Putins Handlanger sollen in Großbritannien 14 Menschen ermordet haben - und die Behörden schauten weg

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PUTIN
Putins Handlanger sollen in Großbritannien 14 Menschen ermordet haben - und die Behörden schauten weg | getty
Drucken
  • Eine Recherche von "Buzzfeed" zeigt: Handlanger des Kreml sollen in Großbritannien für den Tod von 14 Menschen verantwortlich sein
  • Doch die britischen Behörden verweigern die Aufklärungsarbeit

Machen Selbstmörder so was? Ein Messer ist zumindest nicht das naheliegendste Werkzeug, wenn jemand seinem Leben selbst ein Ende setzen will. Erst recht nicht zwei Messer.

Aber genau so, mit mehreren Stichen und zwei Messern, soll sich der britische Nuklear-Experte Matthew Puncher im November 2016 in seinem roten Backsteinhaus in Oxfordshire umgebracht haben.

Das Merkwürdige: Der Mann ist eine Schlüsselfigur im Mordfall "Litwinenko". Und er war kurz zuvor in einer sehr heiklen Mission zu Besuch in Russland.

Der Mordermittler, der den 46-Jährigen 2016 vorfand, war laut Presseberichten schockiert, wie "massiv" sich Puncher selbst verletzt habe.

Das hinderte die britischen Behörden nicht, den Fall als Selbstmord abzuheften. Akte weg, Zweifel weg.

"Buzzfeed" – mit 150 Millionen Besuchern pro Monat eines der meistbesuchten englischsprachigen Medienportale - präsentiert nun eine ganz andere Version von Punchers Tod – unter Berufung auf Informationen von US-Geheimdiensten.

Milliarden aus Moskau verhindern die gerichtliche Aufarbeitung

Puncher ist demzufolge eines von insgesamt 14 – in Worten: vierzehn - Opfern von Morden in Großbritannien, die in Zusammenhang mit der Vergiftung des Putin-Kritikers und FSB-Abtrünnigen Alexander Litwinenko in London 2006 stehen.

Die Spuren in all diesen Mordfällen führten nach Moskau, berichtet "Buzzfeed". Ebenfalls unter Berufung auf Geheimdienstquellen.

"US-Geheimdienstquellen" haben in Deutschland nicht den besten Ruf. Dennoch sind die Umstände vieler der Morde so haarsträubend, dass sie einer genaueren Betrachtung wert sind.

Die britischen Behörden hatten in all diesen Fällen alle entsprechenden Verdächtigungen zurückgewiesen und alle weiteren Ermittlungen eingestellt.

Auch im Falle der Ermordung Litwinenkos wollte der britische Staat weitere Ermittlungen mit allen Mitteln stoppen. Das sagte die Witwe des Toten, Marina Litwinenko, der HuffPost.

Verantwortlich damals für die Versuche, eine gerichtliche Aufarbeitung zu stoppen: Ausgerechnet Innenministerin Theresa May, heute Premierministerin.

May sagte erstaunlich offen, warum sie nicht so genau hin sehen wollte: Um die Beziehungen mit Russland nicht zu gefährden.

Die Milliarden aus Moskau sind der Schmierstoff, der den Finanzplatz London so richtig auf Hochtouren bringt und Vermögen ins Land spielt.

Mord im Auftrag von Putin?

Die Weigerung ist umso merkwürdiger, als durch den Anschlag mit dem hochgiftigen, radioaktiven Polonium mitten in London rund 3000 Menschen in Mitleidenschaft gezogen bzw. ärztlich wegen Verdachts von nuklearer Strahlenbelastung untersucht werden mussten, wie Litwinenko berichtet.

Was wiegt schwerer? Die Sicherheit der Bevölkerung? Gerechtigkeit und Aufklärung von Straftaten? Oder die Investoren aus Putins Umfeld und Reich? Ihre Milliarden, die man nicht vergraulen will?

Die Litwinenko-Witwe verklagte den britischen Staat.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Und so konnte sie schließlich durchsetzen, dass der Mordfall von einem Richter untersucht wurde. Der Fall landete bei dem angesehenen Robert Owen.

Richter Owen kam in seinem Untersuchungsbericht zu einem eindeutigen Schluss: Der russische Staat steckt hinter der Ermordung. Ohne Zweifel. Und wahrscheinlich habe Putin selbst den Mord gebilligt.

