Ein Imam versucht in den USA, islamfeindliche Propaganda im Netz zu bekämpfen

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Ein Imam versucht in den USA, islamfeindliche Propaganda im Netz zu bekämpfen | ALLISON V. SMITH FOR HUFFPOST
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  • Die Suchmaschine Google spuckt in den USA vor allem rechte Propaganda aus, sucht man nach Informationen zum Islam
  • Ein Imam möchte Google daher nun mit korrekten Informationen überfluten

Google bittet seine Mitarbeiter darum, "das Richtige zu tun". "Do the right thing", so lautet seit 2015 das Motto des Unternehmens. Es ersetzte die bis dahin gültige Formel "Sei nicht böse."

Doch bei einer Google-Suche ist das Böse manchmal ganz nah. Wenn ein Nutzer der Suchmaschine in den USA nach Informationen über den Islam sucht, führen die Ergebnisse meist zu Propaganda-Links - voller hassefüllter Lügen über Muslime.

Der Algorithmus der weltgrößten Suchmaschine macht hier definitiv nicht das Richtige. Besonders, wenn man einen Blick auf die erste Seite der Ergebnisse wirft. Und weiter als die erste Seite schauen die Nutzer in der Regel nicht.

Einfache Suchbegriffe wie "Moslem" und "Islam" führen meist zu brauchbaren Ergebnissen mit Links zu seriösen Seiten. Aber spezifischere Begriffe wie "Scharia", "Dschihad" oder "Taqiyya" liefern Links zu Seiten, die von Mitgliedern der rechtsextremen und rassistischen Bewegung der "White Supremacists" optimiert wurden - und die Islamfeindlichkeit und Lügen verbreiten.

Das Gleiche geschieht mit den automatisierten Suchvorschlägen. Wenn ein Nutzer "erlaubt der Islam" eingibt, dann lautet der erste Suchvorschlag "erlaubt der Islam Terrorismus". Ein weiterer Suchvorschlag, der bei den Wörtern "müssen muslimische" erscheint, ist: "Müssen muslimische Frauen gerettet werden".

Es gibt endlose Beispiele und Möglichkeiten für Falschinformationen. Die Konsequenzen sind besorgniserregend.

Laut Forschern gibt es eine Verbindung von Google-Suche und Hass-Verbrechen

"Neunzig Prozent der Menschen lesen bei ihrer Suche nicht weiter als die erste Seite", sagt Heidi Beirich, eine Projekt-Direktorin vom Southern Poverty Law Center, gegenüber der HuffPost. "Auf diese Weise werden Millionen von Menschen über viele Themen falsch informiert, wenn nicht sogar Milliarden von Menschen.“

Tatsächlich besteht eine Verbindung zwischen anti-muslimischen Suchen und Hass-Verbrechen, die sich gegen Muslime richten, behaupten Forscher.

Das Ergebnis: Zum einen begehen die "White Supremacists" abscheuliche Gewalttaten, so geschehen in Portland oder Tulsa.

Noch viel schändlicher aber ist es, dass solche Google-Suchen eine Kultur der Angst schaffen. Das führt dazu, dass kopftuchtragende Teenager und muslimische Angestellte angegriffen werden - und das schon fast als Normalität angesehen wird.

Ein Imam begehrt auf

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Imam Suleiman will Google mit korrekten Informationen überfluten

Aber Omar Suleiman, ein amerikanischer Imam aus Dallas und Gründer des Yaqeen Institute for Islamic Research, hat eine Idee, wie man dem entgegenwirken kann.

Suleiman und sein Team haben Artikel über kontroverse Themen im Islam veröffentlicht – wie zum Beispiel den Dschihad. Sie hatten die Hoffnung, so den Such-Algorithmus beeinflussen zu können. Ziel war es, die Suchergebnisse mit korrekten Informationen über den Islam zu überfluten.

Denn Suleiman, 30 Jahre alt, erkannte vor einigen Jahren, dass ein dringender Bedarf an handfesten Fakten über den Islam bestand. Während der selbsternannte Islamische Staat (IS) zu immer mehr Macht gelangte, bemerkte er, wie Gruppierungen des rechten Flügels die Sprache des IS mit den Überzeugungen der gesamten muslimischen Bevölkerung weltweit gleichsetzten.

Einer von Suleimans bekanntesten Artikeln handelt von der islamischen Idee der "Taqiyya". Der Begriff bezeichnet ein Prinzip, wonach Muslime ihren Glauben in Notsituationen verheimlichen dürfen.

"Patrioten erschaudern vor bärtigen Fremden"

Islam-Gegner und "White Supremacists" nutzen den Begriff jedoch für ihre Zwecke. Sie beschuldigen Muslime, damit die Welt über ihr wahres Ziel in die Irre führen zu können. Das wahre Ziel sei natürlich die Weltherrschaft.

