Nach dem Anti-Israel-Eklat an Berliner Universität: Diese Bewegung steckt dahinter

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BOYCOTT ISRAEL
Eine Anti-Israel-Demonstration in Jordanien | Muhammad Hamed / Reuters
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  • Vor Kurzem haben einige Mitglieder der BDS-Bewegung eine Veranstaltung mit einer Holocaust-Überlebenden gestört
  • Die israel-kritischen Aktivisten gelten zum Teil als Antisemiten, sogar jüdische Israelis beteiligen sich an ihren Aktionen
  • Das steckt hinter der BDS-Bewegung

Plötzlich wurde es laut im Hörsaal. “Das Blut des Gazastreifens klebt an euren Händen”, schrien aufgebrachte Männer am Dienstag bei einer Podiumsdiskussion an der Berliner Humboldt-Universität.

Bei der Veranstaltung sollten die 83-jährige Holocaust-Überlebende Deborah Weinstein und die israelische Abgeordnete Aliza Lazie (von der liberalen Partei Jesch Atid) sprechen. Die Mitglieder der anti-israelischen BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) störten jedoch den Vortrag.

Bei dem skandalösen Auftritt scheint es sich auf den ersten Blick um eine antisemitische Aktion zu handeln. Judenfeindlichkeit steht derzeit ohnehin im Fokus der Öffentlichkeit, nachdem sich Arte weigerte eine Dokumentation über Antisemitismus auszustrahlen.

Allerdings ist bei der BDS-Bewegung die Einordnung schwieriger, als man auf den ersten Blick denkt.

1. Das will die BDS-Bewegung

Zwar gilt ein Teil der BDS-Bewegung als antisemitische Organisation. So berichtet der unabhängig arbeitende Expertenkreis Antisemitismus des Bundestags, die Sprache der Bewegung gehe über bloße Kritik am Staat Israel hinaus - und nutze antisemitische Stereotype.

Die Bewegung richtet sich gegen den israelischen Staat, ihre Mitglieder greifen dazu auf Boykott, den der Abzug von Kapital (Desinvestitionen) und Sanktionen zurück. Daraus leitet sich auch der Name der Bewegung ab.

Doch wie der jüdische Aktivist Armin Langer der HuffPost sagte: “Wir müssen immer genau hinschauen, um wen es geht, wenn wir über die BDS-Bewegung sprechen. Denn es gibt auch viele Aktivisten, die sogar für eine Zwei-Staaten-Lösung sind.”

Einige ihrer Mitglieder wollen also den israelischen Staat nicht beseitigen, sondern eine Koexistenz von Israelis und Palästinensern schaffen. Und nicht nur Palästinenser nehmen an den Aktionen der Bewegung teil.

Mehr zum Thema: Hass und Antisemitismus werden in Deutschland salonfähig

2. So ist die BDS-Bewegung entstanden

Die Boykott-Kampagne geht zurück auf eine Initiative von palästinensischen Organisationen. 2005 riefen mehr als hundert von ihnen die BDS-Kampagne aus. Ihre Forderung: Israel müsse die Besetzung "allen arabischen Landes" beenden.

Seitdem hat sich die BDS-Bewegung jedoch zu einer weltweiten Bewegung entwickelt, die gerade auch im englischsprachigen Raum aktiv ist.

Und auch Israelis sind Teil der Aktionen. Laut Informationen der HuffPost waren unter den Demonstranten an der Humboldt-Universität auch zwei jüdische Israelinnen.

Jüdinnen, die gegen ihren eigenen Staat protestieren? "Viele sehen in dieser Form des Protests die einzige Möglichkeit, gegen ihre eigene Regierung aufzubegehren", erklärt Langer.

Dieser Fakt zeigt: Einfach als antisemitische Bewegung lässt sich die BDS-Bewegung nicht abtun. Auch wenn das in den Medien immer wieder so formuliert wird.

3. Wie antisemitisch ist die BDS-Bewegung?

Der Berliner “Tagesspiegel” etwa stellt die These auf, ob es sich bei der BDS-Bewegung um “Antisemiten mit freundlichem Antlitz” handele.

Die Antwort: Auch wenn die Wortwahl weicher als etwa bei der palästinensischen Terror-Organisation Hamas ausfalle, Ziel der Bewegung bleibe die “Vernichtung des Judenstaates”, schreibt der “Tagesspiegel”.

Auch Langer gibt zu: “Die Bewegung ist natürlich problematisch, weil sie auch eine Plattform für Antisemiten bietet."

Und auch die Art und Weise, wie die BDS-Bewegung vorgeht, kann und muss kritisiert werden. Darf man eine Holocaust-Überlebende anschreien, um auf seine eigenen Ziele aufmerksam zu machen?

Die linke Tageszeitung “Taz” schreibt daher auch über die Boykott-Befürworter in einem kritischen Kommentar, sie würden auf Methoden zurückgreifen, “mit deren historischer Dimension man sich entweder nicht auseinandergesetzt hat oder diese Dimension gar bewusst nutzt.”

Fraglich bleibt daher auch für die “Taz”, ob die BDS-Bewegung einer Lösung des komplizierten Nahostkonflikts näher kommen kann.

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(mf)

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