US-Journalist behauptet: Trump soll Syrien ohne Belege für Assads Giftgas-Angriff bombardiert haben

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DONALD TRUMP
Recherche eines US-Journalisten: Trump ließ Syrien angreifen, obwohl alle Berater dagegen waren | getty
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  • Laut den Recherchen eines US-Journalisten soll US-Präsident Trump Syrien im April entgegen dem Rat des Militärs angreifen lassen haben
  • Seine Berater hätten nämlich daran gezweifelt, dass das syrische Regime zuvor Giftgas eingesetzt hatte
  • Doch die Recherche des Journalisten ist zweifelhaft

Am 6. April schlagen 59 US-Marschflugkörper auf einem syrischen Flugfeld ein. US-Präsident Donald Trump verließ damit seine außenpolitische Linie - und griff direkt in den Bürgerkrieg in Syrien ein.

Das Ziel des Bombardements war es, Vergeltung für einen mutmaßlichen syrischen Giftgas-Angriff zu verüben. In der syrischen Stadt Khan Sheikhoun waren zuvor Dutzende Menschen durch einen Luftschlag der syrischen Luftwaffe gestorben.

Der US-Journalist Seymour Hersh berichtet in einer Recherche in der "Welt am Sonntag" nun aber: Trump habe sich entgegen dem Rat der Geheimdienste und des Militärs zu dem Angriff entschieden. Seine Berater hatten Zweifel, dass der syrische Giftgas-Anschlag wirklich stattgefunden hatte.

Trump habe sich von den Bildern der toten Kinder aus Khan Sheikhoun täuschen lassen, so das Fazit von Hershs Analyse. An seiner Recherche gibt es aber ebenfalls große Zweifel.

Hersh: Syrien wollte Dschihadisten treffen

Die Theorie des Giftgas-Anschlags erscheint für Hersh zweifelhaft, weil die USA über den geplanten syrischen Luftangriff am 4. April informiert waren.

Dafür hätten die Russen den syrischen Truppen eine gelenkte Bombe mit konventionellem Sprengstoff zur Verfügung gestellt. Ziel sei ein Treffpunkt von Dschihadisten gewesen. Diese Informationen hätten die US-Truppen von Russland erhalten.

Stunden nach dem Angriff zirkulierten dann bereits die bekannten Bilder aus Khan Sheikhoun. Darauf zu sehen: Verletzte und tote Zivilisten, darunter Kinder, einige mit Schaum im Mund. Der Verdacht eines Giftgas-Angriffes lag nahe. Dabei sei die Herkunft der Fotos unklar gewesen, wie Hersh in der "WamS" berichtet.

Die giftigen Gase, so behauptet Hersh weiter, seien ausgetreten, weil der Luftschlag ein Lager mit Düngemitteln getroffen habe.

Trump habe sich vom Angriff nicht abbringen lassen

Er schreibt: "Die 500-Pfund-Bombe löste durch ihre Druck- und Hitzewelle weitere, kleinere Explosionen aus. Dabei entstand eine gewaltige giftige Wolke, die sich über der Stadt ausbreitete. Diese Wolke bestand aus freigesetzten Düngemitteln, Desinfektionsmitteln und anderen Stoffen, die im Keller gelagert worden waren."

Das gehe aus einem Bericht des US-Militärs hervor.

Über die Erkenntnisse hätten Trumps Berater den US-Präsidenten informiert. Doch der habe sich nicht mehr von seinem Verdacht, der syrische Machthaber Baschar al-Assad habe zu Giftgas gegriffen, abbringen lassen.

"Der Präsident hatte die Bilder der vergifteten kleinen Mädchen gesehen und sagte, es wäre eine von Assads Gräueltaten,“ zitiert Hersh einen Sicherheitsberater. "Das ist typisch für die menschliche Natur. Man zieht voreilig die Schlüsse, die man ziehen will."

Die Analysten der Nachrichtendienste hätten dann nicht mit dem US-Präsidenten diskutieren wollen. "Ein Analyst wird dem Präsidenten nicht sagen: 'Wenn Sie die Informationen in dieser Weise interpretieren, kündige ich'", zitiert Hersh den Sicherheitsberater.

Es folgte der Luftangriff der USA - und damit Trumps Eingriff in den syrischen Bürgerkrieg.

Doch es gibt große Zweifel an Hershs Recherche

Aber auch Hershs Bericht weckt Zweifel. Schon 2013 war der US-Journalist überzeugt, einen Skandal um einen vermeintlichen Giftgas-Angriff aufgedeckt zu haben. 2013 soll das Assad-Regime in Ghouta Sarin-Gas eingesetzt haben. Hersh verdächtigte die türkische Regierung, hinter dem Angriff zu stecken.

Der britische Investigativjournalist und Blogger Eliot Higgins meldete damals Zweifel an Hershs Texten an. Im "Guardian" schrieb er, dass die Türkei nicht in den Giftgas-Angriff von 2013 verwickelt war, so wie es Hersh behauptet hatte. Higgins berief sich dabei unter anderem auf UN-Erkenntnisse.

Und auch den aktuellen Bericht von Hersh kritisiert Higgins scharf. Für die Analyse, dass die Giftwolke aus Dünger und anderen Mitteln bestehe, gebe es keine Hinweise, schreibt der Blogger auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Das sei lediglich die Behauptung der syrischen und der russischen Regierung.

Der "Spiegel"-Journalist Mathieu von Rohr bezeichnet auf Facebook den "WamS"-Bericht als "höchst zweifelhaftes Stück". Er schreibt: "Wie so oft basiert auch Hershs jüngstes Stück im Kern auf einer einzigen anonymen Quelle und deren 'sensationelle' Aussagen widersprechen den bekannten Fakten, allen bisherigen journalistischen Recherchen, den Satellitenbildern und den Augenzeugen vor Ort, sowie den Ergebnissen der OPCW (Organisation für das Verbot von Chemiewaffen)."

Die "WamS" bezeichnet Hersh als "bekanntesten Investigativ-Journalisten der USA". Dass Hersh in den letzten Jahren aber vor allem "mit immer abstruseren Verschwörungstheorien (etwa zum Tod von Osama bin Laden und zu Giftgas in Syrien) auf sich aufmerksam machte", werde von der "Welt" nicht erwähnt.

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(ujo)

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