Litwinenko wurde umgebracht, wenige Tage bevor er von spanischen Behörden zu Ermittlungen über einen Sankt Petersburger Mafia-Clan vernommen werden sollte, dem sehr enge Verbindungen zu Putin nachgesagt werden. Zudem verbreitete er unappetitliche angebliche Details aus Putins Privatleben.

Der mutmaßliche Mörder erhält Orden

Der Mörder war laut Richter Owen demzufolge Alexander Lugowoj. Der frühere Agent des FSB, wie sich der KGB jetzt nennt, sitzt heute als Abgeordneter im russischen Parlament. Damit besitzt er Straffreiheit.

Kurz nach der Ermordung von Boris Nemzow erhielt der Litwinenko-Mörder einen hohen Orden aus der Hand Putins.

So viel Schutz für den Mörder von ganz oben im Kreml macht den Litwinenko-Fall besonders brisant für den Kreml.

Dass der Fall weltweit so viele Schlagzeilen machte, liegt vor allem auch an dem Nuklear-Experte Matthew Puncher - dem Mann, der sich angeblich mit zwei Messern und zahlreichen Stichen selbst ermordete.

Puncher war unterwegs in gefährlicher Mission in Russland

Ohne den Experten für die Auswirkung von Strahlen auf den menschlichen Organismus - damals Mitarbeiter der staatlichen Gesundheitschutzagentur - wäre der Fall Litwinenko vielleicht als ungeklärter Todesfall abgehackt worden – ohne jede Verbindung nach Moskau oder gar zu Putin.

Die russischen Investments an der Londoner Börse wären nicht gefährdet gewesen, zwischen Großbritannien und Russland wäre alles wie geschmiert gelaufen.

Aber Puncher hat nicht nur da Sand ins Getriebe geschüttet.

Der Nuklear-Experte war einen Monat vor seinem Tod zu Besuch in Russland – und wurde dort laut "Buzzfeed" vom Geheimdienst observiert.

Kein Wunder angesichts seiner Mission in Putins Reich: Puncher wollte im Auftrag der US-Regierung die Auswirkungen von Polonium auf den menschlichen Körper studieren, und zwar vor Ort an der berüchtigten Mayak-Atomanlage in West-Sibirien.
Mayak gilt als Staatsgeheimnis und Buch mit sieben Siegeln.

Und die Umgebung der Nuklearanlage ist eines der am stärksten radioaktiv verseuchten Gebiete der Welt.

Anwohner und Mitarbeiter leiden an Krebs, Mutationen, Übelkeit und anderen möglichen Strahlenfolgen.

Danach war Puncher ein anderer

Von einer seiner Reisen nach Russland kam Puncher laut seiner Frau völlig verändert zurück.

Der zuvor musterhafte Familienvater habe das Interesse an der Familie verlieren. Selbst zum Waschen und Anziehen musste sie ihren Gatten anleiten.

Angehörige des Nuklear-Experten wollen laut "Buzzfeed" nicht an einen Selbstmord glauben – seien aber gar nicht erst befragt worden von den Ermittlern.

Ein Anti-Terrorist-Experte von Scotland Yard, den "Buzzfeed" anonym zitiert, beklagt mehrere Merkwürdigkeiten in dem Fall. Ein Selbstmord mit diversen Messerstichen sei "sehr ungewöhnlich" und man hätte zumindest einen Mordverdacht annehmen müssen. Und auch Punchers Russland-Mission durchleuchten.

Ermitteln hätten aber nur die lokalen Behörden, die solchen internationalen Verflechtungen gar nicht auf den Grund gehen könnten.

Die britische Regierung habe einen Kommentar zu den Mordvorwürfen in den 14 Fällen verweigert, so "Buzzfeed" – und ihr Schweigen mit "Sorgen um die nationale Sicherheit" begründet.

In einem weiteren Toten fand man Spuren von Gift

Neben dem Tod von Puncher analysiert "Buzzfeed" teils ausführlich die weiteren 13 Todesfälle im Umfeld des Falles Litwinenko – und ihre mutmaßlichen Verbindungen nach Moskau bzw. zum Fall Litwinenko.

