Die Medien feiern die Ehe für alle und Merkels politischen Schachzug - nur die "FAZ" will die Zeichen der Zeit nicht erkennen

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Die Medien feiern die Ehe für alle - und Merkels politischen Schachzug. Nur "FAZ" will die Zeichen der Zeit nicht erkennen | Getty
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  • Angela Merkel hat ihr Nein zur Homesexuellen-Ehe widerrufen - und den Fraktionszwang der Union aufgehoben
  • Damit steht ein Beschluss der Ehe für alle im Bundestag kurz bevor
  • Die Medien feiern den gesellschaftlichen Fortschritt - zumindest die meisten

Am Ende ist alles ganz schnell gegangen. Grüne, SPD und FDP versuchten mit der Ehe für alle Kanzlerin Angela Merkel die Pistole auf die Brust zu setzen. Doch die wischte die Koalitionsbedingung einfach zur Seite.

Erst war die CDU-Chefin am Montagabend vom "Nein" ihrer Partei Ehe für alle abgerückt, am Dienstagnachmittag hob Merkel den Fraktionszwang für eine mögliche Abstimmung darüber im Bundestag auf.

Dutzende Mal wurde ein Beschluss über die Homosexuellen-Ehe verschoben - jetzt ist sie fast beschlossene Sache. Die großen Medien feiern den gesellschaftlichen Fortschritt und thematisieren Merkels politisches Geschick. Alle, bis auf die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

"Coup der Kanzlerin"

Die Kanzlerin hat drei Monate vor der Bundestagswahl einen "Coup" gelandet, betont "De Telegraaf". "Angela Merkel überrascht erneut Freund und Feind, indem sie die Tür für die Homoehe öffnet", so die niederländische Tageszeitung. "Indem sie nun mit einer moderneren gesellschaftlichen Sichtweise auftritt, nimmt Merkel ihrem Gegenspieler den Wind aus den Segeln."

Für die "Stuttgarter Zeitung" war es ein "kluger Schachzug". Merkel habe zwar die Konservativen in ihrer Partei düpiert, aber CDU und CSU mittelfristig den Machterhalt sichert.

Merkel habe "die Kehrtwende geschickt verpackt", urteilt die "Freie Presse" aus Chemnitz. Aus einem potenziellen Streitthema im Wahlkampf habe sie die Luft rausgelassen. Die "Freie Presse" euphorisch: "So geht Politik, kann man da nur sagen".

"Endlich erlebt das großkoalitionär erlahmte Berlin (...) wieder ein Lehrstück in Dynamik, Brisanz und Tücke, in Angriff und Konter", freut sich auch die "Berliner Morgenpost".

"Merkel schleift gnadenlos christlich-konservative Bastionen"

Aus Sicht der Magdeburger "Volksstimme" war die Merkels Sinneswandel eine typische Aktion der Kanzlerin: "Bloß nicht vorneweg marschieren, sondern dem eigenen Stil treu bleiben - das hat bisher immer funktioniert." Anschauen, analysieren, ausnutzen - nach diesem Dreiklang werde Deutschland seit 2005 regiert.

"Wenn sich andere Parteien dafür starkmachen, jeden familiär nach seiner Fasson leben zu lassen, und die Umfrage-Mehrheit das genauso sieht, schleift die CDU-Chefin gnadenlos christlich-konservative Bastionen", betont die "Volksstimme". Sie warnt: "Die Grundsätze werden auf dem Altar der Macht geopfert. Bis keiner mehr übrig ist."

Doch letztendlich führe Merkel ihre Partei "unbeirrt in die politische Mitte", unterstreicht die Lüneburger "Landeszeitung". "Da kann auch der CSU-Ramsauer Peter zetern, (...) die Ehe für alle ist nicht mehr und nicht weniger als das gesellschaftspolitische Ankommen in der Gegenwart."

Die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") warnt aber, dass "ein nicht unerheblicher Teil" der Union das Vorhaben ablehnen wird. Zudem sieht die Münchner Zeitung kommen, dass konservative Abgeordnete nach der Abstimmung das Bundesverfassungsgericht anrufen werden mit dem Antrag, die Ehe als exklusive Verbindung von Mann und Frau zu erhalten.

Doch die "SZ" stellt klar: "Die Ehe exklusiv nur als Ehe von Mann und Frau? Das ist nicht göttlich, das ist nicht menschlich; das ist falsch."

"Nur die Verbindung von Mann und Frau bringt Kinder hervor"

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") sieht das komplett anders. +

Laut dem Blatt gebe es einen sachlichen Grund für eine verfassungsrechtliche Differenzierung: "Nur die Verbindung von Mann und Frau bringt Kinder hervor." Daran würden weder der technischer Fortschritt noch politische Mehrheiten etwas ändern. "Die Keimzelle der Gesellschaft ist nicht das Reagenzglas", mosert die "FAZ".

Fast trotzig schreibt die Zeitung: "Da kann man diese Institution (die Ehe; die Redaktion) freilich gleich ganz abschaffen."

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(jg)

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