglich es ist, Hass aus dem Internet zu löschen. Facebook muss gegen "Hate-Speech" vorgehen. Dabei droht dem Unternehmen aber, zum Opfer des eigenen Erfolges zu werden.

Denn wir alle wollen in dem Netzwerk unsere Fotos und Videos teilen, anderen unsere Meinung zeigen und durch ein "Like" oder "Share" Unterstützung signalisieren. Die Datenflut, die so entsteht, lässt sich immer weniger bändigen - und macht es Facebook ausgesprochen schwierig, den Hass herauszufiltern.

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(jg)

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