"Copenhagenize!": Jan Gehl will die Städte den Fahrradfahrern und Fußgängern zurückgeben

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Fahrradfahrer in Kopenhagen | Getty
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  • Kopenhagen gilt als eine der lebenswertesten Städte der Welt
  • Jan Gehl hatte als Stadtplaner maßgeblichen Anteil daran
  • Er glaubt, dass es vor allem eine Sache ist, die Städte lebenswert macht

Jan Gehl will nicht weniger als eine Revolution anzetteln - und zwar weltweit.

Wer den 80-Jährigen kennenlernt, würde ihn nicht für einen Rebellen halten: randlose Brille, kurzes schütteres Haar, Jacket. Und doch verändern Gehls Ideen Metropolen rund um den Globus gerade radikal. Gehl ist Stadtplaner und er steckt hinter dem Aufstieg Kopenhagens zu einer der lebenswertesten Großstädte.

“Architekten müssen sich für Menschen begeistern”, sagt Gehl. Für die Menschen, die in den Städten leben.

Seit mehr als 50 Jahren gestaltet er die Verwandlung von Kopenhagen als Berater mit.

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Jan Gehl; Credit: gehlpeople.com

Kopenhagen setzt seit Jahren auf alternative Verkehrsmittel - und ist damit inzwischen Vorbild für Städte auf der ganzen Welt geworden.

Fahrrad ist Verkehrsmittel Nr. 1 in Kopenhagen

Mehr als 134 Millionen Euro investierte Kopenhagen in den vergangenen zehn Jahren in die Rad-Infrastruktur. Die Folge dieser Anstrengungen: Die skandinavische Metropole wurde kürzlich zum wiederholten Mal zur fahrradfreundlichsten Stadt gewählt. Inzwischen nutzen mehr Menschen in Kopenhagens Innenstadt das Fahrrad als das Auto.

“Es hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, in nachhaltigen Verkehr zu investieren”, sagt Gehl. “Copenhagenization” nennt er diesen Prozess.

Mehr zum Thema: So sieht das wohl fahrradfreundlichste Haus der Welt aus

Gehl beschäftigt mehr als 30 Mitarbeiter in seinem Büro in Kopenhagen - und trägt seit Jahren als Berater für Millionenstädte seine grünen Ideen aus Dänemark in die ganze Welt. Zu seinen Kunden gehören unter anderem Schanghai, New York, Almaty in Kasachstan, Singapur, St. Petersburg, Melbourne, Stockholm und Zürich.

Konkret sieht Gehls Verkehrsrevolution so aus: Wer durch Kopenhagen radelt, genießt den Luxus breiter Fahrradwege, zahlreicher Fahrrad-Werkstätten und sogar einer grünen Welle, bei einer Geschwindigkeit von 20 Kilometer pro Stunde.

"Fahrrad soll eine neue Blütezeit erleben"

Im Sommer 2016 wurde außerdem die Innerhafenbrücke eröffnet, das letzte Teilstück einer 13 Kilometer langen, autofreien Ringstrecke durch den Hafen.

Nur noch neun Prozent der Kopenhagener nutzen das Auto, um zur Arbeit oder in die Schule zu kommen. 62 Prozent nehmen das Fahrrad.

“Zu Beginn des 20. Jahrhundert war das Fahrrad das beliebteste Fortbewegungsmittel”, erklärt Gehl. Erst als Automobile für die breite Masse bezahlbar wurden, habe es seinen Status verloren.

“Wir wollen dem Fahrrad zu einer neuen Blütezeit verhelfen. Momentan sieht es so aus, als würde uns das gelingen.”

"Die Menschen erleben die Stadt wieder viel bewusster"

Nachhaltige Mobilität bedeutet für Gehl aber nicht nur Radfahren, sondern auch, dass mehr Menschen zu Fuß gehen.

In Kopenhagen gibt es seit einigen Jahren Bemühungen, die Stadt für Fußgänger nicht nur sicherer zu machen – etwa durch mehr Zebrastreifen und Fußgängerampeln –, sondern auch spannender.

Im hippen Stadtteil Nörrebro findet sich beispielsweise der Spielplatz Superkilen. Auf einer Fläche, die der Größe von vier Fußballfeldern entspricht, können kleine und große Besucher Basketball spielen, durch Halfpipes sausen, schaukeln und rutschen.

“In Kopenhagen beobachten wir seit Jahren eine Wiederauferstehung einer Kultur des öffentlichen Lebens”, erzählt Jan Gehl. “Die Menschen erleben die Stadt wieder viel bewusster und ziehen sich nicht unmittelbar nach Feierabend in ihre eigenen vier Wände zurück.”

Das habe auch einen positiven Effekt auf das Miteinander. “An öffentlichen Plätzen kommen verschiedene Menschen zusammen. Das ist wichtig für die soziale Inklusion”, sagt der Stadtplaner.

Eine lebenswerte Stadt ist auch eine gesunde Stadt

Mehr Bewegung und mehr Zeit an der frischen Luft haben nicht nur zu einer größeren Zufriedenheit der Bevölkerung geführt. Sie sind auch gesundheitsfördernd.

“Krankenkassen verzeichnen eine positive Auswirkung auf die Gesundheit ihrer Kunden. Die Menschen in Kopenhagen sind seltener krank”, so Gehl.

Ein Grund mehr, weshalb es sich lohnt, mehr und mehr Städte zu “kopenhagenisieren”.

Und das sehen auch die Verantwortlichen in den Rathäusern weltweit so.

London will in den kommenden Jahren Hunderte Millionen Euro in die Fahrradinfrastruktur investieren, Paris erklärt ganze Teile der Innenstadt zur Tempo-30-Zone, Berlin setzt ein Fahrradgesetz auf, das das Auto faktisch zum Verkehrsmittel Nr. 2 degradiert.

Bis andere Städte allerdings so weit sind wie Kopenhagen, ist es noch ein weiter Weg - auf dem Menschen wie Gehl unverzichtbar sind.

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(lk)