Martin Schulz tritt auf dem SPD-Parteitag auf wie ein Vize-Meister – und begeistert nur bei einem Thema

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Martin Schulz tritt auf dem SPD-Parteitag auf wie ein Vize-Meister – und begeistert nur bei einem Thema | dpa
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  • Beim Bundesparteitag der SPD hat Martin Schulz einen soliden Auftritt hingelegt
  • Er begeisterte die Anhänger aber nur bei einem Thema
  • Die SPD dürfte die Chance verpasst haben, die Umfrage-Krise zu beenden

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist ein Freund von Fußballmetaphern. "Ein Gegentor heißt noch nicht, dass das Spiel entschieden ist“, sagte er nach der verlorenen Landtagswahl im Saarland.

Nach dem Bundesparteitag der Sozialdemokraten in Dortmund will man dem SPD-Chef eine andere Fußball-Floskel entgegenwerfen: "Wer seine Chancen nicht nutzt, verliert am Ende meist das Spiel.“

Denn: Zwar schaffte es Schulz in seiner exakt 81-minütigen Rede für eine solide Grundeuphorie zu sorgen – die Kehrtwende wird er damit bei den Wählern und den SPD-Mitgliedern nicht eingeleitet haben.

Zu uninspiriert war sein Auftreten, zu kalkuliert die Inszenierung. Schulz trat einmal mehr auf wie ein Vize-Meister. Er hat damit eine wichtige Chance für den Turnaround in den Umfragen vergeben.

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Schulz begeistert nur, wenn es um Haltung geht

Das Problem ist nicht, dass Schulz die Menschen nicht mitreißt. Denn dass er das kann, zeigt er in Dortmund gleich mehrfach.

Als der SPD-Chef sich an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wendet – und mit donnernder Stimme fordert: "Lassen Sie die Journalisten frei – am Besten noch heute“ bekommt er dafür tosenden Applaus vom Publikum. Völlig zurecht.

Als Schulz erklärt, er sei stolz auf Deutsche wie Lamya Kaddor, Navid Kermani, Dunja Hayali und Jerome Boateng ist das so authentisch menschlich, dass man auch als objektiver Zuhörer versucht ist, in den Applaus der SPD-Basis einzustimmen.

Und als Schulz mit glühender Euphorie verspricht, mit ihm gebe es an der Ehe für Alle keinen Weg mehr vorbei, will man der SPD fast verzeihen. Verzeihen, dass die Partei eine Abstimmung über die Ehe-Öffnung aus falschverstandener Koalitionsdisziplin dutzendfach vertagt hat.

Schulz’ Problem ist ein anderes. Er glänzt nur dann, wenn es um Fragen der Haltung geht. Fragen, denen er sich in der repräsentativen Rolle des EU-Parlamentspräsidenten mit ganzer Hingabe widmen konnte.

So leidenschaftlich Schulz aber für eine offene Gesellschaft plädiert, so uninspiriert klingt er, wenn es um die Details seiner Politik geht. Er tritt auf wie ein Präsident – nicht wie ein Kanzler.

In der Westfalenhalle entsteht so der Eindruck: Selbst die jubel- und klatschfreudigen Jusos können sich für Schulz’ Allgemeinplätze zur Gerechtigkeit und Europa nicht mehr recht begeistern.

Wenn Schulz jetzt ruft "Es ist Zeit für Gerechtigkeit! Es ist Zeit für ein neues Europa“ ist das in etwas so erfrischend wie jedes weitere Wortspiel über den Schulz-Zug.

SPD macht es sich bequem

Ja, Schulz’ Aufgabe ist auch denkbar undankbar: Das Thema Rente, dem sich die SPD löblicherweise widmet, ist trotz allen Versuchen das zu ändern, auch im Jahre 2017 an Unsexyness kaum zu überbieten.

Das Steuerkonzept der SPD ist so moderat austariert, dass wohl der beste Polit-Rhetoriker daraus keine Kampfansage hätte zaubern können.

Genau darin liegt ein Teil des Problems. Die SPD macht es sich an diesem Sonntag zu bequem.

Die kontroverse Frage nach der Vermögenssteuer etwa, für die die Jusos eben so plädieren wie die Bayern-SPD, wurde so kurzerhand ausgeklammert.

Der Schein-Kompromiss: Das Wahlprogramm verspricht nun eine "Expertenkommission“, die die ganze Sache noch einmal prüfen soll.

Schulz’ inszenierter Eklat

Daran sieht man: Die Sozialdemokraten wollen jeden Misston im Keim ersticken – und sogar Herr über den eigenen Eklat bleiben. Anders lässt sich nicht erklären, was Schulz zu seiner Aussage treibt, die Union begehe mit ihrem zögerlichen Politikstil einen "Anschlag auf die Demokratie“.

Merkel treibe die Politikmüdigkeit so voran, dass das einem Angriff auf unsere Gesellschaftsordnung gleichkomme, argumentiert Schulz.

Er vergisst, ebenso wie Juso-Chefin Ueckerman ("Meine Generation hat Angela Merkel satt“), dass es Merkel ist, die laut Umfragen derzeit die Stimmen der meisten Erstwähler auf ihrer Seite hat.

Immerhin sorgt Schulz’ Blutgrätsche kurz einmal für so viel Aufregung, dass sich sogar CDU-Generalsekretär Peter Tauber bei Twitter empört.

Doch das war es dann auch schon, was von der Rede des SPD-Chefs bleiben wird.

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(ben)

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