So gingen die britischen Behörden etwa nach dem Tod des russischen Finanziers und Whistleblowers Alexander Perepilitschnij 2012 von einem natürlichen Tod des 44-Jährigen aus – obwohl ein Experte Vergiftungsanzeichen entdeckt hatte.

Perepilitschnij hatte geholfen, eine russische Geldwäsche-Affäre um 230 Millionen Dollar aufzuklären. Er bekam Morddrohungen.

Bei neuen Untersuchungen zwei Jahre nach Perepilitschnijs Tod wurden Spuren einer seltenen Giftpflanze in seinem Magen entdeckt.

"Buzzfeed" zählt zahlreiche weitere Rätsel bei den übrigen Todesfällen auf. Und sieht die Spuren in Moskau. So unter anderem bei dem Oligarchen und Putin-Intimfeind Boris Beresowskij und dessen Geschäftspartner Badri Patarkatsischwili.

Auch Litwinenko-Ermittler der britischen Behörden hatten kürzlich berichtet, bei einem dienstlichen Besuch in Moskau zur Aufklärung des Mordfalls sei versucht worden, sie zu vergiften.

"Buzzfeed" bleibt harte Beweise schuldig

Harte Beweise für eine Beteiligung Moskaus in den Todesfällen, die über die Angaben der US-Geheimdienste hinausgehen, bringt "Buzzfeed" nicht.

Vielleicht ist das der Grund, warum in deutschen Medien laut Google kaum etwas zu der mysteriösen Todesserie zu finden ist.

So ein Wegsehen ist allerdings kurzfristig. Denn es gibt keinen Grund für eine Entwarnung.

Putin stellt sich selbst ausdrücklich in die Tradition der Sowjetunion. Und nützt in den verschiedensten Bereichen deren Methoden.

Die Naivität im Westen ist gewaltig

Schon unter Stalin und Chruschtschow war es für Moskau kein Tabu, Regimegegner und Kritiker auch im Ausland umzubringen.

Die Liste der Opfer reicht von Leo Trotzki, der 1940 in Mexiko mit einem Eispickel erschlagen wurden, über Stepan Bandera, den KGB-Agenten 1959 in München mit einem Blausäure-Anschlag töteten, bis hin zum Regenschirm-Mord an dem Exil-Bulgaren und Journalisten Georgi Markov in London 1978.

Dass Markows Ermordung mit Hilfe eines Giftes aus einem KGB-Geheimlabor erfolgte, konnte erst nach dem EU-Beitritt Bulgariens Jahrzehnte später aufgeklärt werden.

Seit dem Markow-Mord hat sich auf der einen Seite wenig geändert: Harte Beweise sind bei möglichen Geheimdienstmorden erst dann zu finden, wenn die Geheimdienstzentralen geöffnet werden.

Andererseits ist anders als zu Markows Zeiten heute die Naivität im Westen gewaltig. Geschichtsvergessen können sich viele gar nicht mehr vorstellen, dass Geheimdienste gezielt Menschen umbringen. Zumindest keine russischen.

Doch die Skepsis ist gefährlich

Aber so wichtig die Unschuldsvermutung in der Rechtspflege gegenüber einzelnen Menschen ist – so unsinnig ist es, sie auf Unrechts-Staaten zu übertragen.

Im Falle Litwinenko ist die Beweislage zu Lasten Moskaus eindeutig. Der russische Staat agierte hier als Mörder. Gerichtlich bestätigt. Bereits zum Jahreswechsel hat eine massive Welle von ungewöhnlichen Todesfällen unter russischen Diplomaten und Offiziellen in besten Jahren für Spekulationen gesorgt.

Wenn nun in großer Anzahl Gegner dieses Staates mit ähnlichen Symptomen und auf merkwürdige Weise ums Leben kommen, und wenn bekannt ist, dass die Geheimlabors des FSB/KGB Gifte entwickelt haben, die nicht nachweisbar sind, wenn zudem der betroffene Staat auffallend wenig Ermittlungswillen zeigt und umso mehr Schweigsamkeit, wäre es sträflich, einen Zusammenhang auszuschließen.

Wenn die britischen Behörden weiter mauern und nicht rückhaltlos aufklären, machen sie sich im schlimmsten Fall zu Komplizen.

Mehr zum Thema: Psychoterror, Medienattacken und Morddrohungen: Das gefährliche Leben der Putin-Kritiker

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(ll)

Korrektur anregen