Suleiman erklärt in seinem Bericht, dass "Taqiyya" tatsächlich ein jahrhundertealtes Konzept beschreibt, das es Muslimen erlaubt, ihren Glauben zu verbergen, wenn sie durch Verfolgung bedroht sind. Meist bedient sich die schiitische Minderheit der "Taqiyya". Moderne Muslime nutzen die "Taqiyya" kaum.

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Suleiman im Yaqeen Institut

Weil "Taqiyya" ein arabisches Wort ist, nutzten Islam-Gegner diesen Begriff einzig zu dem Zweck, um Angst zu verbreiten, sagt Suleiman gegenüber der HuffPost. Es ist ein ungewohnter Klang und noch dazu ein Wort aus einer Religion, die als fremd angesehen wird.

"'Taqiyya' lässt den patriotischen Amerikaner, der es nur gut meint, aber dabei meistens völlig falsch informiert ist, und der genug hat von den bärtigen, Turban tragenden Fremden, erschaudern. Was ist daran schon falsch?", so schreibt es Suleiman in seinem Artikel.

Doch Google spuckt weiterhin rechte Propaganda aus

Das Yaqeen Institute hat außerdem Artikel über Ehrenmorde, Steinigungen und den Dschihad veröffentlicht. Allesamt Themen, die von Islam-Gegnern immer wieder dazu genutzt werden, um den Islam und Muslime zu verunglimpfen.

Aber es mit dem Internet aufzunehmen ist keine leichte Aufgabe. Vielleicht ist es sogar unmöglich.

Suleimans "Taqiyya"-Artikel erscheint erst auf der zweiten Seite der Google-Suche. Der erste Link ist ein Artikel der Webseite "meforum", des Middle East Forums.

Auf den ersten Blick wirkt der Text seriös, aber das Middle East Forum ist tatsächlich ein islamfeindlicher Think Tank, eine Website, die "amerikanische Interessen im Nahen Osten fördert und die westliche Werte vor den Bedrohungen des Nahen Ostens schützt". Weitere Anti-Islam-Webseiten folgen auf der ersten Seite der Google-Suche.

Es gibt erste Anzeichen, dass sich etwas ändert

Das Southern Poverty Law Center hat ähnliche – und ernstere – Probleme dokumentiert - für den Fall, wenn Nutzer den Suchbegriff "Scharia" verwenden.

"Fakten über den Islam in einfachen Suchen werden meist von anti-muslimischer Propaganda geschluckt“, sagt Alex Amend. Er ist Direktor für digitale Medien am Soutern Poverty Law Center.

Es gibt jedoch Fälle aus der Vergangenheit, die zeigen, dass Google sich ändern kann. Im letzten Jahr wurde der Suchvorschlag "Sind Juden böse?" entfernt.

Außerdem entschuldigte sich das Unternehmen dafür, dass es Afroamerikaner aus Versehen mit dem Schlagwort "Gorillas" in der Google-Bildersuche markiert hatte.

"Wir sind erschüttert und der Vorfall tut uns außerordentlich Leid“, sagte eine Google-Sprecherin damals. "Es gibt ganz offensichtlich noch eine Menge Arbeit bei der automatischen Kennzeichnung von Bildern und wir arbeiten daran, diese Fehler in Zukunft zu vermeiden."

Noch bleibt viel zu tun

Die Projekt-Direktorin vom Southern Poverty Law Center, Beirich, sagt, dass Googles Bemühungen noch nicht ausreichen würden. "Googles Algorithmus ist fehlerhaft und das ist beängstigend, weil Millionen von Menschen überall auf der Welt Google nutzen", sagt sie. "Das ist ein fundamentales Problem der Funktionsweise von Suchmaschinen."

Beirich nennt auch den Fall des Rechtsextremisten Dylann Roof. Der habe "sich von jemandem aus einem nicht-rassistischen Elternhaus zu jemandem entwickelt, der so sehr von der Propaganda der 'White Supremacists' eingelullt war, dass er neun Afroamerikaner während einer Bibelstunde ermordete."

Das Southern Poverty Law Center hat seine Bedenken gegenüber Google geäußert, aber Taten blieben bisher aus.

Eine Google-Sprecherin sagte gegenüber der HuffPost, dass sie "dem nichts hinzuzufügen habe", als sie auf die gefährlichen Suchergebnisse angesprochen wurde.

Auch wenn die Wetten für Suleiman schlecht stehen, so ist er doch hoffnungsvoll. "Der Preis der Islamfeinde sind die Herzen und die Köpfe der Menschen", erzählt Suleiman. "Wir müssen diese Menschen und ihre Agenda weiter diskreditieren."

Mehr zum Thema: Der Islam ist unser stärkster Verbündeter im Kampf gegen die Mörder

Dieser Artikel erschien zuerst auf der HuffPost US und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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