"Ehe für alle": Der letzte Kampf der Konservativen hat begonnen

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MERKEL KAUDER
"Ehe für alle": Der letzte Kampf der Konservativen hat begonnen | Getty
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  • Einige Unions-Mitglieder wehren sich gegen die Ehe für alle
  • Dabei ist die Ehe - auch für Homosexuelle - eine höchst konservative Idee
  • Das zeigt: Die Bedeutung von "konservativ" muss sich endlich wandeln

Zugegeben: Es ist ein bisschen schwierig zu erklären, was in Deutschland "konservativ" zu sein bedeutet. Das liegt auch an den Partei-Konservativen selbst.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten behaupten Unionspolitiker beispielsweise, dass es gut zusammenpasse, "in gesellschaftlichen Dingen“ konservativ zu sein, aber "in wirtschaftlichen Fragen" liberal. Was für ein Irrtum in Zeiten, da die Fliehkräfte des Kapitalismus Werte wie Heimat und Familie infrage stellen.

So sind vielen Konservativen über die Jahre nur noch einige Symbolthemen geblieben, mit denen sie sich selbst erklären, was "konservativ sein" heißt. Die Wehrpflicht gehörte lange dazu, die Gegnerschaft zur doppelten Staatsbürgerschaft, aber auch - aus einem wirtschaftsliberalen Impuls heraus - das Bekenntnis zur Atomkraft, mit dem man sich so schön von den Grünen abgrenzen konnte.

All diese Themen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in den vergangenen Jahren abgeräumt.

Die Aussetzung der Wehrpflicht könnte ihr eines Tages auf die Füße fallen – auch deswegen, weil die Rekrutierung von neuen Soldaten bisher eher schleppend verläuft. Doch beim Doppelpass und dem Ausstieg aus der Kernenergie weiß sie weiterhin gesellschaftliche Mehrheiten hinter sich.

So ist es auch bei dem jüngsten Vorstoß der Kanzlerin zur "Ehe für alle".

Die meisten Deutschen wollen die "Ehe für alle"

Zwei Drittel der Deutschen wünschen sich, dass auch homosexuelle Paare künftig den Bund der Ehe eingehen können. Mit allen Rechten, aber auch allen Pflichten.

Im Grunde ist das eine höchst konservative Idee: Wenn Liebende sich nach fester Bindung sehnen und füreinander Verantwortung übernehmen wollen. Eigentlich müsste sich gerade die Union für solche Lebensentwürfe einsetzen.

Doch in der Union rumort es. Viele Unions-Konservative hängen offenbar an einem Familienbild, das schon seit Jahrzehnten nicht mehr mit den gesellschaftlichen Realitäten zusammenpassen will.

Mehr noch: Die Gegnerschaft zur "Ehe für alle" ist für sie eines der letzten Symbolthemen, mit denen sie sich selbst behelfen, wenn es um die Abgrenzung von politischen Gegnern geht.

Der letzte Verteidigungskampf hat begonnen

Der frühere Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) rastete am Mittwoch auf Twitter aus: Er warnte vor der "Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung" durch die "Ehe für alle".

Die Emotionalität, mit der diese Debatte geführt wird, sagt mehr über Partei-Konservativen aus, als denen lieb sein kann.

Mehr zum Thema: CDU-Politiker Michael Kretschmer argumentiert gegen die Ehe für alle - und redet sich um Kopf und Kragen

Was gerade stattfindet, ist ein letzter Verteidigungskampf jener, die sich in den vergangenen Jahrzehnten allzu bequem in ihrer Ideenwelt eingerichtet haben. Gesellschaftlich konservativ, wirtschaftlich liberal. Hinterfragt hat das kaum jemand von ihnen, schließlich hat die Abgrenzung von anderen ja lange Zeit über die Symbolthemen gut funktioniert.

Zur Fairness sei erwähnt: Wahrscheinlich hätte sich die Kanzlerin ohne den Druck von außen nie bewegt. Auch sie hat sich allzu bereitwillig den zweifelhaften Selbstbildern der Partei-Konservativen gefügt.

Dass diese Strukturen so lange überleben konnten, liegt auch daran, dass es in der Union viel zu lange keine ehrliche Debatte darüber gegeben hat, was christdemokratische Politik im 21. Jahrhundert wirklich heißt.

Der Konservatismus driftet in die Verlogenheit ab

Es ist Zeit, dass sich das ändert. Konservativ sein, das kann auch heißen, dass man eine Haltung verfolgt. Und zwar stringent durch alle Lebensbereiche.

Dazu zählt, dass man Werte vor den Kräften der Globalisierung schützt. Oder auch, dass man Homosexuellen, die sich nach konservativen Lebensmodellen sehnen, die gleichen Rechte und Pflichten einräumt wie Heterosexuellen auch.

Ansonsten droht der Konservatismus in Deutschland schnell in die Verlogenheit abzudriften.

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(ll)